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ich beschwöre Siees ziehen sich Ungewitter über Ihnen Allen zusammen

Wildungen! Lassen Sie von dieser entsetzlichen Verblendung Ihrer Gesinnungen! Werdeck hat sich nicht verteidigen können. Er behält den Hausarrest, seine Papiere sind in Beschlag genommen ...

Dankmar wollte erwidern. Sie wurden von Offizieren gestört, die ihre Freischärler und Wühlhubers von Chokolade und Dragée durch den Saal wie Siegstrophäen trugen und die Bärte dieser wilden Kerle analysirten ... Sie blieben bei fräulein von Flottwitz stehen.

Dankmar ging. Mit flüchtigem Gruss huschte er an der Trompetta, die ihn doch auch noch ausbeuten, wenigstens nach seinem Prozess fragen wollte, vorüber. Wehmut ergriff ihn über die Welt, die Zeit, auch über dies vielbewunderte und vielverspottete Mädchen. Ob seine Einwände auf Friederike Wilhelmine von Flottwitz Eindruck gemacht und ihre Ansichten berichtigt hätten, musste er bezweifeln. Solchem Fanatismus gegenüber war keine Verständigung möglich, selbst durch die Liebe nicht und wahrhaft schmerzlich ergriff es ihn, dass ein Wesen so reiner, lichtreiner natur, so liebenswürdig, so aufopferungsfähig, so heroisch und charaktervoll, ein Wesen, vielleicht ganz geschaffen, auch ihn zu verstehen, ihn selbst glücklich zu machen, doch durch den Zwiespalt der Zeit ewig von ihm getrennt und für ein Andersdenken völlig unempfänglich war ... Ein Weib in seinen Armen zu halten, das eine von seinem innersten Menschen getrennte Selbständigkeit beanspruchte, wäre ihm fürchterlich gewesen. Dies Mädchen, so reizend, so poetisch, so weihevoll gestimmt ... es liebte ihn ... er sah es ... und ihn selbst durchzuckte es, als er einen Augenblick beim Berichtigen seiner Einkäufe leise ihre Finger berührte. Er konnte sich denken, wie treu, wie hingegeben, wie seelenvoll Wilhelmine an ihm hängen konnte; er fühlte die Kraft ihres Willens, ihrer hohen Weiblichkeit in ihn überströmen durch diese einzige Berührung, durch den wehmütigen Abschiedsblick und doch getrenntdoch furchtbar getrennt! – Es überrieselte ihn kalt, als er solcher Geheimnisse der Zeit gedachte und es bedurfte mehrer Tage, bis er sich von dem schmerzlichen Eindruck dieser Begegnung erholen konnte. Ein weibliches Bild, das ihm da dann immer lächelnd und tröstend entgegentrat, blieb Selma. Wie sehnte er sich nach dieser Gestalt, nach diesem Wiedersehen! Doch nahm ihn der Ernst des Augenblicks zu sehr in Anspruch ... Über Werdeck's Brief las man in allen Zeitungen das Empörendste. Und Dankmar wurde sogar von dem halbgefangenen Major ersucht, sich ihm eine Weile fern zu halten ... In wenig Tagen hofften die Freunde die Berichtigung dieser gefahrdrohenden Irrungen.

Fünfzehntes Capitel

Stürme

Fürst Egon von Hohenberg ging auf der Bahn, die er sich einmal vorgezeichnet hatte, unerschrocken weiter. Das sichre und feste Auftreten, das jeden seiner Schritte bezeichnete, verlieh ihnen eben so vielen Erfolg, wie die allgemeine Abspannung einer Zeit, die nach manchem Sturm und Wirbelwinde sich auf dem noch so haltlosen platz, wo sie sich grade befand, doch erst zurechtfinden und mit dem nächsten Bedürfnisse wieder vermitteln wollte. Major von Werdeck bezeichnete Das in seiner Weise einst unter den Freunden, die voll Kummer die über ihn verbreiteten falschen und lügnerischen Berichte vernahmen, mit den Worten:

Es muss doch nun Jeder erst wieder sehen, was inzwischen aus seinem Kraut- und Rübenacker geworden ist! Die gekündigten Kapitalien müssen doch erst wieder neu angelegt werden, die Staatspapiere ein wenig höher auf der Skala des Vertrauens steigen. So rasch geht Das nicht Alles! Wenn man marschirt, macht man immer nur so lange Tour, bis die Arrièregarde, das Bagage- und Trainwesen in Ordnung ist. So lange ruht man. Dann geht's weiter.

Und ... setzte er in seinem noch ungestörten Humor damals hinzu. Die vielen Mädchen, die inzwischen mannbar geworden sind! Für die muss doch auch erst wieder ihre Zeit kommen. Es müssen doch erst wieder Hochzeiten gemacht werden. Der grosse Lebenszweck darf doch nicht aussterben. Das geht nicht, dass sich Alles ewig und immer in prekärer Unklarheit so fortwälzt und nicht mehr Bälle und Verlobungen stattfänden. Nein, da sorgen schon die Mütter für. Die stemmen sich mit Riesenkraft gegen den rollenden Wagen der Zeit und legen seinen Rädern ihre Hauspantoffeln als Hemmschuhe unter. Die eigentliche Aufgabe des Menschengeschlechts, die Familie und ihre Versorgung, darf nicht zu kurz kommen und die Kaufleute und Krämer und Handwerker wollen doch auch einmal erst ihre Handlungsbücher wieder revidiren und ihre Kundschaft begrüssen; hernach mag's weiter gehen!

Werdeck behielt seinen Gleichmut trotz drohender Vorboten einer Katastrophe, die ihn gegen das Frühjahr vernichtend traf. Man hielt ihm mehre Briefe entgegen, in denen seiner als eines Vertrauten und Eingeweihten fremder Emissäre Erwähnung geschah. Ja von einem Briefe war die Rede, den er selbst an Flüchtlinge geschrieben hätte. Zwar bekam der Angeschuldigte namenlose Zuschriften, die ihm anzeigten, dass es sich hier um ein boshaftes Komplott und eine grossartige, weitverzweigte Fälschung handelte, aber ein Eklat war doch grell genug gegeben und Werdeck musste sich einstweilen zur Disposition stellen lassen. Er schied mit Schmerz von seinen Kriegern, aber auch voll Bitterkeit. Die Untersuchung wurde parteiisch geführt, aber es fanden sich doch Zeichen, dass Werdeck's Verbindung mit irgend einem Geheimwesen nicht aus der Luft gegriffen warein Bund war daWerdeck war das erste Opfer des Kleeblattsymboleser musste seinen Degen geben und, als er ihn später wieder empfangen sollte, sich einen Hausarrest gefallen lassen. Im Zorn zerbrach Werdeck diesen Degen und verschlimmerte dadurch