vollkommen, dass seine Gattin in ältern Tagen, noch während ihrer ersten Verheiratung – mit ihm führte sie die zweite Ehe – mit der Fürstin verfeindet war; er hatte noch neuerdings, wo gerade auf ihre Veranlassung der Ankauf der Hohenberg'schen Einrichtung betrieben wurde und sie sich vor Ablieferung an den Hof die genaueste Untersuchung derselben in der Residenz bedingte, bei Auseinandersetzung der Gründe, die sie scheinbar dazu bestimmt hätten, das lebendigste Auftauchen der alten Erinnerungen Paulinens beobachten können, und somit überstieg das Gespräch das Maass Dessen, was er als Gatte und überhaupt als Excellenz glaubte hier so ungeahndet mit anhören zu dürfen ....
Melanie aber rief:
Lasst die toten ruhen! Was quälen wir uns damit, zu erforschen, was die Verstorbenen noch Alles gedacht oder gefühlt haben mögen! Zürnen Sie nicht, Herr Pfarrer, dass wir so oberflächlich und weltlich sind! Unsere Religion ist die natur, die Kunst, die Freude! Kommen Sie, wir wollen etwas Musik machen, wenn dieser Tonkasten hier bei guter Laune ist und die Gnade hat, noch einige Klänge herzugeben.
Damit öffnete sie den Flügel, der noch in diesem saal von den ehemals hier gehaltenen Betstunden stehengeblieben war. Es war ein altes verbrauchtes Instrument, dessen Klang schon vor Jahren nur soweit ausreichte, leidlich eine Melodie anzugeben oder durch kraftvolles Anschlagen der Dominante einen Bauernchor zu verhindern, nicht immer taumelnd in den Octaven herumzuspringen oder einen Vers um eine Terz höher zu schliessen als man ihn angefangen hat ....
Melanie schlug eine Polka an. Manche Saite war schon gesprungen, manche sprang jetzt erst. Sie liess sich jedoch nicht irremachen, sondern begleitete die leicht tändelnde Melodie, die sie spielte, mit den entsprechenden Bewegungen ihres Körpers. Zuletzt gab es denn aber doch ein zu klägliches Durcheinandersummen der ungestimmten Töne. Ärgerlich brach sie ab. Sie konnte aber vollkommen befriedigt sein von dem heitern Erfolge ihrer Improvisation. Man war die feierliche Stimmung los, stand auf, nahm einige kalte speisen zu sich, die Madame Schlurck nach dem Tee herumreichen liess, und stellte sich in Gruppen an die Fenster, an den Flügel, an das Kanapee der freundlichen Wirtin.
Guido Stromer aber war nicht der Mann, der sich so leicht enttronen liess. Er warf sich mit leichtem Geschick auch auf diese neue Wendung des Abends, lobte Melanie's Spiel, rühmte die speisen, erörterte die kleinsten Dinge durch piquante Commentare und entwickelte dabei immer denselben analytischen Geist, der sich in jede Gedankenreihe mit dem Talente, sie auszuspinnen und sinnig zu verknüpfen, finden konnte. Herr von Harder mied jedoch den vulkanischen Mann. Ohnehin neckte ihn Melanie und wusste ihn, gleich einem Magnet, der in einer Wasserschüssel blecherne Enten und Fische nach allen Seiten zieht, bald in diese bald in jene Ecke zu locken, sodass er nahe daran war, von dem Nimbus seiner ihn umstrahlenden Würde viel einzubüssen und sich wie Einer der Andern unter den Andern zu verlieren. Als er anfing, doch auch zu freundlich zu zerschmelzen, zu geziert, wie Malvolio in Shakspeare's "Was Ihr wollt", nach geschnörkelten Phrasen wie nach Fliegen zu haschen, entwand sich ihm das listige Mädchen und ging gerade da, wo er schon zweideutig zu flüstern begann, in einen lauten Ton über, den Alle hören sollten. Man gruppirte sich um sie. Sie neckte Alle. Sie neckte den Commerzienrat mit seinen Staatspapieren, den Justizdirector mit seinen Processen, Eugen Lasally mit seinen Wettrennen, für die er Pferde und Jockeis hungern und mager werden lassen müsse .... So hatte sie es dahin gebracht, dass Alles wieder sass und sich gefallen liess, Rätsel und Charaden zu lösen, die sie in schnellster Gewandheit, den anwesenden Personen angepasst, zu erfinden verstand.
Die Überladung, die das eigentümliche Kennzeichen der Häuslichkeit Schlurck's war, brachte auch für diesen Abend, wie für jeden noch eine Collation Champagner. Dieser Wein war bei Schlurck so eingebürgert, dass man wohl sagen konnte: er floss bei ihm in Strömen. Es mochte dieser Luxus daher kommen, dass Viele seiner Committenten, Viele der Personen, denen er Häuser, Güter, Geschäfte verwaltete, ihn mit Naturalgeschenken dieser Art gern erfreuten. Ein gewisses prahlerisches Wohlleben war leider die tägliche Ordnung im Schlurck'schen haus und für so besonnen und klug Melanie's Mutter auch im Praktischen gelten konnte, nach dieser Richtung hin gestattete sie die vollste Freiheit und liebte es, jeden Tag als einen Tag der Freude zu begrüssen und zu beschliessen, als ein fest, wo Abends die Becher blinkten und Morgens wieder Rosen sie frisch umkränzten.
Ja! ja! rief zuletzt der vom Champagner angeregte Stromer, der kein Auge für Linchen, seine bescheidene Frau, den ganzen Abend über gehabt hatte, jetzt aber doch einmal zu ihr, der Dulderin, hinüberschritt mit dem Champagnerglase in der Hand; ja, ja, Lina, wie ist die Welt so schön, wenn man mit der natur auf vertrautem fuss steht! Da blitzt der Krystall, da lacht die Rebe, da funkeln Diamanten, auch wenn man Krystall und Diamanten nicht selbst besitzt! Im Auge liegt die Welt, im fröhlichen Auge der Liebe liegt sie gewiss; Liebe verklärt, Liebe besitzt, Liebe verjüngt! O wer sie nie gesehen hätte die schaurigen Schatten der Einsamkeit, wer nie erbebt wäre vor dem Anblicke des Todes! Da würden sie fern geblieben sein die düstern Gedanken, mit denen der grübelnde Mensch sich seinen Sonnenschein