1850_Gutzkow_030_777.txt

dem Sonderbaren geneigte Mann von Olga erfuhr, einen lebhaften Stachel seines Interesses fühlte. Er hörte aber darum nicht auf, den Brüdern Wildungen mit voller Seele anzugehören und wurde nicht nur ihr "Freund", wie der oberflächliche Ausdruck der grossen Welt wohl lautet, sondern ihr geheimster Vertrauter und ihnen auch der Gesinnung nach wenigstens gleichgestimmt, wenn auch sein Skepticismus keine politische Schwärmerei aufkommen liess.

Schwieriger war Siegbert's Begegnung mit der Fürstin. Die musste doch endlich auch stattfinden. Die musste doch irgendwie eingeleitet werden. Rudhard fühlte dies selbst, obgleich er inständigst bat, das Wiedersehen nicht zu übereilen und Siegbert's Rückkehr so lange geheim zu halten als nur möglich. Der rationalistische Kopf, der in seinem Priesteramte nur im grund einen Beruf sah, die Menschen aus unklaren religiösen Stimmungen aufzustören und Das für Religion gelten zu lassen, was Begriff, logische Tatsache war ... ihm geschah die wunderliche notwendigkeit, Siegberten zu raten, am zweiten Adventssonntage in die Stadtkirche zu gehen und dort nicht weit von dem stuhl, der Anna von Harder gehörte, die Fürstin zuerst flüchtig und vorläufig zu begrüssen. So vertraute er schon dem mildernden Gegendruck der religiösen Stimmung. Siegbert war nicht abgeneigt, die Fürstin auf diese Art zuerst zu sehen. Propst Gelbsattel predigte und diesem hatte er ohnehin der Schönau'schen Empfehlung wegen zu danken. Anna von Harder und die Fürstin, in Pelze gehüllt, waren unter dem immer gefüllten Auditorium, das der gefeierte Kanzelredner trotz seiner Opposition gegen die Zeit und ihre Strebungen versammelte. Siegbert grüsste sie, als die wie immer geistreiche, aber innerlichst unwahre Predigt vorüber war. Die Fürstin erblasste und wartete den Segen nicht ab, ohne den Anna von Harder nicht gehen wollte. Auch Anna erkannte Siegbert und grüsste mit der ganzen Huld, die ihr immer in jeder Lage eigen war ... Nun sah Rudhard freilich mit Schrecken, dass die Fürstin, kaum nach haus gefahrendie Livrée Grün mit Gold trug noch immer Petersin einen heftigen Weinkrampf ausbrach, nicht zu Tisch kam, die Kinder von sich wies, sich einschloss und mit allen Leidenschaften ihrer aufgeregten Brust kämpfte; allein es war doch, als Siegbert dann einige Tage später wirklich kam und nun vor ihr sass, der erste Sturm glücklich vorüber und gefasster und würdiger konnte ihm Adele Wäsämskoi die Hand reichen und mit ihm über ihr Leben, ihren mannichfach veränderten Umgang, über seine inzwischen erfahrenen Schicksale sprechen ... Dann kam Weihnachten heran ... Die Kinder schmiegten sich wieder dem alten Freunde an ... Rudhard zwar zuckte die Achseln und die Fürstin nahm Siegberten wie früher als ein Element, das zu ihrem Leben gehörte, wenn auch ohne leidenschaft, ohne irgend eine Zumutung ihrer schlummernden Gefühle. Doch von Olga durfte nicht gesprochen werden, auch von Dystra nicht viel, der ihr, wie sie sich auch schon ausdrückte, nicht "sympatisch" war. Rudhard blinkte Siegberten bei diesem Worte zu und sagte ihm später im Vertrauen, dass dies eines jener Wörter wäre, die Adele hier nun auch schon aufgriffe und gegen die er vergebens den Don Quixote, den Gil Blas, Tausend und eine Nacht und ähnliche, wenn auch altbackne, doch bewährte Lectüre empföhle, deren wirkung sich bei Peters noch immer sichtbar zeige, denn Der liesse seine Frau ruhig schalten und walten in dem Etablissement der Herren Hitzreuter und Niemand ertappe ihn mehr auf melancholischen Scheidungsgedanken, im Gegenteil spekulire er, wenn seine Katerine einige Tausend Taler zusammengebracht hätte, sich irgendwo auf eine solide Ökonomie zurückzuziehen ...

Von Dankmar berichten wir noch, dass er gegen Weihnachten mit Siegbert eine jener Ausstellungen, die um diese Zeit die vornehme Welt zur Unterstützung wohltätiger Zwecke veranstaltete, besuchte und dort auch fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz wiedersah. In einem grossen saal, wo Gräfinnen und Baronessen vor zierlichen kleinen Boutiken die eingelieferten Gegenstände verkauften, behauptete sie einen Stand, der dicht an einer grossen Blumendecoration errichtet war, die dem Gipsbrustbilde des Königs galt. Dankmar, der sich dieser Begegnung nicht versah, grüsste lächelnd. Das fräulein erwiderte hocherrötend. Der Saal war nicht übermässig gefüllt, doch auch nicht leer. Die Mode dieser Verkäufe war schon etwas im Absterben, sie erschien als ein zu weltlicher Vorläufer der "inneren Mission." Es fand sich gelegenheit, dass Dankmar an den Verkaufstisch des Fräuleins treten konnte, wie dieser grade leer warseinen Bruder Siegbert fesselte Frau von Trompetta an einem andern standzum Schrecken für seine Börse, die nicht ausreichte für die Fülle von jolis riens, die Frau von Trompetta schmetternd anzupreisen wusste. Die Trompetta wollte um jeden Preis das reichste Ergebniss der Ausstellung erzielen. Ihre Kasse musste die einträglichst gewesene sein und dadurch verfiel die gute Frau förmlich in ein Locken, Zwitschern und Verführen jedes Vorübergehenden, sodass man in ihr wirklich ein Talent für den Handelsstand entdeckte und es von den andern verletzten vornehmen Damen vielfach rühmen hörte, wie gut sie "schachern" könne. Den armen Siegbert liess die Trompetta unter fünf Talern wenigstens nicht von dannen. Das war ein Preisen, ein Schäkern, ein Kichern und dabei ein Predigen über Liebe und Wohltätigkeit, Das war ein Forschen, ein fragen nach den Schicksalen des so lange nicht Gesehenen! Und als sie ihm nun gar noch mit Gewalt einen bunten Lappen zum Tinteausspritzen um einen Taler empfehlen wollte, kam ihm glücklicherweise die Fürstin Wäsämskoi, mit der er sich hier ein Rendezvous gegeben hatte, zu hülfe und kaufte so stark, so guten Humors, dass