die verkörperte geistige Gourmandise dieser Zeit. Er schlürfte Alles ein, was die Zeit an seltsamen Gestaltungen bot. Er sammelte Kupferstiche mit Gelbsattel, Autographen mit Voland, Münzen, phrenologische Abgüsse, Altertümer mit einer Menge von alten und neuen Bekanntschaften, die ihm alle selbst wieder von psychologischem Werte waren. Sein Ideal waren Kongresse, grosse Industrieausstellungen, gemeinschaftliche Reisen, Vereinswirksamkeiten aller Art, wobei ihm selbst der Sozialismus Bedeutung gewann und überhaupt die Ideen der Neuerung nichts Schreckhaftes boten. Sein Tisch war von Prospekten, Aktien, Cirkulären zu Unterschriften nie leer. Jede angekündigte Schaustellung musste er sehen, jede berühmte Persönlichkeit sprechen und sollte er sie mit seinem verwachsenen, aber behenden Körper erst unter einem dach aufsuchen. Dystra war ein liebenswürdiger Mensch, voll Gemüt und Verstand, duldsam, teilnehmend an jedem Schmerz, hülfreich, wo er konnte. Für jeden Angriff hatte er eine Verteidigung, für jeden Irrtum eine Entschuldigung. Die Frauen stritten um ihn, weil er witzig, voll treffender und doch Niemanden verwundender Einfälle war. Man machte ihm Geschenke, neidete sich um seine kleinen Billets, die immer einen witzigen Einfall brachten, und dennoch versank er nicht in Egoismus, sondern gehörte dem Allgemeinen. Auch gegen die Fürstin war der Freund ihres verstorbenen Gatten voller Aufmerksamkeit und liess sie nicht im Mindesten fühlen, dass Rudhard, im Drange der Aufrichtigkeit, ihn, als einen edlen Menschen, den man nicht täuschen durfte, über den Stand der ganzen Familie au fait gesetzt hatte. Auch Anna von Harder, die den Winter in der Stadt wohnte, lernte Dystra kennen, obgleich die Musik das einzige war, dessen Organ ihm zu fehlen schien. Dennoch trug er viel dazu bei, dass die Fürstin sich Anna immer inniger anschloss. Anna weckte wieder die musikalischen Talente der jungen Frau, die eingeschlummert waren. Sie gab ihr Anknüpfungen für das Bedürfniss, aus einer gewissen geistigen Ohnmacht herauszukommen und sich in klaren Empfindungen zu stärken ... Anna von Harder hatte nichts, was im Mindesten an das Bestreben erinnerte, für ihre, allerdings mehr religiöse, als poetische Weltauffassung Proselyten zu machen, aber diese Proselyten kamen von selbst. Ihre Ruhe, ihre erprobte Kraft im Dulden, ihre heitre Gottergebenheit und das emsige Walten um den weltscheuen, nur seinem Berufe und seinen Liebhabereien lebenden uralten Greis, ihren Schwiegervater, den wir bald näher kennen lernen werden, gaben ihr das Wesen eines so festen Mittelpunktes, dass sie unwillkürlich magnetisch anzog und sich eine Menge kleinerer, schwächerer Naturen an sie ansetzten. Die Fürstin Wäsämskoi gefiel sich alle Mal darin, von ihr wie ein Kind behandelt und wie neu erzogen zu werden und Rudhard, so sehr er der Geistesrichtung Anna von Harder's abgeneigt war, liess Das gehen. Er störte sie nicht. Sah er doch, wie beruhigend dieser Umgang wirkte, wie der aufgeregte Vulkan ihrer Gefühle nachliess zu kochen und zu drohen. Er sah, wenn er an die Verirrung von diesem Herbste dachte, schon nur noch die Asche davon.
Nun kam freilich Siegbert zurück! Er war durch den Trauerfall, durch den Aufentalt unter bedeutenden Menschen und die Abwechselungen der Reise männlicher, gereifter geworden. Er hatte immer etwas von jenen sanften, bestrickenden Männernaturen, die man mit den Christusköpfen vergleicht und sah dem Heilande, wo er mit blondem Haar dargestellt wird, in der Tat so ähnlich, dass ihn jede am mann Gemüt und Nachgiebigkeit, nicht Witz und Tatkraft allein schätzende Frau hochverehren und lieben musste. Aber nun war er männlicher denn je. Otto von Dystra erkannte seine siegende wirkung auch sogleich und machte sich ihrer in Siegbert's Gegenwart kein Hehl ...
O mein Himmel, sagte er ihm mit der grössten Aufrichtigkeit, als er neben ihm im Hotel de Rome um einen Kopf niedriger auf dem Sopha sass (Dankmar'n, der ihn einführte, gegenüber), o mein Himmel, was ist Das für ein ungleicher Wettkampf! Es gab zeiten, wo ich den ansprechenderen Erscheinungen meines Jahrhunderts beigezählt wurde. Sie sind noch nicht gar zu lange vorüber; aber ich habe in dem Sande Arabiens und in Nubiens Wüsten zu schlechte Haar- und Hautpflege gehabt. Ich bin eine etwas lederne Mumie geworden und kokettire eigentlich schon mit meiner Glatze à la père Enfantin. Ich verdenk' es Olga nicht, dass sie Geschmack hat und jedenfalls ist die jetzige Chance, dass sie sich in Sie, Wildungen, verliebt hat, doch noch viel vorteilhafter für die Familie, als wenn wir in Odessa erlebt hätten, sie hätte sich liebend für irgend einen jungen tscherkessischen Häuptling erklärt und ihrem Kaiser die Schmach angetan, mit irgend einem Schamyl in den Kaukasus durchzugehen.
Siegbert sprach sich auf diese Selbstpersiflage offen dahin aus, dass er kaum annehmen dürfte, Olga würde in den Zerstreuungen Italiens und bei den eigentümlichen Auffassungsweisen ihrer Tante lange ihm die Gesinnung erhalten, deren sie ihn hier gewürdigt hätte. Und Dankmar meinte gradezu, es ginge das Gerücht, der Maler Heinrichson wäre der Freund und Begleiter der Frau Gräfin d'Azimont und noch stünde es dahin, ob nicht sein gewählter Geschmack dabei eigentlich Olga im Auge hätte. Doch wurde diese vorschnelle Äusserung Veranlassung, dass Dystra sagte:
Nein, nein! Man irrt in allen diesen Voraussetzungen. Lesen Sie, was Olga hierüber an Rudhard geschrieben hat. Es ist ihr zweiter Brief, originell wie der erste und in der festgerannten eigentümlichen romantischen Auffassung wiederum komisch genug. Ich gestehe dabei freilich, dass das Burleske in dem Gegensatz zu dem prosaischen nüchternen