, sein Lager mit jenen Tüchern zu umlegen, die Frau Zipfel so ärgerten. Lächelnd und milde sagte der Vater: Sieh, Fritz – ich nenne dich so lieber, als Paul – sieh, Fritz, da erschrickt sogleich der nackte Fuss und es bedarf der eisernen Riegel und Stangen nicht, die ja an ein gefängnis erinnern.
Unmutig über die Neugier seiner Wirtsleute ging Hackert eben in die Brandgasse zu seinem Vater. Er hatte, ihm gegenüber, ein Beichtbedürfniss bekommen, das seine ganze Seele erweiterte und leichter atmend machte. Er reflectirte zuweilen schon ohne Spott. Er urteilte objectiv nach üblichen Voraussetzungen. Murray konnte erwarten, dass er sich bald von selbst von seiner gegenwärtigen Bahn abwenden und ganz an seinem warmen Vaterherzen vielleicht auftauen würde.
In der Tat war Louise Eisold im Begriff, in den dem schloss Buchau nahe gelegenen Ort gleiches Namens zu reisen und ihre Geschwister mitzunehmen. Es drängte sie fort von hier und selbst der rauhe Winter schreckte sie nicht. Sie hatte Hackert wiedergesehen, ihn weicher, sanfter gefunden – von seinem verhältnis zu Murray erfuhr sie nicht die volle Wahrheit – ihre Neigung für den dämonischen Jüngling war trotz seiner Beziehung zu Pax gestiegen. Da sie aber sah, dass nur Mitleid, nicht Liebe für sie in diesem Herzen schlug, nahm sie den Vorschlag Otto von Dystra's an, der sie besuchte, die Kinder kleiden, reichlich ausstatten liess, ihr Mittel, soviel sie nur wünschte, zu Gebote stellte. Auch Dankmar Wildungen gehörte zu Denen, die ihr zusprachen, nach Buchau zu reisen. An eine Erfüllung der Wünsche des innigst betrübten Mangold dachte sie nicht. Auch sass ja noch der gute Danebrand ...
Dankmar und Hackert trafen nicht zusammen. Jenen machte die zweite verlorne Instanz seines Prozesses menschenfeindlich und düster. Er bedurfte recht der endlichen Ankunft seines Bruders Siegbert, um von seiner eisigen Verstimmung aufzutauen. War auch die erste Stunde ihres endlichen Wiedersehens durch das Andenken an die verstorbene Mutter getrübt, so heiterte sich doch Dankmar's Stirn auf, als Siegbert von Plessen, von Randhartingen und vor Allem vom Ullagrunde erzählte. Seine Angst, der Bruder möchte von Selma liebend befangen sein, hatte sich gemildert, seit ihm Dystra den Brief zeigte, den Siegbert ihm über Olga und die Fürstin schrieb. Es leuchtete aus ihm unverkennbar das Interesse für Olga, den naiven, leider in eine gefährliche Schule geratenen schönen Flüchtling hervor. Dankmar fragte nach Selma und hörte das Erfreulichste; der Zusatz, dass Selma ihm, dem Erzähler, abgeneigt wäre, machte ihn lachen und er gestand dem Bruder, dass in all seine innere Finsterniss der Gedanke an diese Begegnung mit Ackermann und dem Knaben Selmar ihm doch wie ein mildes Sternenlicht flösse. Erstaunen erregte ihm freilich anfangs die Mitteilung, dass Ackermann und Selma nie lange von ihm gesprochen hätten, ihn vielleicht gar nicht gründlicher kannten. Dann aber besann er sich und sagte lachend: Himmel, das ist ja natürlich! Sie halten mich für den Fürsten Egon!
Es versteht sich von selbst, dass Dankmar kein Recht zu haben glaubte, irgendwie Selma, die ihm als Ackermann's Tochter völlig Fremde, an sich zu erinnern. Auch Siegbert schrieb wohl nach Hohenberg, aber nur an Oleander, mit dem sich ein inniger und gedankenreicher, wie wir sahen, leider schon bewachter Briefwechsel entspann. Louis Armand, der fast nur in seiner Werkstatt zu treffen war, tauschte mit Oleander nicht nur Gedichte und ästetische Ansichten, sondern auch die Freude, ihn in den Kreis der Ideen eintreten zu sehen, der die Freunde verband. Je länger Oleander die Geistesleere und eitle Gesinnung der Vornehmen beobachtete, mit denen ihn die Winterzeit zusammenführte, je mehr er sich an Ackermann's klarer und ruhiger Objectivität stärkte und erhob, desto bekehrter fühlte er sich zu jenen Ansichten, die er früher mehr mit Gründen des Gemüts, ja wie er sich gestand, auch mit dem Vorurteile eines gewissen Gelehrtenstolzes bekämpft hatte.
Während Dankmar ungeteilt strebsam arbeitete, wollte Siegbert auch wieder bei Professor Berg seinen alten Platz im Atelier einnehmen, wurde aber freilich durch die Beziehung zu Otto von Dystra, zu Rudhard und vor Allem zur Fürstin Wäsämskoi in seinem Schaffen oft gestört ...
Die Fürstin Adele Wäsämskoi hatte in der Tat mehr durch den Gegendruck ihres Kindes, das ihr plötzlich unter der Hand so jungfräulich sich entwikkelte, als durch eigne bewusste Gefühlswärme für Siegbert Wildungen eine leidenschaftliche Neigung gefasst. Im ersten Augenblick der Abreise Siegbert's geriet sie in Verzweiflung. Sie glaubte, diese Abreise stünde im Zusammenhange mit Olga's Flucht. Als sie aber gewiss war, dass Olga bei ihrer Schwester, Siegbert auf dem land war, kämpfte sie mit dem Plan, ihn zu überraschen. Ihre Briefe, in denen freilich ihr Stolz und ihr Schicklichkeitsgefühl sich nichts vergab, waren voll Neckereien, sie werde ihm folgen, sein Treiben untersuchen, seine neuen Bekanntschaften prüfen. Dann aber zerstreute sie Otto von Dystra's Ankunft und das Studium dieses sonderbaren Charakters. Das innerste Wesen dieses Mannes war, schien es, die Universalität. Ein echter Sohn des neunzehnten Jahrhunderts begrüsste er jede nur irgendwie über das Gewöhnliche hervorragende Lebensäusserung wie ein Phänomen, das sein ganzes Interesse in Anspruch nahm. Mit Leidenfrost, den er einst aus Polen als Bedienten entführt hatte und den er als so vielseitig gebildeten Geist wiederfand, konnte er die bizarrsten Ideensprünge versuchen, mit Rudhard philosophiren, mit Dankmar über Rechtsfragen, mit Louis Armand über die Gewerbe reden, er war