haben darf – Dankmar Wildungen, Louis Armand, Leidenfrost – Diese Menschen! Was ist Das für ein Brief?
Es circulirt, erzählte Hackert, seit einigen Tagen unter den Offizieren ein aufgefangener Brief, den man zuerst bei einer Parade, als die Parole ausgeteilt wurde, mit Erstaunen herumreichte. Diesen Brief soll der Major Werdeck an einen im Auslande lebenden Flüchtling geschrieben haben. Er bietet ihm darin die Ergebenheit einer grossen Partei in der Armee an und wünscht die genauere Angabe der Zeit, wann man hoffen könne, loszuschlagen. Eine Untersuchung wird später folgen. Vorläufig ist dem Major von Werdeck der Degen abgefordert worden ...
Ist es möglich! Aber Schmelzing?
Einige Reubündler leiden an dem Wahn, sich periodisch für Dichter zu halten. Schmelzing schrieb ihnen holprige Verse ab, aber gestern fand ich bei Schmelzing ein Billet des Majors, das unverfänglich und echt und irgend Jemandem, der es von dem Major empfangen hat, entwendet war. Schmelzing entriss mir den Fetzen, dem ich ansah, dass er ihn durch Fliesspapier durchgezeichnet hatte, um sich – in des Majors Handschrift einzuüben ...
Hackert! Sie sind ein Hauptfänger! rief Pax und stand aus seinem schwellenden Kissen auf. Aber auf diesem Gebiete lassen Sie weitres Forschen! Die Armee wird schon Grund haben, Werdeck zu überwachen. Les' ich doch in diesen Papieren, dass der Kommunist Louis Armand, den der Fürst Hohenberg jetzt gänzlich von sich entfernt hält, sogar mit Werdeck's Familie verkehrt, Zutritt in seinem haus hat –
Er ist verwandt mit der Frau des Majors.
Und mit einem Pfarrvikar in Plessen bei Hohenberg, Namens Oleander ... Das schwarze Kabinet in der Post überwacht die Korrespondenz, die an Louis Armand eintrifft. Diese Verfügung soll von hoher Stelle ausgehen. Man traut selbst Egon, dem gegenwärtigen Premierminister, nicht und kann der Besorgniss noch immer nicht entledigt werden, dass Fürst Hohenberg auf ein doppeltes Spiel setzt! Da ist an Louis Armand ein Brief aus Plessen gekommen, worin jener Pfarrvikar ihm sozusagen politische Aufsätze schreibt. Selbst von einem Bunde ist darin die Rede ...
Hackert gedachte des Bundes der Ritter vom geist, brach rasch ab und bemerkte auf Veranlassung des Pfarrvikars:
Guido Stromer steht auch auf meiner Liste. Streichen wir ihn nicht? Er soll den Titel eines Hofrats von einem kleinen Fürsten an der Donau erhalten haben. Der Minister dieses Fürsten ist von Frau von Harder darum angegangen worden. Auf der Strasse sieht man den Hofrat Stromer in seinem neuen kostbaren Biberpelze nun wie einen Narren. Jedes Mädchen macht ihn stutzig. Die Augen verdreht er wie ein Kalb und über die einfachsten Dinge soll er einen Schwall von Worten giessen, wie ein Überspannter ...
In der Provinz wird Guido Stromer bewundert, sagte Pax. Seine Aufsätze im "Jahrhundert" liest alle Welt. Jedermann will wissen, ob man ihm nichts von Guido Stromer erzählen könne – besonders die Damen –
O erzählen Sie ihnen doch, sagte Hackert, der in der Tat über Alles unterrichtet schien, dass dieser Hochfliegende die Seinen daheim in einem armseligen dorf sitzen hat, sein Amt von Oleander verwalten lässt und hier eine prächtige wohnung bezog, die für ihn zwei Damen Wandstablers gemietet haben – Sie kennen sie –
Die Wandstablers ... vom Fürsten?
Die Dore ist im Palais geblieben – die Lore aber und Flore haben ein Stockwerk für sich allein gemietet. Köstlich meublirt vermieten sie es nun scheinbar an Hofrat Stromer, dem seine Ideen mit Gold aufgewogen werden. Er hat drei mit Sammttapeten geschmückte Zimmer der beiden Damen gemietet und wohnt bei ihnen, man sagt, mit unverschlossener Verbindungstüre. Sie müssen ihm jeden Morgen den Kaffee in idealischer Tracht bringen, bald griechisch, bald orientalisch. Das Gefäss ist von Silber und es ist schon vorgekommen, dass er sich des Morgens an der Wellenlinie einer neuen Milchkanne gestossen und aus beleidigtem Schönheitsgefühl lieber kein Frühstück genossen hat. Die beiden Wandstablers müssen dann vor ihm knieen und mit einem eignen Tonfall bitten: Trink, Guido! Dann hält er seinen roten Pantoffel über den Nacken der Flora, legt sie in eine Attitüde, wünscht sich Bildhauer herbei und möchte die Gruppe ausgehauen haben –
O, rief Pax, der sich vor lachen kaum halten konnte und etwas Sardanapalisches in sich selber aufgeregt fühlte, Das ist ja auch prügelnswert – woher wissen Sie denn diese Tollheiten?
Die Leute sind sehr unvorsichtig, sagte Hackert. Sie wechseln alle acht Tage mit ihren Dienstboten. Der schwärmerische Ex-Geistliche will nur Ideale zur Umgebung haben und doch sind die Wandstablers eifersüchtig. So gibt es ewig Zank, unaufhörlich Abschied, folglich Geschichten. Wenn dieser grosse Mann sich nicht bei zeiten besinnt, kann es noch dahin kommen, dass ihn die beiden Demoiselles jeden Abend gemeinschaftlich durchwalken, während Hunderttausende bewundernd seine Artikel lesen.
Pax hatte an diesen Schilderungen, die Hackert mit aller Anschaulichkeit fortsetzte, seinen Spass. Er musste nun aber in seinen Dienst und sich ankleiden. Er lobte Hackerten für seine eben so reichhaltigen wie amüsanten Mitteilungen. Er hatte Stoff, nun wieder seinen Vorgesetzten zu unterhalten. Dieser unterhielt dann wieder seinen Vorgesetzten. Dieser wieder den seinen und so fehlt es in einem geordneten Staatswesen nicht an harmonischem Zusammenhang und prächtig schliessenden Kettengliedern. Geld lehnte Hackert heute wieder ab. Er sagte, er hätte dessen noch hinlänglich ...
Hackert's heit're Laune, die acht Tage lang von dem wundärztlich Zipfel'schen Ehepaar bewundert wurde, schien nur einigermassen getrübt,