Die zerrütteten Finanzen des Vaters gaben viel Veranlassung, dem Prinzen fühlbar zu machen, wie abhängig er doch im grund von äussern Umständen und Bedrängnissen war. Aber der Bruch blieb. Mit dem Vater und der Mutter zerfallen, lebte er auf der Universität, ich kann wohl sagen, wild in den Tag hinein, schrieb oft in einem halben Jahre nur einmal nach haus; dem Vater ohnehin nie. Zuletzt bezog er die Summen, deren er benötigt war, vom Herrn Justizrat Schlurck, der ihm auch den Tod der Mutter, später den des Vaters anzeigte. In den letzten Wochen vor ihrem tod hatte die Fürstin die Freude, auf Anlass ihrer immer mehr zunehmenden Krankheit noch einen hingebenden, recht zärtlichen Brief von ihrem Sohne zu erhalten. Sie küsste ihn unter Tränen, sagte dann aber, ernst sich aufrichtend und auf ein Bild des Erlösers blickend: Der ist die Wahrheit und das Leben! – Sie hatte damals noch ihre letzten Kräfte zusammengerafft, um ihr Testament, ein längeres Vermächtniss, an ihren Sohn niederzuschreiben. Ob es in die hände des Vaters gekommen; ich weiss es nicht. Sie starb, ich wiederhole Brigitten's Erzählung, mit dem sonderbaren Ausrufe: Das Bild –! Mit diesen, wahrscheinlich auf ein Crucifix sich beziehenden Worten lähmte ein Schlag die Zunge und wenige Augenblicke darauf war sie verschieden.
Auf jenen letzten Ruf der Fürstin hin, ergänzte der inzwischen leise schleichend eingetretene Bartusch die eine feierliche Stille verbreitende Erzählung; auf diesen Ruf hin hat der Fürst beim Verkauf des Nachlasses seiner Gemahlin auch angeordnet ...
Bartusch stockte, mit einem blick auf den Geheimrat, der vom tod nicht gern erzählen hörte.
Was angeordnet? fragte man allgemein.
Ich vermute wenigstens, sagte Bartusch, den Geheimrat dreist fixirend; ich vermute, dass die letztwillige Erklärung des verstorbenen Fürsten, alle Familienbilder auf Hohenberg sollten dem Sohne übergeben und von dem Verkauf an das königliche Haus ausgeschlossen bleiben, auf diesen letzten Worten seiner Gemahlin beruht.
Der Geheimrat machte eine unruhige Bewegung.
Herr von Zeisel glaubte ihn zu verstehen und fiel rasch ein:
O, mein Herr Bartusch, es ist diese Anordnung doch wohl nur die schuldige Rücksicht eines berühmten Geschlechts auf seine eigene Ehre oder sozusagen ... den Glanz seines Hauses. Nicht wahr, Eugenie?
Eugenie, seine Gemahlin, bestätigte diese Worte mit einem kurzen vornehmen:
Allerdings!
Sie war eine geborene von Nutzholz-Dünkerke.
Nun! Nur soviel weiss ich, verteidigte sich Bartusch mit vieler Trockenheit und wollte den ihm von der Justizrätin zugeworfenen Wink nicht verstehen; soviel weiss ich, die Fürstin war ohne alles Vermögen. Prinz Egon konnte ein mütterliches Eigentum nicht beanspruchen. Die Familienbilder und eine aus der Verwaltung des Schuldenwesens für ihn sich herauswerfende Apanage von jährlichen sechstausend Talern bilden in diesem Augenblick seinen ganzen Besitz. Es wird ihm in Deutschland nicht lange behagen, zumal wenn es wahr ist, dass er Bier trinkt, in die Vereine der Handwerker geht, Colonieen stiften will und ähnliche Phantastereien treibt, mit denen man sich bei uns höchstens eine vorübergehende Popularität erwirbt, aber die vielen Feinde, die sich das Haus Hohenberg so schon zugezogen hat, in den obern Regionen leicht vermehren würde.
Frau von Reichmeier, die es fühlte, dass sie zu lange geschwiegen hatte, um nicht für beschränkt zu gelten, ergriff diese gelegenheit zu der Frage:
Woher kommen nur diese Feinde?
Liebe Schwester, sagte Eugen, wer kein Geld hat, hat keine Freunde, und keine Freunde haben ist soviel, wie Feinde haben.
Der Fürst, erklärte Herr von Zeisel, setzte leider seine Würde zu oft aufs Spiel und verdarb es mit denselben Protectoren, denen er es mislich, ja schwer machte, das Wohlwollen, das sie für ihn fühlten, immer auch öffentlich zu zeigen ...
Nein, nein, seien Sie aufrichtig, fiel Stromer ein. Verschweigen Sie nicht, Herr Justizdirector, wovon wir bei unsern nähern Beziehungen zur Fürstin so oft gelegenheit hatten, uns zu überzeugen; verschweigen Sie nicht, dass es wirklich eine geheim angelegte sonderbare Mine der Intrigue gegen die Fürstin gegeben hat! Sie wissen, wie oft sie über die Bosheit und Heuchelei der Menschen bei wirklich rätselhaften Veranlassungen klagte. Sollte Ihnen entfallen sein, welche Namen sie nicht selten als die ihrer ärgsten Feinde bezeichnete? Ich erinnere Sie an eine Dame –
Stromer hielt absichtlich inne. Herr von Zeisel wurde unruhig, überrot, seine Gemahlin erblasste, Beide blickten erschrocken bald auf den heute sehr tapfern, angeregten Pfarrer, bald auf Herrn von Harder, dem seit Erwähnung der Bilder dies Gespräch verdriesslich, ja unehrerbietig erschien.
Genug, sagte Stromer. Die Feinde des fürstlichen Hauses mögen verschuldete sein, es sind ihrer aber auch solche, die wohl nur dadurch entstanden, dass die Fürstin Amanda in ihrer Jugend sehr schön, sehr liebenswürdig und von aller Welt angebetet war ....
Bei diesen Worten erhob sich Herr von Harder. Er ahnte in ihnen eine Beziehung zu seiner Gemahlin. War er auch wenig in die eigenen Lebensbezüge derselben, die erst seit zehn Jahren seine Gattin war, verwachsen, so wusste er doch, nach der ihm von der energischen Frau gegebenen Anweisung, sehr vollkommen, welche Farbe er in dieser, überhaupt in jeder Gesellschaft halten musste. Sie sagte ihm ja immer: Sei kalt oder warm gegen Diesen oder Jenen! Und ohne dass er die Gründe dafür erfuhr, war er dann eiskalt gegen Den oder in seiner Weise glühend gegen Jenen. Er wusste