aussetzte, fand sich in dem Korbe, in dem ich schlief, die Hälfte dieses Ringes ...
Und Murray sank schon halb auf einen Leichenstein, halb hielt er Hackert's Arm, bohrte seine Augen in die des jungen Mannes, hob die Lippen, als wollte er sprechen, wischte die Augen, als wollten sie weinen, lachte, griff nach seiner Stirn, betrachtete den Ring –
Paul? rief er endlich.
Nicht Paul ... sagte Hackert ...
Gütiger Heiland, nicht Paul Zeck ... stammelte Murray erblassend.
Paul Zeck? Paul Zeck? ... rief Hackert sich besinnend.
Und schon wühlte er in den Papieren seines Portefeuille.
Der Schein, den Hackert in jener Nacht Bartuschen abgenommen, zitterte in Murray's Händen ...
Dann sammelte sich Der aber und sprach, indem er krampfhaft Hackert's Hand ergriff:
Diesen Ring gab ich einst meiner Schwester Ursula Zeck. Paul Zeck ist nicht ihr Kind; es ist mein Sohn und der Sohn dieser Frau, deren Name P.v.R. lautete. Es sind jetzt drei Fälle! Entweder: Paul Zeck ist durch Naturgesetze tot, oder Ursula Zeck hat ihn ermordet, oder sie setzte Paul Zeck am Waisenhause dieser Stadt aus und machte den Ursprung des Kindes kenntlich durch die Hälfte dieses Ringes, die andre wurde bei ihr gefunden ...
Hackert blickte bald auf die Ringteile, bald auf Murray und sagte dann leise:
Ihr Sohn? Sie? Und ich? Ja, ich bin ja dieser ausgesetzte, erst im Waisenhause erzogene Findling ...
Es war das erste reine Gefühl der gebrochenen Eiseskälte des Herzens, das erste Herzensbeben dieses jungen Mannes, indem er diese Worte sprechen musste.
Murray betrachtete den Sprecher, die Gestalt, die Züge des Antlitzes ... Auch das Haar ging ihm plötzlich wie in Flammen auf ... Ha! sagte er. Daher! Daher! Von jener Nacht! Lichterlohes Haar! Du bist's! Bist – mein Sohn?
...Die Todtengräber überraschten eine Gruppe. Sie wollten das Tor schliessen, das auf zwei Schritte in der Nähe war. Unwissentlich hatten der Vater und der Sohn diesen Weg genommen ... Sie halfen Hackerten, der sich bald sammelte, den ohnmächtigen Mann, der seinen Sohn gefunden und seine Freude nicht auszujubeln wagte, an das Tor führen, wo noch Mietwägen hielten ...
Die beiden verspäteten Teilnehmer des Leichenzuges fuhren, wie Hackert dem Fiaker zugerufen, nach der Brandgasse Nr. 9, wo Murray ja noch wohnte ...
Die Todtengräber fanden die Scene, die Ausrufungen, die Umarmungen seltsam. An der Stelle, wo alles Das vorfiel, fand sich nichts zur Aufklärung, kein Leichenstein, kein Denkmal, nur ein Blättchen Papier, auf dem mit Bleistift eine der Grabschriften ihres Friedhofes in der Nähe aufgeschrieben stand. Sie lautete:
"Den Lebenden ist Nacht. Den toten bricht,
Den Schlummernden ein neuer Morgen an."
Vierzehntes Capitel
Wolken
Der umsichtige, tätige Oberkommissär Pax sass eines Morgens bald nach dem Begräbniss des Karl Eisold noch im Schlafrock und blätterte in gemischten Papieren. Sieht es bei alten von Frauen verwöhnten Junggesellen ohnehin schon in ihrer Behausung behaglich und mit pedantischer Ordnungsliebe gepflegt aus, so hat ein hochgestellter Diener der öffentlichen Sicherheit vollends gelegenheit, sich eine comfortable Existenz zu begründen. Herr Pax schlüpfte über Teppiche, lehnte die arme auf Stickereien, den rücken an schwellende Kissen, die ihm von seinen Verehrern, den reichen Bürgern der Stadt, Sollicitanten und selbst dann und wann Contravenienten zum Geschenke gemacht wurden. Da waren die Glasschränke voll Porzellan, voll Gold und Silber. Kostbare Blumentöpfe beschatteten die Fenster, die mit Ampeln und hängenden Rankengewächsen geziert waren. Selbst ein Papagei, vor Allen aber Schoosshunde und Katzen fehlten nicht, wie bei einer alten Jungfrau, die ihren reichen Schatz an Liebe zuletzt doch mit irgend Jemand in der Welt teilen muss. Charlotte Ludmer hatte den ehemaligen derbauftretenden Wachtmeister doch zum verweichlichten Junggesellen erzogen, und die halbe Stadt wusste, wann Herr Pax seinen Geburtstag feierte. Die guten Bürger erdrückten ihn dann mit Überraschungen, von denen ihn die Naturalgeschenke trotz seines guten Appetits oft in Verlegenheit setzten, da sie zur Verköstigung für Monate ausreichen konnten. Eben trug ihm eine junge Haushälterin in silbernem Service den Kaffee herein, als ihn Hackert freundlich begrüsste und ihm Glück wünschte zu den wahrscheinlich sehr reichen Fängen, die er auf seiner Rundreise gemacht hätte.
Pax lächelte mit dem Bewusstsein eines Mannes, der das Wohl des Staates an seinen Fingern hat und, wenn er nicht Acht gäbe, das ganze Gewebe der öffentlichen Ordnung fallen lassen könnte ...
Er rückte einen kostbaren Fauteuil seinem Protégé zu und fragte ihn, ob er schon gefrühstückt hätte. Die Sahne war schäumend. Das Weissbrot war das zarteste. Der Mocca vom schönsten Rotschwarz. Die Haushälterin allerliebst. Doch lehnte Hackert ab.
Schmelzing hat mir schon gestern Abend mancherlei erzählt, sagte der Oberkommissär. Was haben denn inzwischen Sie erlebt?
Hackert zog seine Liste verdächtiger Personen und die Notizen noch verdächtigerer Zustände hervor und bat den Oberkommissär, ihm nur auf den Zahn zu fühlen. Er würde ihm dann eine reiche Ernte mitteilen können.
Das ist ja charmant. Die zeiten sind schlimm! Die Umtriebe wachsen immer gefährlicher. Setzen Sie sich, Hackert. Wirklich? Haben Sie schon gefrühstückt?
Damit wollte der freundliche Herr, der wie Mancher erst im Schlafrock Gemüt hatte,