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nichts zu fühlen. Hier und da hatte sich noch ein Blumenstock von den vielen, die hier auf den Rasenhügeln welkten, frischer erhalten. Er verweilte dann bei ihm und lobte seinen Widerstand gegen den Sturm.

Halt aus! Halt aus! sagte er. Aber noch zwei Tage, so musst du dich auch ergeben!

Dann wandte er sich an Hackert mit den freundlichen Worten:

Glauben Sie denn an ein Wiedersehen nach dem tod, junger Mann?

Hackert war betroffen, fasste sich rasch und schüttelte entschieden den Kopf.

Ich kann Sie nicht widerlegen, mein Lieber, nahm Murray sein Bekenntniss entgegen; allein denken Sie sich doch einmal, als wäre die Menschheit vielleicht ein Baum oder ein grosses Wachstum, will ich sagen, das immer steigt, immer neu ansetzt, immer drängt und drängt und irgend etwas werden willwas, weiss ich nicht. Aber es ist ein geheimnis damit. Ich glaube, unser physisches Leben ist der Durchgang eines grossen rätselhaften Naturtriebes, eines Dranges zur Unsterblichkeit. Sehen Sie, es ist mir fast, als wenn diese Erde, deren beste Produkte wir doch sind, etwas aufhat, ein Tema, nämlich das, uns so vollkommen hinzustellen als nur möglich, möglicher Weise unsterblich. Die Erde kann Das nun nicht vollbringen. Da sinkt Einer hin, da und dort. Meinen Sie nun wirklich, dass der unglückliche Knabe, der so mit sechszehn Jahren sterben musste, nun rein ausgeblasen ist? Hier ist er's. Das, was in ihm irdisch war, ist hin. Aber wenn Einer so stirbt an einem ererbten Übel, an der Schwindsucht, an unverschuldeten Fehlern der Organisation, bei einem Eisenbahnunglückkommt da der schwachen Erde, die uns so gibt, wie sie eben kann, nicht vielleicht doch ein höherer Geist zu hülfe und nimmt Die in seine rettenden arme, die die Erde nicht fertig bringen konnte und führt uns in andern Verhältnissen, andern Bedingungen fort und hinüber in andere Substanzen?

Hackert hörte ruhig zu.

Ich philosophire stümperhaft, sagte Murray. Was kann man auch anders, als sich hier der natur gefangen geben und sagen: Da hast du mich mit gefesselter Vernunft! Liefre mich dem tod aus auf Gnade oder Ungnade! Wenn man aber doch ein Bild für diese Hoffnungen haben möchte, so mein' ich immer, man nimmt getrost die christlichen Bilder und überantwortet sich einem liebenden Vater, einer allwaltenden Fürsorge und sagt: Durch Christus, durch seine Lehre ist dafür gesorgt, dass wir nicht zu Staub verwehen! Es sammelt uns schon Jemand irgendwie in dem Schoosse Gottes.

Alsdann sprach Murray ein altes Lied, von dem er sagte, dass man es zu seiner Zeit gesungen hätte. Es war Salis' schönes Lied: "Das Grab ist tief und stille." Murray sprach alle Verse ohne Patos, ohne Übertreibung, melodisch und weich. Als er mit dem Verse geschlossen hatte:

Das arme Herz, hienieden

Von manchem Sturm bewegt,

Erlangt den wahren Frieden

Nur, wenn es nicht mehr schlägt

war es Hackerten doch, als wühlte eine Geisterhand sonderbar sein Inneres um. Tränen, die, wie er oft gesagt hatte, nicht in sein Herz wären gesäet worden, meldeten sich freilich nicht, leise quillend und unwillkürlich, aber er musste doch zu Murray sagen: Sie sind ein Priester von der Art, wie wir keine haben! So wär's mir schon recht. Jeder müsste eigentlich seinen eignen ...

Hackert stockte; aber Murray verstand und fuhr rasch fort:

Seinen eignen Erlöser finden ...

So etwas! sagte Hackert; wenigstens Einen, der ihn hinausführte in die natur und ihn durch Milde bekehrte!

Junger Mann, sagte Murray ... Suchen Sie nur die Einsamkeit, dann ist der Priester immer bei Ihnen.

Hackert dachte an den schönen Julitag, wo er zu Tempelheide im Korne unter den blauen Blumen lag und sich an Siegbert anschliessen wollte, aber nicht konnte, da es noch viel zu wild in ihm damals tobte ...

Indem fesselte Murray eine neue Inschrift. Er zog sein Portefeuille, um sie aufzuschreiben. Indem er es aufschlug, klang etwas auf dem Grabstein, vor dem er stand. Etwas Metallenes war ihm entfallen.

Hackert hob es auf.

Es war ein halber goldner Ring ...

Wie Murray diesen halben goldnen Ring, den ihm Louis Armand nach dem Wiedersehen und dem Erörtern des im Schranke der Jägerwohnung Gefundenen gegeben hatte, von Hackert empfing und wieder in das Portefeuille legen wollte, sah er in dem jungen mann eine seltsame Bewegung.

Was ist Ihnen? fragte Murray.

Unwillkürlich griff Hackert in seine eigne Rocktasche und zeigte mehr wie zu spielendem Zufall die andre von Schlurck empfangene Hälfte eines Ringes.

Murray erst scherzend, hielt seine Hälfte an diese, sagte aber nun plötzlich erschreckend, während seine Hand zitterte:

Gott! Sie passen ja!

Hackert, wirklich nicht minder bewegt, blickte in den inneren Rand. Wie er die Buchstaben P.v.R. deutlich zusammengefügt erblickte, musste er sich an einem Kreuze halten, so erschütterte seine schwachen Nerven dies Zusammentreffen ...

Und Murray rief mit schon ersterbender stimme:

Was ist Das? Woher haben Sie die Hälfte dieses Ringes?

Dabei streifte er mit der Hand die Binde zurück, sein Hut entfiel, die Binde entfiel, die Gestalt hob sich ...

Ich bin ein Findelkind, sagte Hackert. Wie man mich an der Tür des Waisenhauses dieser Stadt