nach der ersten Grabrede verloren. Jetzt schlich er sich ihm nach. Jetzt spornte ihn Neugier und die Eitelkeit, sich das Haus einer Geheimrätin verbindlich zu machen ... Doch immer stand der Alte, wenn er dicht an ihn heran kam, an einer Grabschrift und las sie, was ihm schwer zu werden schien, da er sich nur eines Auges bedienen konnte.
Hackert fühlte, dass er über den Tod, über diese Grabschriften mit ihm reden musste, wenn er ihn ansprechen wollte. Dazu konnte er sich trotz der auch in ihm durch die Grabesscene hervorgerufenen Erschütterung nicht entschliessen. Religiöse Empfindungen waren ihm fremd.
Murray las unter dem feuchten, modernden Blätterabfall hinschreitend zuweilen die Grabschriften halblaut.
Derselbe Mann, den er als zweideutigen Gauner im Gefängnisse besuchen sollte, der ihm als hochfahrend, anmassend, frech bezeichnet war, sprach, indem er bei einer entblätterten Trauerweide stand und er ihm von ferne zuhörte:
"Sanfter Schlaf halte dich umfangen bis zum Tage des Wiedersehens."
Es war eine Grabschrift auf ein junges Mädchen ...
Hackert blickte zu Murray hinüber, der weiterging und sprach vor sich hin:
Es ist kein Engländer! Das hör' ich doch wohl schon ...
Murray stand vor einem Kreuze und las wieder halblaut:
"Seit ich entbehre, glaube' ich."
Murray stand nachdenklich, überlegte offenbar diese Worte und ging wieder weiter.
Hackert vergegenwärtigte sich die Kennzeichen, die ihm die Ludmer genannt hatte.
Das Haar ist nicht echt, sagte er sich und las nun selbst die Inschrift, die Murray vor ihm gelesen hatte ...
Murray war inzwischen weiter gegangen und flüsterte vor einem andern Denkstein die Inschrift lesend.
Hackert bemerkte, dass sich das Haar verschob und unter ihm ein helleres sichtbar wurde. Er ist's! sagte er sich.
Indem murmelte Murray vor einem Kreuze von Gusseisen:
Anbetung Ihm, der die grosse Sonne
Mit Sonnen und Erden und Monden umgab,
Der Geister erschuf,
Ihre Seligkeit ordnete,
Die Ähren hebt, der dem tod ruft,
Zum Ziele durch Einöden führt und den Wandrer
labt,
Anbetung Ihm!
Finden Sie nicht, sagte nun Murray, sich selbst zu dem nahegetretenen jungen mann wendend, der wie er an den Gräbern Interesse zu nehmen schien, finden Sie nicht, dass alle diese Denksteine sich recht an den Tod anklammern wie an den einzigen Entüller des grossen Lebensrätsels? Es ist doch schlimm damit. Man glaubt erst, wenn man an die Schwelle unsres Daseins tritt und in der Stille, die um einen Sterbenden waltet, es doch so gar sonderbar rascheln und flüstern hört, grade wie Sie immer so hinter mir her raschelten, ohne dass ich Sie sah.
Hackert konnte nicht recht antworten. Er bemerkte, während Murray sprach, die Ohrlöcher, von denen ihm die Ludmer gesagt hatte. Sie waren verwachsen, aber unverkennbar.
Murray ging ohne die Antwort abzuwarten weiter und sprach, halb lesend, an einem kleinen sehr geschmackvollen Denkmal von Marmor:
Ein Kind von drei Jahren? Der kurze Traum eines Schmetterlings! Sehen Sie die idee des Künstlers! Ein Kind mit einem Schmetterling! Wie es fürchtet, dass eben der Schmetterling von der erhobenen linken Hand fliegen will! Es will ihn haschen! Knabe, die Seele entfliegt dir nicht! Tröste dich! Aber nach musst du ihm!
Hackert bemerkte, dass Murray fast keine Augenbrauen hatte. Und damit er doch nicht zu lange schwieg, äusserte er kalt:
Ganz hübsch!
Haben Sie die Reden an dem grab gehört? fragte Murray den ihm sonderbar nun sich anschliessenden jungen Mann mit den magern Gliedern, dem durchglasten Auge, dem blassen Gesicht, dem roten Haar, in einfacher Tracht mit schäbigem Paletot ...
In zu grosser Entfernung! sagte Hackert.
Die Scene war ein Bild unsrer Zeit, fuhr Murray fort. Noch Kampf am offnen grab! Der besänftigende Redner fand gute Wendungen, aber die Wechsel, die er ausstellte, haben zu lange Sicht. Da werden die Zinsen so gross wie das Kapital.
Hackert, in der sichern Überzeugung, dass die Vermutung jener Frau über diesen Mann vollkommen zuträfe, konnte natürlich solche Art, sich zu äussern, solche stille Ergebung und philosophirende Ruhe nicht begreifen. Von einer Verstellung, ihm gegenüber, konnte doch wohl kaum die Rede sein. Er musste sich gestehen, dass er hier ja ein ganz kindlichgestimmtes, frommes, ergebenes Gemüt vor sich hatte, von dem Schlimmes zu denken er sich schämen musste ...
Murray wanderte immer so fort. Hackert folgte ihm und hörte forschend zu, wenn er sprach oder Grabschriften las. Manche schrieb sich Murray auf.
Er zog sein Portefeuille und merkte sich manchen Gedanken, manches tröstende Bild.
Hackert wurde davon fast ergriffen. Er hörte keinen Frömmler sprechen, keinen phrasenhaft Gläubigen, sondern einen Mann, der das Leben und die Welt als ein geheimnis nahm und deshalb, weil er mit zu diesem geheimnis der Welt gehörte, ein höheres Walten, eine Harmonie des uns nur unharmonisch klingenden Lebensspieles voraussetzte.
Und doch verliess Hackerten noch immer nicht die schlimme Vorstellung, die ihm die Ludmer eingeflösst hatte. Er sah, dass Murray schön schrieb und bemerkte dies, ihm über die Schulter schielend ...
Ich bin ein Kupferstecher, antwortete Murray in aller Ruhe und steckte den Bleistift durch die Löcher, die sein Portefeuille zusammenhielten.
Auch diese freiwillig eingestandene Beschäftigung passte ...
Murray schien von dem heftig brausenden Novemberwind, der die Blätter aufwirbelte,