ihre Lorbeern sammeln. Tod ist nichts mehr, Brüder! Wo wir hinblicken, krachen die Flinten der Executionen. Die Diplomaten schreiben die Bluturteile auf ihren seidnen Polstern, ihre Chokolade schlürfend. Die Maschinen dieser Menschen vollführen es und jeder Soldat sieht auf seine Büchse, sein Pulverhorn, drückt los; was geht ihn die Kugel und ihr Ziel an! O Brüder, verzagt nicht! Zittert nicht, dass Ihr Euch erscheint wie zusammengetriebenes wild in einem wald. Alle Wege sind umstellt. Unser Denken, unser Fühlen, unser Reden ist ein Verbrechen! Wir stören den Staat, wenn wir uns versammeln. Wir sollen nur arbeiten. Hört Ihr, nur arbeiten! Arbeite und iss dein Brod im Schweisse deines Angesichtes, Das ist der Fluch, mit dem du in die Welt getreten bist! Aber die Stunde wird schlagen mit ehernem Glockenschlag, furchtbar dröhnen wird sie durch alle land die Sonntagsfrühe der Erlösung ...
Weiter konnte der Redner nicht sprechen. Denn eine Anzahl der Polizeidiener, die in der Nähe stand, trat auf den Hügel und zog mit lärmender Unterbrechung den jungen Mann von ihm herunter.
Dies wurde das Signal eines allgemeinen Tumultes, der mit der Ruhe des Friedhofes und mit dem Schmerz der auf dem Sande knieenden Louise und ihrer Geschwister in schreiendem Widerspruche stand. Man entriss den Häschern ihre Waffen, man tobte, schrie, stiess Verwünschungen aus. Die Häscher liessen ihre Notpfeifen ertönen, um von der Wache eines nahegelegenen Tores hülfe zu bekommen. Die Wächter der öffentlichen Ordnung waren so bedrängt, dass ihnen fast nichts übrig blieb, als sich an den durch diese Scenen entweihten Sarg zu flüchten, der auf den Brettern über der Grube stand und eben hinabgelassen werden sollte.
In diesem Tumult riefeine donnernde stimme:
Ruhe! Friede am grab! achtung vor den toten!
Es war Leidenfrost, dessen Autorität unter diesen Menschen Wunder wirkte. Seine gewöhnlich nur polternde Art hatte ihn ganz verlassen. Der Augenblick begeisterte ihn. Er war nur bei der Sache und ganz von ihr durchglüht.
Wenn mein Wort unter Euch etwas gilt, rief er, so steht von Aufruhr und Empörung ab! Ehret den Schmerz der Leidtragenden, die dort auf dem kalten Boden verhindert sind, ihre Andacht zu verrichten! Schreckt den Schlummer des gebrochenen Auges nicht auf! Wir kommen so nicht fort, wie Ihr meint, wir nützen uns nichts und Denen nicht, die nach uns kommen werden! Glaubt doch nicht, dass Ihr allein dasteht mit Eurem Kummer um diese Zeit! Gebt dies weichliche Jammern um Eure Lage auf und erschliesst Euern Geist einer höhern Betrachtung. Es arbeiten mehr, als Ihr denkt, wenn auch nicht mit Schwielen in der Hand. Aber es denken auch mehr und hoffen auch mehr. Ihr seid nicht die Einzigen und seid nicht verlassen! Ihr fahrt nicht wie dieser Jüngling in die Grube und düngt nur die Erde! Haltet Schritt mit dem Allgemeinen! Folgt nicht dem nächsten Gelüst Eures Zornes, sondern glaubt an den im Stillen arbeitenden Weltgeist, der uns mit Schöpfungen überraschen wird, von denen Ihr keine Ahnung habt. Eine Ordnung in diesem Leben muss sein! Sie beruht nicht auf der Verteilung der Güter, die nur Mord und Brand erzeugen würde, sie beruht auf dem geänderten Begriffe vom Staat. Dahin arbeitet! Nicht zur Auflösung, sondern zur neuen Bildung hin! Gehorchen wollen wir, dienen, uns beherrschen, Das ist das Ziel, das wir nur im Siege des Geistes, nicht dem Siege der Materie finden können. Die rechte Freiheit und die rechte Begrenzung! Darin liegt Glück, darin die Bürgschaft neuen Friedens. Die Römer wussten, was sie wollten; die ersten Christen wussten, was sie wollten; wir wissen noch nicht, was wir wollen. Deshalb entwaffnet die materielle Kraft, die Euern Forderungen gegenüber steht, entwaffnet sie nicht durch die schwache, sogleich besiegte Faust, sondern durch den milden Sonnenschein des Geistes und der Verständigung. Der Sonnenschein blies dem Wanderer den Mantel ab, den der Sturm nicht abblasen konnte. Gebt Ruhe, Friede den toten! Scheidet von diesem grab mit der Hoffnung auf einen neuen Frühling und werfe Jeder eine Handvoll Erde dem edlen Jünglinge nach, als Zeichen, dass wir Erde werden, wie er und uns versöhnen wollen mit unserm Loose, das uns diese Welt gab als einen Schauplatz der Entsagung und eine dunkle kammer rätselvoller Hoffnung!
Diese wie ein Strom hervorquellenden Worte verfehlten ihre wirkung nicht. Einer nach dem Andern trat an die Grube und warf eine Handvoll Erde über den Sarg. Louise und die Kinder schütteten Blumen. Die Frauen vieler Arbeiter umringten die Weinenden und führten sie an das Tor des Friedhofes zurück, wo einer der schönsten Wagen, dem ein zweiter, in welchem Mangold sass, folgte, sie aufnahm. Die verstärkte Torwache machte Spalier. Die Arbeiter gingen ruhig auseinander. Leidenfrost erhielt den Handschlag Dankmar's und jenes kleinen mit dem Offizier der Wache sich unterhaltenden Fremden, in dem Hakkert wieder den vornehmen Reisenden erkannte, den er in die Stadt Rom gewiesen hatte.
Als der Kirchhof von dem Menschengewühl sich entleerte und nur noch die Todtengräber tätig waren und das Grab zuschütteten, bemerkte Hackert in einiger Entfernung einen einsamen, zurückgebliebenen Wanderer. Es war Murray, der Alte mit der schwarzen Binde. Er sah, dass er die hände über den rücken zusammenschlug und von Grab zu Grab trat trotz der Kälte, trotz der schon schneidenden trocknen Winterluft. Er hatte ihn schon vorher im Auge gehabt und nur im Tumult