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. Er ergab sich nur der Verachtung aller Lebensverhältnisse und beschloss, am Montag zu Assessor Müller zu gehen und ihn zum letzten Male, da Madame Ludmer ihm wiederholt geschrieben hatte, um Einlass bei Murray zu bitten.

Wie er am Montage in der Frühe an das Profosshaus kam, ging eben eine Gruppe von Menschen aus dem haus tretend an ihm vorüber. Die Menschen schienen ihm bekannt. Der, welcher ihm am meisten auffiel, war Murray selbst; er erkannte ihn an der schwarzen Binde. Die Übrigen waren Dankmar Wildungen, der von Melanie so Heissgeliebte; jener wunderliche, verwachsene Fremde, den er in die Stadt hatte einfahren sehen und ein ihm Unbekannter, wir kennen ihn, Louis Armand. Louis hatte den gebückten, lächelnden Gefangenen unter'm arme gefasst und führte ihn wie im Triumph. Auch Otto von Dystra schien den Befreiten wie einen längst Bekannten zu begrüssen und Dankmar betrachtete ihn so forschend, dass er Hackerten übersah, obgleich dieser dicht an ihm stehen blieb und verwundert den Vieren nachsah. Am Portal des Profosshauses erführ er, dass man auf eine persönliche Bürgschaft jenes Herrn im Schnurrock und die Niederlegung einer grossen Summe eingewilligt hätte, Murray während seiner Untersuchung, die sich ohnehin schon zu seinen Gunsten gewandt hätte, auf freien Fuss zu stellen ...

Zu spät gekommen! sagte er und gedachte des üblen Eindrucks, den er mit diesem so gescheiterten Auftrage bei der Verwandten seines Vorgesetzten Pax machen würde. Diese Entdeckung war ihm nicht gleichgültig; ja, als er lauernd jenen Vieren folgte und Murray's Ruhe, die Freundschaft und Zuvorkommenheit jener Ehrenmänner für den Verdächtigen beobachtete, witterte er schnuppernd die Fährte neuer Lügen und Laster. Doch zu nahe wagte er sich den ruhig Dahinschreitenden nicht. Es war ihm, als könnte sich Dankmar wenden und ihm ein Wort zurufen wie einst auf dem Hohenberg. Wenn er dich einen elenden Spion hiesse, was könntest du erwidern?

Die Möglichkeit mehrte doch seine Pein. Louisen's Jammer an der Leiche ihres Bruders, die sittliche Gefahr des Justizrats, Melanie's Tränen hatten sein Inneres nicht erweicht, aber ein wenig erhellt. Er wurde Andern ein Licht, wie sollte es in ihm selber dunkel bleiben! Er sah sich wenigstens wie im Spiegel und war aus der brütenden Ruhe seiner Unmittelbarkeit aufgeschreckt. Da überfiel ihn eine solche Angst, dass er jener Frau, die ihm so viel Vertrauen geschenkt hatte und beunruhigt einmal über das andre in seine wohnung schickte, ob Herr Hackert nicht sogleich zur Geheimrätin von Harder kommen wollte, keine Anzeige von Murray's Freiheit zu machen wagte, ihm aber nachschlich und ausserhalb des Gefängnisses, in das ihn die Richter nicht hatten einlassen wollen, sich ihm irgendwie zu nähern suchte.

Am Mittwoch früh fand das Begräbniss des Karl Eisold statt unter Umständen, die die ganze Bevölkerung in Bewegung setzten und Veranlassung wurden, dass Hackert den Privatauftrag erhielt, die am grab gehaltenen Reden zu überwachen. Die Sicherheitsbehörde hatte keinen feierlichen Leichenzug dulden wollen und deshalb sogleich den toten auf den neuen Kirchhof schaffen lassen, wo er bis zum Begräbniss im Leichenhause beigesetzt blieb. Die Arbeiter der Willing'schen Fabrik aber hatten den toten bei Nacht aus jenem haus mit Gewalt entfernt und ordneten ein Begräbniss an, das durch die ganze Stadt gehen sollte. Es war eine eigenmächtige Handlung, die später einer strengen Untersuchung verfiel. Ein Ministerrat verbot das öffentliche Begräbniss, bis bei hof jene religiöse Scheu vor Allem, was Leben und Sterben berührte, entschied und man von dorter wünschte, es sollte dem Drange jener Menschen, diesen Todesfall in ihrer Weise aufzufassen, kein Hinderniss gesetzt werden. So fand denn jenes Begräbniss unter Vortragung von Insignien aller Art und mit Begleitung einer Trauermusik unter dem Zustrom von Tausenden Statt. Alle Maschinenarbeiter folgten. Sogar einige elegante Trauerkutschen schlossen sich an. Am grab wurden Reden gehalten, Choräle gesungen. Man bemerkte überall die Zeichen einer an diesem Trauergepränge sich aussprechenden Demonstration der erzürnten Gemüter.

O, rief ein junger Redner, der auf die feuchte gelbe Erde der Grube trat, das Haupt entblösste und die zukkenden Mienen seines blassen Antlitzes kaum vor innerer krampfhafter Erregung bemeistern konnte. O, so kommen sie denn immer näher die Boten des Sturmes, der bald uns Alle wie Staub aufwirbeln und durcheinander treiben wird! Noch eine kurze Ruhe und die Zornschaalen der Prophezeiung werden ausgegossen werden! Bis dahin, Brüder, wankt und verzagt nicht! Der Tod hält seine Ernte. Wie ein Schnitter fährt er dahin und mäht mit seiner Sichel schonungslos und grausam! An das Leben muss sich nun schon Niemand mehr klammern. Die zeiten sind vorüber, wo ein Jeder sich hütete, unter den Dächern der Häuser zu gehen, um nicht von einem fallenden Ziegel erschlagen zu werden. Die zeiten sind vorüber, wo man seines Leibes und Lebens schonte und pflegte und sich vornahm, gebessert, reich an Tugenden und gesammelt vor den Tron des ewigen Richters zu treten. Jetzt geht es im Fluge. Das Leben ist nichts. Die Kugeln werden Niemanden schonen. Eine Leiche? Hunderte werden wir begraben sehen, Tausende! Die Wut der Menschen, die es ahnen, dass ihre Stunde schlug, ist grenzenlos. Nicht mehr Könige und Könige bekämpfen sich, nein, alle Monarchen, alle Reichen, alle Grossen werden Frieden unter einander schliessen und die Armeen sind nur noch da, um Schlachten den Brüdern zu liefern. Unsre Plätze und Strassen, unsre Stuben und Kammern werden die Schlachtfelder werden, wo künftig die grossen Feldherren