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Wert seines Kindes so tief herabgesetzt, ein Verbrechen an ihr begangen hatte, ein höhnisches, boshaftes, teuflisches Grinsen. Er fand dies aber nicht. Ruhig schlug Hakkert die arme unter und eher furchtsam, nicht drohend war sein blick. Dieser blick ermutigte doch den von den innersten Qualen zerrissenen Mann und stachelte ihn zu der Anrede: Bube! Hast du nun Alles gehört, was ich dir danke? Hackert fuhr nicht auf. Er sah sich nur ruhig im Zimmer um ... Einen Fürsten als Schwiegersohn, sagte er dann mit der ihm eignen heiseren, kalten Tonlosigkeit. Ist Das so wenig? Aber es ist wahr. Sie hätten mich lieber im Waisenhause lassen sollen, Justizrat! Ich will gehen. Durch diese Tür kann ich's nicht. Das Schloss ist ja prächtig verdorben. Na! Ich will mich oben durchschleichen. Ich denke, Sie schicken heute noch nicht auf die Polizei, um den Einbruch anzuzeigen. Sonst, Schlurck, legen Sie sich keinen Zwang an! Ich glaube, dass Sie nur sich, nicht mich in's Unglück bringen wollten. Vom nächsten Sonntag an will ich jeden Morgen daran denken, dass ich für mein Alibi Zeugen habe. Sonst können Sie tun, was Sie wollen! Es ist wahr, ich habe nichts in Ihrer Schule getaugt, Justizrat! In Ihrer! Ihrer! Aber Eins kennt auch Melanie an mir, ich bin diskret. Ja, Schlurck! Ihre verdammte Dose da, aus der Sie bei jedem Besuche eine Prise nahmen und Witze niesten. Ich naschte aus derselben Dose und war zu jung mit meiner Nase, ich musste nur Dummheiten niesen. Ihr gabt mir Wein statt Milch. Juchhei am Morgen. Juchhei am Abend. Des Nachts lief ich sogar im Schlafe um und konnte aus dem jubel nicht mehr herauskommen. Melanie kam einst mit mir von einem Kinderball. Sie war grade vierzehn Jahre! Ich hatte getanzt, dass ich trotz meiner Haare der Abgott derKinder war! Das vierzehnjährige Kind ... Genug! Justizrat, weinen Sie nur nicht! Sonst taten Sie's ja nur, wenn Ihr Geburtstag war und Melanie Ihnen ein Paar Hauspantoffeln gestickt hatte! Oder bei Ihren Jugenderinnerungen weinten Sie ... Jetzt ... sammeln Sie sich! Versuchen Sie's noch zu guter Letzt, ein Herz von Stahl zu haben! Adieu, Justizrat! Alibi oder nicht ... Lassen Sie unterwegs, was Gefahr bringt. Ich möchte nicht, dass Sie auf Ihre alten Tage ... Justizrat, lieber keine Seide mehr spinnen, als ... Wolle! Wir sehen uns wieder, wo's der Teufel bescheert; nur nicht in ... Bielau!

Schlurck blickte nieder, wollte Hackert's dargereichte Hand nicht nehmen und sagte nur:

Hast den Ring?

Ich hab' ihn; antwortete Hackert fast hohnlächelnd und triumphirend. Dann schlich er wie eine Katze über die Wendeltreppe und durch die Zimmer, die er wie seine tasche kannte, zum haus hinaus.

Schlurck folgte vernichtet. Er sann darüber nach, wie er bis zu einer Entscheidung über Melanie's seltsame Andeutung den Zustand seiner Angelegenheiten verdecken sollte. Zum zweiten Male verdankte er seinem geliebten kind einen grossen moralischen Sieg über sich selbst! Vor Hackert hatte er niemals Furcht gehabt ...

Hackert schwankte seiner kaum selbst bewusst durch die Strassen. Er war nicht im stand, zum Profosshause zurückzukehren. Es war ihm, als sprächen Stimmen mit ihm aus der Luft. Was ihn sonst von ähnlichen bewegten Regungen auf frivole Stimmungen gebracht hatte, verfehlte heute seine wirkung. Wie malte er sich aus, was er erlebt hatte! Erst den blutigen Tod, die Trauer, dann ein Verbrechen, erstickt wohl nur im ersten Keime, dann Melanie und ihre Geständnisse! Wie einsam, wie jammervoll sah es in allen diesen Herzen aus! Zum ersten Male kam es ihm, dass er sich selbst fast ohne Schuld, ohne Reue erschien. Ein junger Lebensmut konnte sich über Das, was Melanie beklagte, keine Vorwürfe machen. Es rührte ihn, aber es peinigte ihn nicht.

So bracht' er den Tag bis zum Abend hin, wo in den Strassen die Zeitungen ausgeboten wurden, die die geschichte vom gestern gesprengten Maschinenarbeiterverein erzählten. Am Schloss des Königs standen die kleinen "fliegenden Buchhändler", unter ihnen trotz der Trauer, trotz ihres häuslichen Leids, Wilhelm und Karoline, die eignen Geschwister des Getödteten. Sie riefen ihres eignen Bruders Tod aus ...

Und Hackert kaufte ihnen ihre Blätter ab und hörte, dass sie eigentlich deshalb weinten, weil sie heute zum letzten Mal die Zeitungen auf der Strasse verkaufen durften.

Und Euer guter armer Bruder Karl? Darauf sagten sie nichts, als weinend die Worte:

In der heutigen Zeitung steht Alles ... Es ist aber die letzte ...

Und indem verkauften sie ihr Leid. Dass die Regierung den Strassenverkauf der Zeitungen heute zum letzten Male gestattete, war ihnen fast grösserer Kummer ...

Hackert wollte bitter werden. Er fand im Menschen Etwas, was vom Uranfange an zum Schlimmen zieht. Er sagte sich, dass die Lage, in der wir uns der Materie gegenüber befinden, unsre Tugenden und unsre Laster bedinge. Der Mann mit dem roten Barte! spottete er. O! O, Louise!

So leicht bizarre Äusserungen bei Hackert den Übergang zu seinem genusssüchtigen, gedankenlosen Leichtsinn bezeichneten, heute verlockten sie ihn nicht recht