! Ein Fremdling erntet die Vorbereitungen meines Fleisses! geben Sie mir diese Administration zurück! – Der Fürst überlegt sich den Antrag eine Weile, eine düstre Wolke lagert sich auf seiner Stirn, er schüttelt das strenge, kalte, blasse Haupt. Nein! sagt' er. Nun dann, sagt' ich, Durchlaucht, dann ein Andres! Sie sind Minister. Lassen Sie den Prozess des Staates wegen der Johannitererbschaft fallen! Ich komme an den Rand des Abgrundes, gestand ich ihm, wenn mir auch diese Hülfsquellen versiegen. Melanie, dasselbe Wort braucht' ich! Einem Menschen zum ersten Male dieses Wort! Dieses geständnis der elendesten Situation, in der sich meine Angelegenheiten befinden, ihm!
Und? warf Melanie gespannt ein, um den in stiere Abwesenheit und träumerisches Brüten versinkenden Vater aufzurichten. Schlurck erschrak fast über dieses Und?
Er schlug mir auch diese Bitte ab. Kalt wünschte er mir einen guten Abend! Kalt entliess er mich! O, Melanie, wie es da in mir gährte! Ach, verdammt! Nicht zu einer grossen und edlen Handlung gährte es. Wo hätt' ich die Kraft dazu! Aber an das Äusserste ... an den Tod dachte' ich –
Vater! Vater!
Melanie war hier aufgesprungen. Sie warf sich, erschüttert von der Andeutung ... vielleicht eines Selbstmordes ... über den Unglücklichen, der nicht arm sein konnte. Sie streichelte seine Wange, liebkoste sie, lachte unter Tränen ...
Nein, nein, so nicht! sprach sie zärtlich. So nicht, Vater! Ich ergründe diesen Egon nicht. Die Grausamkeit gegen dich und seine Liebe zu mir! Nach jener Seene im türkischen Zelt kam er blass und kalt in den Saal zurück und würdigte mich keines Blickes. Am folgenden Tage liess er die Worte fallen: Ihr habt so recht Eure Fäden um mich gesponnen und wisst Euch Alle im Preise zu halten! Daraus entnahm ich, dass ihn Euer Gespräch verstimmt hatte. Und nun bitte' ich, Vater, um Eines! Es ist hier ein Ziel zu erreichen, das uns wenigstens vor der Welt nicht gering erscheinen darf. Aber es gehört Weisheit und Selbstbeherrschung dazu! Jede Andeutung eines persönlichen Vorteils, den wir etwa suchten, jede Gier der Eroberung, jedes marktende und schachernde Selbstgefühl wäre hier ein heisser Stein, auf dem alle Möglichkeiten in Dampf auseinander zischten ...
Welche Möglichkeiten?
Dass ich den Mann, der mich einst tyrannisiren, quälen, morden würde, wirklich fände, aber ich müsste ihn doch wohl nehmen, weil er – ein Fürst ist.
Schlurck erhob sich. Er begriff nicht ganz den Zusammenhang dieser verworrenen Kombination.
Wie ist Das? fragte er, sich an seinen Sessel lehnend. Dich morden?
Egon von Hohenberg liebt mich, Vater! sagte Melanie ruhig. Ich verrate ihm, dass ich meinen Wert zu hoch halte, um ihn ohne Bedingung zu erhören. Er sinnt über die Möglichkeit einer Ehe. Zu werben um ebenbürtige Geschlechter ist er zu träge, zu lebensdüster geworden. Er hasst die Frauen sogar, vollends, da sich ihm jetzt Alle, Alle aufdrängen. Auch Pauline von Harder hat Angst vor der Anknüpfung neuer Verbindungen, die ihr den angebeteten Mann entführen. Als er dir so rundweg alle deine Bitten abschlug, war es erst der Zorn über eine Konspiration, der ihn so reden liess; dann aber auch, ich ahn' es, ein edleres Gefühl. Er denkt, an mir gutzumachen, was er gegen dich seinem sonderbaren Pflichtgefühl, seiner staatsmännischen Würde schuldig zu sein glaubte.
Eine solche idee würde Schlurck unter andern Verhältnissen nach seiner, etwas Grosses und Stoisches nicht begreifenden Philosophie für Narrheit erklärt haben. Jetzt war er zu zerknirscht glücklich dafür. Er atmete auf, wie wenn tausend Lasten von seiner gequälten Brust fielen. Und nur das Eine noch presste ihm die unendliche Wonne zurück:
Aber warum sollte dich Egon denn tyrannisiren, dich so mit Füssen von sich stossen, dass dir nichts bliebe, als der in solchem Falle erbärmliche Titel einer Fürstin?
Es war todtenstill im düstern Gemach ... Hackert wusste, was Melanie sagen wollte ... Als Melanie eine Weile schwieg und dann in heisse Tränen ausbrach ... ahnte es Schlurck.
Vaterzorn gegen Hackert brach so furchtbar jetzt in Schlurck hervor, wie damals, als er den aufgenommenen, wie einen Sohn behandelten und so früh verwilderten Findling fast mit Füssen trat und aus dem haus warf. Es wallte in ihm auf wie siedende Glut. Er fühlte die Kraft, in den Winkel zu springen und den Lauscher, der so früh die Ehre seines geliebten Kindes zerstört hatte, zu erwürgen; aber ein blick auf die zerbrochene Scheibe, auf die unter den Schrank gestossene Brechstange, die Besinnung über die Tat, die er an diesem Sonntagvormittage wollte zu einem scheinbaren Ausbruch kommen lassen – Simulation eines Einbruchs in sein Comptoir – lähmte seine Kraft. Er konnte nichts, als sich über Melanie beugen, ihr Haupt erheben, ihre Stirn küssen, mit ihr weinen ... Da schellte es am haus. Melanie erhob sich. Rasch gefasst sagte sie zum Vater: Papa, nur noch einige Wochen Mut und Selbstbeherrschung! So war sie geschwind wie eine Gazelle auf die Wendeltreppe gesprungen und hinauf zum oberen Zimmer verschwand sie ... Noch vergeblich nach Fassung ringend wandte sich Schlurck, als er Hackerten schon vor sich stehen sah. Er erwartete von dem Elenden, der den