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verbietet. Da ich also konsequent sein soll, was tat ich neulich bei der Geheimrätin? Geh weg, der Fürst wird dir davon nicht gesprochen haben!

Nein, nein, Vater!

Aber Kind, du willst geheimnissvoll gegen deinen Vater sein!

In Schlurck's Blickendie Brille lag vor ihm oder wurde in gewaltiger Aufregung mechanisch mit seinem ostindischen Taschentuche geputztspielten die kleinen Schlangen der Frivolität mit den Merkmalen der Trauer durcheinander. Er zupfte Melanie flüchtig am Ohr und da sie schwieg, sagte er, trotz Hackert, der atemlos lauschte:

Wirst doch mit deinem Vater nicht schäkern?

Schlurck wusste, wie Hackert zu Melanie stand. Tief durchschaut von einem jungen leichtsinnigen mann, den er im grund liebte wie seinen Sohn, wollt' er ihn wieder, wie sonst, in die ganze Lage seines Hauses einblicken lassen. Er wusste, wie Menschen nie so verwildert und gewissenlos sind, dass sie nicht dem Gefühle der Grossmut noch zugänglich blieben. Er ahnte, dass Hackert von ihm in Güte scheiden, sich mit ihm aussöhnen, ihn, komme was da wolle, nimmer verderben würde, wenn er ihn Zeuge dieser Geständnisse bleiben liess. Jetzt hinaufgehenDas hätte den Lauscher gefährlich gemacht.

Melanie begann mit schmerzlichem Ausdruck:

Papa, dies Verhältnis ist ein närrisches Buch, in dem Vielerlei zu lesen ist und doch weiss man nicht, was der Verfasser eigentlich will.

Schlurck ergriff die Dose und horchte auf. Seine Blicke waren auf den dunklen Winkel gerichtet, wo Hackert mit einer Zurückhaltung, die den Justizrat ermutigte, lauschte ...

Ich sah diesen Egon zum ersten Male auf einem Ritt nach Solitüde. Neben ihm sassen die beiden Wildungen ... Dankmar Wildungen ...

Der Vater seufzte. Melanie schlug die Augen nieder.

Es hätte Dankmarn herabdrücken sollen, ein Geringerer neben einem Vornehmen zu sitzen. Und ich hatte den Abend doch nur Augen für ihn!

Für den Abscheulichen, sagte Schlurck, der in diesem raum, dort auf deinem Sessel einst sass und ...

Er brach ab, um Melanie nicht zu verwunden und nicht zu viel zu verraten. Die Liebe für Dankmar war bei Melanie das heilige Kleinod, die wunderbare Reliquie, die im Schreine ihres Herzens, wenn auch mit hundert Gehäusen umschlossen, unentweiht ruhen geblieben. Die Sommertage von Hohenberg und Plessen konnte ihr kein Glanz überblenden. Keine Fürstenhuldigung, keine Anbetung des wirklichen Egon konnte jenem magischen Zauber gleichkommen, der diesen Erinnerungen geblieben war. Mit Dankmar hätte Melanie ihres eigensten Wesens sich entkleiden können, wie es der so heiss Geliebte nur von ihr fordern mochte! Der Vater kannte diesen Schmerz, kannte diese Anbetung, diese feste, unausrottbare Wurzel eines einmal empfangenen Eindrucks. Er sagte einmal: Mit diesem Dankmar bricht die Poesie meiner Tochter zusammen! Er wusste nicht recht, was er damit bezeichnete. Die Schönheit, die Anmut, die wirkung, auch der Leichtsinn, auch die Tändelei, jede flüchtigste Neigung blieb ihr; aber das Eine, das letzte allein mächtige Wort des Lebens lag doch nur in jener ihr erst den inneren Halt gebenden Liebe, die wie auf verborgenem Meeresgrunde gebettet war und für diese Erde nun nicht mehr sein sollte! Damals nach den poetischen Tagen von Hohenberg hatte Schlurck Nächte daran gesetzt, Dankmarn für seinen spröden Übermut in jener Frühstunde zu züchtigen. Er hatte mit einem Fleissaufwande, der ihn alle seine andern Angelegenheiten vernachlässigen liess, daran gearbeitet, dass Dankmar den Prozess mit der Stadt in beiden Instanzen fast so gut wie schon verloren hatte. Und dennoch, ihm gegenüber Sieger zu bleiben, schmerzte ihn fast um Melanie, die Dankmarn ihre stille, geheimnissvolle Liebe bewahrte und um einen Augenblick wie jenen, als sie in der Mondnacht an der Marmorvase im Hohenbergischen Garten von Dankmar's Arm ergriffen eine Weile an seinem Herzen ruhte, mit Freuden all' die Huldigungen hingegeben hätte, die ihr jetzt von einem wirklichen Fürsten so überraschend zu teil wurden.

Sie erzählte:

Bei der Geheimrätin sah ich den Fürsten einige Tage nach dieser Begegnung auf dem Solitüder Wege. Ich erkannte ihn kaum wieder. Er war sehr artig, sehr zuvorkommend. Als ich ihm dann auf's Neue begegnete, schien er sich über mich orientirt zu haben. Er beklagte die Misverhältnisse, die ihn von dir getrennt hätten. Er erwähnte Dankmar Wildungen, Hohenberg und lachte über meine Täuschungen mehr, als mein Stolz ertragen mochte. Sein Selbstvertrauen, mich um meiner Eitelkeit willen schneller erobern zu können, reizte mich. Ich war ablehnend, spröde sogar bis zur ungnädigen Rüge der Geheimrätin, die mich fast zu benutzen scheint als ein Mittel, ihre Häuslichkeit dem plötzlich so ergebenen Prinzen behaglicher zu machen ...

Die Verbindung des Fürsten mit Pauline von Harder war genugsam schon im Schlurck'schen haus ihrer Seltsamkeit wegen besprochen worden. Schlurck ermunterte durch sein Schweigen zum weitern Bericht ... Er prüfte dabei still für sich, wie das Alles auf den nicht zu entfernenden Lauscher wirken musste.

Als ich Egon sah, seinen Bruch mit jener Gräfin Helene aus Paris erfuhr, sein Bedürfniss, wie die Geheimrätin es nannte, mich jeden Abend bei ihr zu finden, beobachtete, entstanden bei mir Reflexionen, deren Ernst mich mögen recht langweilig gemacht haben, Väterchen! Sie legte den Arm über den Nakken des Justizrats ...

Lasally wurde entfernt und ich begann mit Egon von Hohenberg zu philosophiren. Ich wollte ihn nie anders sehen als in Gegenwart der Geheimrätin. Ich duldete von ihm nie