1850_Gutzkow_030_760.txt

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Er suchte ...

Das ist sehr schön von dir, sagte Melanie. Aber jetzt weiche mir nicht aus, Väterchen, sondern sprich: Was hattest du so lange mit dem Fürsten?

Frag' ihn Das selbst! sagte Schlurck und fasste das Kinn seiner Tochter, es noch zitternd emporhebend.

Nein, Vater, antwortete Melanie ernst und unter dem Pelz die arme zusammenschlagend; nein, ich frage den Fürsten nie nach solchen Dingen, die er mir nicht selbst erzählt. Ich habe gefunden, dass dies ein Mann ist, der seine eigne und höchst wunderliche Behandlung erfordert.

Unter andern Umständen hätte Schlurck zu dem Lächeln seiner Tochter selbst mitgelächelt. Diesmal standen ihm seine Mienen, die er zu einer feinen Anerkennung der Philosophie seines Kindes verzog, mehr schmerzlich als erfreulich.

Melanie wiederholte ihre Bitte und Schlurck, fast die gelegenheit ergreifend, vor der anwesenden, so gefährlichen, so tief ihn durchschauenden dritten person eine Rechtfertigung zu versuchen, antwortete:

Mein gutes Kind! Ich war kürzlich unten in meinem Keller, dem einzigen Orte, wo wir Männer uns sorglos der Gefahr aussetzen, den Schnupfen zu bekommen. Wie ich auf den Gestellen die umgelegten Sorgenbrecher sah, schlanke, lange, kleine, kurze, die geschmacklosen Boxbeutel aus Würzburg und was sonst dort zur Ansprache an Herz und Gemüt ausgelegt ist, überfiel mich recht der Kummer, dass der alte Rapport zwischen mir und meinen Zöglingen da unten hin ist. Wie behaglich wählt' ich sonst aus, was die Tafel schmücken, die Gäste erfreuen sollte! Wie schwelgte ich in den langen spanischen und portugiesischen Etiketten, die unsre Leute beim Serviren meiner Kostbarkeiten den Gästen gravitätisch zuflüstern mussten! Jetzt sagen alle diese Herrlichkeiten: Don Ranudo de Colibrados! Zu meiner Zeit war Das ein beliebtes Teaterstück, Kind, in dem ein pauvrer Edelmann vorkam, der auf seine Würde hielt, aber sich die Löcher seiner Kleider mit Tinte verschmierte. liebes Kind, auf meine Würde fühl' ich leider, werde' ich in unsrer jetzigen Lage nicht viel halten können. Die Emporkömmlinge haben nichts von der Grandezza des gebornen Adels. Ich nun vollends, meine gute Melanie, bin zum Komödianten in einem Grade untauglich, dass ich im stand wäre, aus der einfachsten und leichtesten Rolle zu fallen. Deine Mutter hätte wohl allerdings das Talent, alle Welt glauben zu machen, dass wir nur in Folge unsrer veredelten Grundsätze, in Folge unsrer geistlichen Umkehr und Einkehr uns einzuschränken anfingen. Sie könnte die Rolle einer aus himmlischen Rücksichten sich beschränkenden irdischen Glückseligkeit vortrefflich durchführen. Ich kann Das nicht. Ich war früher in meinen guten zeiten wahr, prahlte nie, sondern gab und freute mich des blauen Sonnenscheins; jetzt, wo mir soviel verloren gegangen ist, wo die Papiere im Werte sanken, meine Administrationen neu geordnet werden und wohl ganz eingehen dürften ...

Vergiss dein letztes Opfer nicht, warf Melanie trübe den Kopf aufstützend dazwischen, Lasally!

Es kam Eins um's Andre, Kind! Genug ... Nein, grade diese Summe in jetziger Zeit so baar auf den Tisch gelegt, ohne deshalb Anleihen machen zu dürfen, die du deines Credits wegen vermeiden musstest ...

Zehntausend Taler sollten eine Bagatelle für mich sein ...

Und sind es nicht, wenn sie plötzlich da sein mussten ...

Da sein mussten! Ah! Ja, ja! Ich fand es in der Ordnung, dass sich dies verhältnis so löste. Es ist ja erbärmlich, einen Bewerber seiner Tochter dulden, der von der Voraussetzung grossen Vermögens ausgeht und ihm hernach sagen: Da hast du nun mein Kind! Das ist ein Kapital! Im Übrigen findest du reinen Tisch! Ich verurteile Lasally nicht, dass er die Summe forderte. Er ist Philosoph wie ich. Er gehört einer andern sekte an als ich; aber System war immer in seinen Demonstrationen. Sie waren ruhig, kalt bis zum Prügelnswerten, aber in seiner Voraussetzung, dass ich reich wäre, hatte er Recht, sich nur mit jener Anleihe, wie er es nennt und ein Paar von deinen getragenen langen Handschuhen abfinden zu lassen ...

Hackert empfand eben ein Gelüst, als hätte er in der Ottokarstrasse mögen Feuer anlegen ...

Genug, lenkte Schlurck, der sich vor seinem Pflegekind in diesen Dingen um so weniger Zwang auferlegte, als er sich rechtfertigen musste, wieder seufzend ein, genug ich besitze das Talent nicht, mit dem Gefühl der Beengung Komödie zu spielen. Nur aus der Fülle heraus kann ich fröhlich sein. Wohl gibt es einen Ausweg, den grosse Geister in solchen Fällen oft mit Geschick eingeschlagen haben. Es gibt bewunderungswürdige Genies des Schuldenmachens. Auch zu diesen gehör' ich nicht. Die Elasticität, die zum Lügen gehört, kann ich mir nicht geben. Ich kann nicht bei Juden und Wucherern herumfahren, grosse Manieren, augenblickliche Verlegenheiten affectiren, ich kann Das nicht. Ich habe zeitlebens auf meine guten Eigenschaften gehalten und meine schlechten nie verdeckt. Ging' es nach mir, Herzlieb, ich spielte jetzt die Rolle des Parasiten, dem seine gönner gekündigt haben, ich ginge in Lumpen über die Gasse ...

Vater! unterbrach Melanie den schmerzlichen, von Tränen untermischten Humor des leichtsinnigen, so schlaff und doch wehmütig haltlosen Justizrates.

Gut, gut, gut! sagte er beschwichtigend. Ich tu' es nicht, ich weiss, dass die Rücksicht auf Euch mir den Übergang von der Schule Epikur's zur cynischen