mit Gewalt gezwungen werden, in das Getsemane einen Beitrag zu stiften, so ist ja in der Tat dieses Album recht ein Tränengarten, wie der Name bedeutet, und Judas der Verräter lauert ja mit dem falschen Kuss der Liebe an seinem Eingang. Frau von Trompetta gleicht da dem heiligen Crispinus, der den Reichen das Leder stahl, um den Armen daraus Schuhe zu machen. Nimmermehr würde die selige Fürstin eine solche Unternehmung, etwa durch Übernahme von Loosen, unterstützt haben. Denn es liegt doch wohl kein Segen in Dem, was nicht aus reiner Quelle fliesst ....
Nun, Herr Pfarrer, meinte Herr von Reichmeier, der erst seit seinem letzten Knaben Christ war, wenn das Album mit zweihundert Louisdors verkauft wird und der Betrag, ich will einmal sagen, an das Waisenhaus käme, um den Kindern daraus warme Jacken anzuschaffen; die Jacken halten ebenso warm, ob nun das Album zusammengebetet oder zusammengebettelt wurde.
Stromer horchte auf und betrachtete den witzigen Sprecher mit ernster Miene. Und gleichsam als würdigte er ihn keiner Antwort, wich er der weitern Debatte mit den leisen Worten aus:
Irr' ich nicht, so hört' ich vorhin den Namen des Prinzen Egon erwähnen?
Melanie, die eine unbehagliche Stimmung in der Gesellschaft nicht wollte aufkommen lassen, bestätigte diese Bemerkung.
Allerdings! sagte sie. Er ist ganz frisch von Paris angekommen. kennen Sie ihn, Herr Pfarrer?
Geistig sehr wohl, sagte Stromer. Gesehen hab' ich ihn niemals.
Er war auch zu Ihrer Zeit nicht in Hohenberg? bemerkte Herr von Zeisel und fügte bei:
Seit meinem Amtswirken wenigstens ist er abwesend.
Doch! doch! lieber Herr Justizdirector, erzählte Stromer; Prinz Egon lebte bis in sein vierzehntes Jahr grösstenteils hier in Hohenberg. Mein Amtsvorgänger war damals sein Erzieher. Später verbrachte er, nach vollendeten Universitätsstudien einmal acht Tage hier – acht Tage – wo Sie eine Inspectionsreise machten und ich, entsinnst du dich, Linchen, lag ja wohl krank?
Linchen, seine Frau, nickte. Sie war so schüchtern, kaum ein leises Ja! zu flüstern.
Als ich wieder vom Krankenlager erstand, fuhr Stromer fort, erzählte mir die Fürstin, wie wenig sie sich mit ihrem Sohne verständigen könne. Beide Gemüter, in so vielen Dingen nahe verwandt, trennten sich gerade in den wichtigsten Lebensfragen. Sie liebte den Prinzen, ihr einziges Kind, mit einer leidenschaft, deren Ausbrüche mich oft in Angst versetzten. Nie konnte sie seiner ohne Tränen gedenken. Wenn sie einen Brief von ihm empfing, klopfte ihr das Herz mit hörbaren Schlägen. Sie schluchzte, indem sie ihn las, und gestand mir, dass sie sich durch dies Kind oft unglücklicher fühle, als selbst ein Mutterherz tragen könne. Rudhart, mein Amtsvorgänger, hatte dem Prinzen die ersten Grundlagen seiner Bildung gegeben. Es war Dies ein strenger, unfreundlicher Mann, der in der Religion nur eine gegenseitige Übereinkunft der Menschen sah, sich nicht zu morden und zu bestehlen. Diese Übereinkunft war ihm durch den Lauf der zeiten so oder so verbrämt, bunt und willkürlich ausgeschmückt, sodass er Christentum und Islam ineinanderwarf, wenn nur der äusserste Zweck einer gewissen moralischen Haltung und Erziehung durch diese Religionsformen erzielt wurde. Als dieser Seelsorger, ein sonst sehr achtbarer Mann, unserer Gemeinde entsagte und zu einer deutsch-russischen Familie in Liefland zog – er scheint jetzt verschollen –, war mit der Fürstin schon längere Zeit jene Veränderung vorsichgegangen, die sie bestimmte, nicht nur einen Geistlichen der jüngern und neuern Richtung zu wählen, sondern auch ihren Sohn vorzugsweise nach Genf zu schicken in die Anstalt des Professors Monnard, wo sie gewiss sein durfte, ihn nach ihren Principien erzogen zu sehen. Solange Prinz Egon in diesem Institut verweilte, erhielt die Mutter von ihm zwar etwas kalte, aber doch in religiöser Hinsicht beruhigende Briefe. Man konnte oft zweifeln, ob diese Briefe der reine Erguss seines inneren oder nur Schulübungen waren. O Gott, rief sie einst aus, wenn diese Briefe von den Lehrern erst deshalb gelesen würden, um auch ihren Geist so zu corrigiren wie die Sprachfehler! Wenn Egon nur aus Furcht, seinen Lehrern zu misfallen, so schriebe, wie ich wünschte, dass es ihm aus innerster Seele käme! Als ich sie dann, die treffliche Frau, damit zu beruhigen suchte, wie ja Allem, was dereinst uns innerlich und ureigen werden solle, doch wohl erst etwas Äusserliches und anderswoher Entlehntes vorangehen müsse, antwortete sie: Wie aber, wenn dies ungern Aufgenommene in Egon's Seele nicht haften bliebe, sich nicht in sein eigenstes Blut verwandelte und von seinem eigenen Bedürfniss nach himmlischer Stärke ergänzt würde! Leider trafen diese Befürchtungen ein. Als Prinz Egon, neunzehn Jahre alt, in der Residenz mit der Mutter zusammentraf und die Universität beziehen wollte, schrieb sie mir, wie kalt, ich wiederhole ihre Worte, wie kalt sie sein Herz gefunden hätte. Eis, sagte sie, gab er mir für die Glut meiner Liebe. Ich suchte sie damals zu trösten; ich verfiel, ich weiss nicht wie, auf die Wendung, dass vielleicht einmal ein grosses Unglück ihm heilsam werden könnte. Diesen Gedanken hielt sie, als sie nach Hohenberg zurückkam, mit auffallender Zähigkeit fest. Immer wieder kam sie darauf zurück, dass man nur durch Trübsale und Prüfungen zur erkenntnis seines wahren Heils gelange. Und Wahrheit, Wahrheit, Wahrheit! rief sie eines Tages ganz krampfhaft aus und sank erschöpft in ihren Sessel zurück.