1850_Gutzkow_030_759.txt

du oft genug gesessen und die Feder gekaut. Die Welt, mein Sohn, ist ein Dudelsack, bei dem der Wind die Hauptsache ist. Nur Luft, nur Wind, dann pfeift sich's und tanzt sich's! Hast den Ring? Adieu, mein Sohn! Adieu! Musst oben gehen! Leise! Leise! Hier fehlt der Schlüssel! Leise! Leise!

Und dies "Leise!" war's, was Hackert nicht ertragen konnte. Er hätte sich in Alles gefunden, jeden Verdacht niedergeschlagen, er hätte mit Schlurck Mitleid haben können, sich selbst überwunden, aber jetzt: leise? Immer leise? Ewig leise?

Und doch sagte er noch nichts, sondern hielt an sich und lugte nur zu den Schränken und sprach:

Justizrat, ich weiss noch Alles! Da lagen die Mündelgelder der minorennen Grafen Werdenbach; da lag eine Erbschaft, die so viel Prozesse kostete; ist sie nun entschieden? Da weiss ich, in Nr. 9, die angesammelten Zinsen und Kapitalien der polnischen Äbtissin Sybille im Kloster zum Herzen Jesu, die für die Nachkommen eines gewissen Kaminski ausgesetzt waren, der nach Frankreich floh ...

Recht! Recht, mein Junge! Warst ein Genie! Kennst Alles: Jetzt aber leise! Leise!

Leise! Zum Teufel! wandte sich Hackert. Vor wem hab' ich mich denn zu fürchten?

Fritz, misbrauche meine Gutmütigkeit nicht!

Gutmütigkeit, dass ich hierhergelockt wurde, während hier Alles vorbereitet wird, zum Schein, als wär' ich's, der hier gestohlen ...

Hackert! stiess Schlurck halb ohnmächtig heraus. Seine Lippen bebten, sein Auge blickte starr. Er musste das Geländer der Wendeltreppe fassen, um sich zu halten. Er begriff jetzt doch erst ganz, was in Hakkert's Seele vorging. Von dem Gedanken: der Unglückliche glaubt, ich wollte ihn zum Verdächtigen eines Verbrechens machen, das vielleicht in seiner eignen Brust noch schlummerte und vielleicht eben erst halb ausgeführt war, war er bis zur Ohnmacht überrascht und überwältigt ...

In dem Augenblick ging oben eine Tür. Gewänder rauschten. Melanie rief ... Väterchen! Sie war an der Treppe. Sie kam. Hackert springt in eine Ecke des Zimmers, wo jener Schirm stand, hinter welchem einst Dankmar's Schrein mit dem Kreuze gestanden.

Melanie beugte den Kopf über das Geländer der Treppe ... ein paar Sprünge ... sie war unten ...

Schlurck wie tot taumelte in einen Sessel.

Dreizehntes Capitel

Auferstehung

Wie dumpf und stickig das hier ist! sagte Melanie, als sie beim Vater unten war und sich staunend umblickte. Und eine Scheibe zerbrochen! Ei welche Nachlässigkeit! Du arbeitest, Vater?

Schlurck hatte sich in der Vernichtung, die ihn auf den Sessel geworfen, wenigstens das Ansehen gegeben, als läse er in den durcheinander geworfenen Akten.

Hackert blieb in seinem Versteck unbeweglich.

Die Kirche dauert lang, sagte Melanie etwas aufräumend, und ich glaube fast, die Mutter wird noch Besuche machen.

Schlurck nickte. Er hatte sich noch immer nicht sammeln können.

Väterchen, es ist recht lange her, dass wir uns nicht im Stillen gesprochen haben!

Schlurck seufzte und schauderte grade über die Todtenstille im Zimmer.

Warum sind wir nur seit geraumer Zeit so unglücklich! Mit diesem letzten Sommer sind alle unsre Freuden abgeblüht.

Schlurck sammelte sich, griff mechanisch nach der goldnen Dose und stotterte, sich zu künstlichem Humor zwingend, den Vers:

Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder

Hackert hätte dazwischen springen und rufen mögen, dass dies Wort auf Melanie nicht passe. Ihr schien ein ewiger Mai zu blühen. Wohl ruhte auf der edlen Stirn eine Wolke von Melancholie, wohl schienen die Formen des Antlitzes etwas herabgezogen, etwas in jenes Oval gesenkt, das den Kummer der Seele verrät; aber ein geminderter Schönheitsglanz war darum doch nicht sichtbar. Es war die alte sylphidische Gestalt, es waren die gewölbten Schultern, der stolze Nacken, das reiche, kunstvoll verschlungene dunkle Haar, die vollen arme, die unter einem leichten Hauspelzüberwurfe in schöner Rundung hervorschimmerten und sich über den Sessel des Vaters lehnten ... Hackert hielt den Atem an.

Darf ich dir eine Neugier verraten, Väterchen? begann Melanie. Was hast du kürzlich mit dem Fürsten bei der Geheimrätin in dem türkischen Zelt verhandelt?

Schlurck's erster Gedanke war nun, zu erwidern, sie wollten hinaufgehen. Doch hinderte ihn die Angst vor Hackert. Er kannte ihn genug, um sich zu sagen, dass seine tückische natur zu schonen war. Aber nicht nur Furcht vor dem versteckten Lauscher, sondern auch Mitleid bestimmte ihn, nicht vom Hinaufgehen zu reden. Er malte sich Alles aus, was in Hackert's inneren vorgehen musste und gleichviel, welches der Grund seiner vorherigen Aufregung gewesen war, gleichviel welches Verbrechen der zerstörten, jetzt leidlich wiederhergestellten Ordnung des Zimmers zum grund lag, die Vorstellung war ihm fremd gewesen, Hackert zu sich zu locken und ihn in der Art, wie der Mistrauische es andeutete, verdächtig zu machen! Er litt ernstlich ebenso unter dieser Vorstellung, wie er ohnehin halb verzweifelnd sich schon vor Schaam fühlen musste. Und so sagte er nur:

Ah! Bah! Lass diese Sachen! Erzähl' mir heitre Geschichten! Was hat dich denn plötzlich so musikalisch gemacht? Ich habe dich abonnirt auf die Symphoniesoireen. Siehst du! Wo sind nur die Billete? Hier,