auf.
Ein rotes Etui! Im Fach Nr. 13 links liegt ein rotes Etui!
Du irrst, du irrst! lenkte ungeduldig, fast zitternd der Justizrat ein, wühlte noch einige Augenblicke in dem Sekretär, erklärte das Etui nicht finden zu können und wollte eben zuschliessen und Hackerten wieder zurücklassen nach vorn, als er hörte, dass Melanie mit dem Klavierspiele aufgehört hatte. Türen gingen. Schlurck's Unruhe verriet, dass er annahm, seine Tochter suchte ihn vielleicht und könnte den ihr so tödtlich verhassten Hackert hier finden ...
Er winkte fast mechanisch dem Besuch, näher an die Wendeltreppe zu treten, hielt ihn dort aber zurück und bedeutete ihn zu schweigen. Er flüsterte, er wollte selbst hinuntergehen, um unten nach dem Etui zu suchen ...
Sonntags pflegte dies untere Kabinet durch die vorgelegten und geschlossenen Fensterläden dunkel zu sein. heute' war es hell. Um so auffallender musst' es Hackerten erscheinen, dass der Justizrat ein weiteres Nachfolgen auf der Wendeltreppe entschieden verbot ...
Bleibst da! Bleibst da! sagte er fast schnarrend und heftig.
Ich kann ja unten gehen, wenn ich doch ...
Bleibst da! Bleibst da!
Hackert begriff nicht, was hier vorging. Unten hörte er den Justizrat rumoren. Er selbst blieb erst oben, dann auf der viertel, zuletzt auf der halben Treppe. Schon entdeckte er eine sonderbare Unordnung in dem Kabinet, eine Verwirrung, die sonst nie in ihm herrschte. Papiere mit Siegeln lagen auf der Erde. Die Schubläden sonst verschlossener eichner Schränke waren aufgezogen, ein Sessel umgestürzt, die Fensterläden nur leise angelehnt, Geld klimperte, wie wenn es auf der Erde läge und der nach dem roten Etui Suchende darüber stolperte. Endlich schien Schlurck das Kästchen gefunden zu haben, sah sich um und bemerkte, dass Hackert gefolgt war. Er erstarrte darüber.
Bleibst oben! rief er tonlos. Verdammter ...
Und wie Schlurck eben so fluchend hinaufstieg, hörte man ganz in der Nähe Türen gehen und Kleider rauschen. Jemand schien den Justizrat zu suchen. Vielleicht Melanie. Unwillkürlich trat Hackert trotz des Verbotes niedriger und war mit seinem Kopf schon in ebner Linie mit der ersten Stufe der Treppe, so hurtig, so behend, dass ihn die etwa eintretende Melanie nicht sehen konnte. Und im selben Augenblick erscholl ihre stimme:
Papa!
Schlurck konnte nicht hindern, dass Hackert nun mit zwei Sprüngen unten war.
Papa! rief es wieder von oben.
Ich kann ja hier unten gehen, sagte Hackert und wollte durch jene Tür sich entfernen, durch welche damals der Justizrat dem draussen lärmenden Bello des Fuhrmanns Peters Ruhe gebot. Er wusste, dass der Schlüssel von innen stak.
Doch fehlte dieser Schlüssel und Schlurck stand da, ratlos, wie vom Donner gerührt, wohl lächelnd, aber wie in wahnsinniger Verlegenheit.
Zum Glück hörte man Melanie nicht wieder, aber die Unordnung, die hier unten herrschte, war doch nicht mehr zu verbergen. Durch die nichtgeschlossenen Fensterläden brach ein Lichtschimmer, hell genug, um den ohnehin an das Dunkel inzwischen schon gewöhnten Augen Dinge zu zeigen, die befremdlich genug waren ...
Aber, zum Teufel, Justizrat, brach Hackert aus. Hier möchte man ja meinen, hier ist Einer eingebrochen!
Wie? Was? stotterte Schlurck und versuchte, aufatmend, dass wenigstens Melanie fernblieb, einige Scherze in seiner alten Art ...
Hier ist der Ring, sagte er zu dem dämonisch aufblickenden Hackert und stiess zu gleicher Zeit, während er diesem ein Etui reichte, einige Schlüssel und eine eiserne Stange hinterrücks von sich. Siehst du? Dieses zerbrochene Stück ... Komm jetzt hinauf!
Lassen Sie doch noch! Ihr Fensterladen ist ja offen ...
Hackert trat an's Fenster und hatte durch eine zerbrochne Scheibe nur nötig, den Laden zurückzustossen. Da sah man denn den Zustand des Zimmers. Nur eines einzigen Überblicks bedurfte es für den gewandten jungen Spürkopf, die Situation zu übersehen. Der furchtbarste Verdacht wurde ihm zur augenblicklichen Gewissheit. Schlurck wollte die Miene annehmen, als wär' er an diesem stillen Sonntagsmorgen durch Einbruch beraubt worden. Das stand ihm im Nu fest. Und eben so rasch schoss ihm wie mit einem Tigersprunge der Gedanke durch den Kopf: Wärst du nicht hier unten, dem Justizrat gegenüber, nun selbst gewesen, so hättest du in die Lage kommen können, für den Dieb zu gelten! Und darum hergelockt an einem Sonntag Vormittag? Darum die Versuchung mit dem Ring? Darum ...
Er riss das Etui an sich mit krampfhafter Wut, sprang auf Schlurck zu, dass dieser zurücktaumelte und rief:
Schlurck!
Was ist?
Ein durchbohrender, tief in alle Falten der Seele wie mit tausend Pfeilen zugleich zielender blick aus Hackert's starren Augen auf den Justizrat ...
Aber zu sagen wagte er doch nicht, was er dachte ...
Schlurck aber verstand ihn sogleich, bebte und meinte nur:
Welche Unordnung! Hilf mir aufräumen, Fritz! So, so! Wie müde bin ich! Schon frühmorgens! Hilf doch! Aber denke nur nicht, ich wäre gewissenlos. Ich habe viele Clienten verloren! Da lagen sonst Tausende, jetzt sind's Papierschnitzel. Hast den Ring! Sieh nach! v.R.v.R. Weiter nichts, aber viel gesagt! Prinzessin von Rudolstadt, von Russland ... ho! ho! Junge! Siehst du, hier hast