ist's auch wahr? Haben Sie doch nichts Schlimmes im Sinn –?
Hackert lauschte den Tönen und blinzelte nur mit den grauen Augen –
Bartusch ist auch in der Kirche und die Justizrätin – Hackert, soll ich Sie wirklich melden?
Hackert nickte.
Man hörte einen Schlafrock rauschen. Er kam von oben her. Es war der Justizrat, der rasch, scheinbar in grosser Aufregung, mit Papieren in der Hand, von einer Corridortür oben in die von Jeannetten geöffnete eintreten wollte.
Herr Justizrat –
Was ist? rief Schlurck auffahrend, fast wild ...
Hackert ist da ...
Wer? Was? rief Schlurck und blickte um sich wie irrsinnig und sah den auf der Treppe stehenden Pflegesohn ...
Was wollen Sie? fuhr er mit plötzlich leichenblasser Miene den ihn auf seine eigne Aufforderung Besuchenden an und doch erstarb ihm das Wort auf der Zunge. Er war von Hackert's Begegnung an dieser Stelle, um diese Stunde so betroffen, wie damals, als er ihn auf dem Heidekrug um Mitternacht hatte schlafwandeln sehen ...
Hackert, befremdet über diese Aufnahme, mit dem ihm immer gegenwärtigen Zorne auflodernd, liess die tonlosen Worte fallen:
Es ist ja Sonntag Vormittag, Herr Justizrat! Die Glocken läuten ja! Aus der Johanniskirche hört man die Orgel ...
Schlurck besann sich auf seine eigne Aufforderung und suchte sich zu fassen. Er schien zu bereuen, dass er sich auf einem so heftigen Erschrecken über Hakkert's Anwesenheit hatte ertappen lassen ...
Ich störe Sie! Ein ander Mal! sagte Hackert und wollte gehen ...
Nun aber schien über den Justizrat eine neue Gedankenreihe zu kommen. Er rückte die goldne Brille in die Höhe, strich sich die spärlichen grauen Haare und sagte:
Nein, nein, ich besinne mich ja! Ja wohl, ja wohl! Jeannette geh' Sie! Was lauert Sie! Fort! Aber dass Sie Melanie nichts sagt! Hört Sie?
Jeannette hielt diese Aufregung des Justizrates für völlig in der Ordnung. Sie wusste, wie gewagt es von Hackert war, in diesem haus zu erscheinen. Sie wandte sich nach den Zimmern, die zum hof hinaus lagen ...
Dass du auch grade heute – begann Schlurck und schien wiederum zu überlegen, ob er Hackert in die Zimmer lassen sollte oder nicht. Melanie spielte am Klavier. Das beruhigte ihn wenigstens ... es klang so wehmütig, so schmelzend, so sanft aus den vordern Zimmern her ...
Ich wollte nur wegen des Rings, von dem Sie neulich sprachen, sagte Hackert, als der Justizrat ihm zuwinkte, leise aufzutreten, und ihn auf die Türschwelle nötigte.
Welcher Ring? Ah so! Ja! ja! Das kann ja geschehen. Komm, mein Sohn! Leise! Leise! Sie spielt ...
Alle diese Worte sprach Schlurck durcheinander wie Jemand, der seiner selbst nicht bewusst war ...
Was ist ihm nur? dachte Hackert und trat in die ihn so traulich begrüssenden Räume ... hier auf gebohnte Fussböden, dort auf bunte Teppiche. Er sah die überwinternden Blumenstöcke, die Porzellananhäufungen hinter Glasschränken, die Gemälde, die Vasen in den kleinen niedrigen, aber kostbar austapezierten Zimmern. Ein Papagei in einem grossen Messingbauer kreischte auf, als wenn er Hackerten erkannte ...
Schlurck ging voran. Sein Auftreten war schwankend. Er hielt sich zuweilen und blieb wieder stehen, sah Hackerten an und rückte die Brille hin und her ...
Sind Sie krank, Herr Justizrat?
Schlurck hörte nicht, sondern brummte nur vor sich hin:
Der Ring! Warum auch grade heute ... was sagst du Hackert? Nein, nein, rede nicht! Sei still! Sie könnte hören ...
Damit waren sie an jenes Zimmer gekommen, von wo aus eine Wendeltreppe in die untere Arbeitsstube des Justizrats führte. Beide Gemächer gehörten ihm selbst an. Er schien in der Meinung zu sein, den Ring in dem obern Zimmer zu finden ...
Er schloss einen Schrank auf und suchte überall, indem seine hände zitterten ...
Hackert kannte seinen Pflegevater hinlänglich, um sich zu sagen, dass eine solche Aufregung nur mit einem seltsamen, ganz unerhörten Vorgange in Verbindung stehen konnte. Noch vor wenig Tagen war ihm Schlurck so nicht entstellt, so todtenbleich, so abgefallen nicht erschienen. Er erklärte auch, sich entfernen zu wollen und ein ander Mal wieder zu kommen ...
Nein, nein, Hackertchen, sagte der Justizrat, es liegt so viel auf mir. Deine Stelle ist noch immer nicht würdig besetzt. Der Ring! Ich entsinne mich doch ... ein rotes Etui war's, worin ich ihn aufbewahrte ... ich gratulire, wenn du deinen Stammbaum entdeckst. Ich habe mir Mühe genug gegeben, dir einen bessern Vater zu verschaffen, als ich bin, Fritz ...
Und während der Justizrat noch so plaudernd und seine Erregung bergend suchte und suchte, hielt er plötzlich inne, sah Hackerten mit einer Miene fast des Mitleids an, schlug sich an die Stirn und liess die Worte fallen:
Nein aber, dass grade Du ...
Ich? Was ist?
Eben so rasch wollte Schlurck den Eindruck seiner Worte verwischen.
Warum ich?
Nichts! Nichts!
Sie finden den Ring nicht! Er liegt unten ...
Unten? Nein!
In dem Depositenschrank ...
Was weisst du? fuhr Schlurck