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Kinder, der gang da! So! Die Droschke fährt uns schon nach. Ich führe mit Ihnen, liebe Louise, wenn ich ein Tröster wäre ...

Und so sprach Hackert blasirt durcheinander fort und Louise schwieg und die Kinder fassten ihn bei der Hand und sie waren von dem Schauplatz des Jammers entfernt, sie wussten nicht wie. Und für Louise ... für sie lag in Hackert's Art doch ein Trost. Er wiederholte ihren Schmerz nicht, er unterstützte ihre Verzweiflung nicht durch gleiches Entflammen. Und grade dadurch bot er eine wirkliche Anlehnung. Louise mochte nicht nach seiner Lage fragen. Sie konnte es auch nicht, da ihr dazu die Sammlung fehlte. Der Wagen war an eine entgegengesetzte Tür des weitläufigen Gebäudes gefahren, wo sie jetzt das Gebäude verlassen mussten, die Menschen hatten sich verlaufen ...

Seht, Ihr Kinder, sagte Hackert ruhig mit gewagter wirkung, als Louise einstieg, Euch tröstet schon die gelegenheit, einmal fahren zu können! Das muss Euch erst geschehen, wenn Euer Karl tot ist! Brandgasse Nr.9!

Hackert bezahlte den Kutscher, die fünf waren untergebracht, der Wagen fuhr fort. Louise sah nicht mehr zu dem Polizeiagenten auf. Die Kinder schluchzten noch, aber schon nur noch deshalb, weil die Schwester weinte. Das Fahren war ihnen in der Tat ... ein Trost!

Hackert, der die schwache Menschennatur so traurig gut kannte, kehrte in die Halle zurück, die inzwischen leer geworden war. Der Torweg blieb geschlossen. Es sah düster, fast fürchterregend in der Halle aus. Er trat an die Tragbahre, auf die blutige Strohmatte. Unwillkürlich war's ihm, als sollte er zu dem blassen, wachsgelben Antlitz sagen: Karl, stehen Sie auf! Es schlägt fünf Uhr! Grossvater hustet schon, wie er immer tut, wenn der Hahn kräht und die Uhren aufgezogen werden sollen ... Er kannte den grauen Rock mit weissen Knöpfen, die schwarze losgeknöpfte Halsbinde, die Mütze mit der kleinen Cokarde ... Die Kugel war durch die Gegend der oberen Rippen gefahren ...

Stumm und nachdenklich sah Hackert auf das arme Opfer politischer Aufregungen, die seinem Sinne fremd waren. Es war eine andre Welt, in der Karl Eisold gelebt hatte, eine andre, in der sich Hackert tummelte. Wie die Sonntagsglocken draussen so dumpf läuteten, war's ihm, als flüsterte ihm eine stimme zu:

Fehlt dir Elenden nicht die Liebe? Du bist nicht einmal wert, so wie Der zu sterben! Es gibt ein Jenseits, wo die Rollen sich umtauschen und dieser Jüngling im weissen Gewande mit der Märtyrerpalme in die Hallen der Seligen tritt! Was ist diese Welt? Was sind diese Anmassungen? Was sind diese Häuser, diese Bayonnete dort, diese Eisenstäbe vor den Fenstern? Höre die Glocken! Sie mahnen dich an eine andre Welt!

Es überkam Hackerten wirklich ein geistiger Zustand wie der seiner physischen Krankheit. Er wandelte wie im Traum. Er fühlte, dass er wachte, aber er war seiner nicht mächtig. Er verliess die blutige Strohdecke, die einsame Halle, das Profosshaus. Er dachte nicht mehr an den Assessor, nicht an sein Anliegen, endlich Murray zu sprechen. Er irrte so über die Strassen hin. Erst im Gewühle der lebhaftesten Stadtteile kam er zu sich und musste sich's von den Augen wegwischen, so stand's ihm wie ein Bild vor ihnen. Der graue Novemberhimmel tröpfelte. Es fror ihn. Er sah sich um, wo er war. Er stand grade vor des Justizrats wohnung. Die Glocken läuteten in nahen und fernen Stadtteilen. Die hinter dem alten Tempelhause gelegene Johanniskirche war schon lebendig vom brausenden Orgelstrom ...

Da gedachte er der neulichen Aufforderung seines Pflegevaters, ihn zu besuchen, wenn Sonntags in der Kirche gepredigt würde.

Er schellte also an dem haus seiner Jugend. Es öffnete sich. Er trat ein. Niemand da. Er klopfte an die Geschäftstüren. Sie waren verschlossen. Er ging an die hintere Tür, wo Schlurck arbeitete. Auch sie verschlossen ...

O, sagte er sich, wenn du nur nicht irgend Einem begegnetest, der dich aus deinem Traume risse! Nur Bartusch, nur Jeannette nicht! Nur nicht Menschen! Nur nicht Erinnerungen von sonst! Wär's Melanie! ... Ganz wohl tat ihm, dass Alles so öde und einsam in dem haus war. Die Treppen zu ersteigen wagte er nicht. Er sah die alten bekannten Bilder, die auf den Wänden der Treppen hingen. Er hörte Niemanden. Dass die Haustür aufgegangen war auf sein Schellen, war wie von Geisterhand geschehen.

Aber zuletzt war es doch Jeannette, die die Treppe herunterrief:

Wer ist da?

Hackert stand zur Hälfte oben und fragte nach dem Justizrat.

Staunen, Verwundern, Zögern

Er hat mich bestelltWie geht's? Was sagte der Stallmeister?

Neumann ist bei Lasallyich zieh' auch zu ihm, Fritz! Hier wird's stillödedie Justizrätin ist in der KircheMelanie liest den ganzen Tag Bücher und spielt Harfe wieder und Klavierhören Siedada spielt sie ...

Melanie, die im Klavierspielen sonst so Träge, spielte ein träumerisches Adagio. Auch sie schien die Predigt in der Kirche durch die Wahl des Musikstücks zu ehren ...

Er hat Sie bestellt? sagte Jeannette staunend. Hakkert,