Mann mit rotem Barte und das Wort vom Punsch ein. Er konnte sich denken, dass Karl, der sittenstreng war und Danebrand liebte, diese Bekanntschaft nicht billigte. Vielleicht war er gestern deswegen nicht nach haus gegangen, vielleicht deswegen nur in den Verein gegangen, den er seiner Jugend wegen und als Lehrling sonst nicht besucht hatte. Hackert, hinter dem Pfeiler schielend, sah das Anschwellen der Menge ...
Louise gab dem Drängen der Polizeidiener, sich zu entfernen, nicht nach. Erst als der Assessor Müller erschien, die Wache herausrief und mit dem Bayonnet die Halle räumen zu lassen drohte, zogen sich die Neugierigen und offnen Tadler der Gewaltscene zurück. Kümmerlein musste einen Fiaker für die Geschwister holen, die, um alles aufsehen und alle Aufwiegelei, wie der Assessor sagte, zu vermeiden, sich im Wagen entfernen sollten.
Die Leiche wird heute Abend in das Todtenhaus auf den neuen Kirchhof gefahren! hiess es. Und nun fort! Fort hier! Keinen Auflauf!
Somit gingen auch allmälig die Menschen ...
Die Geschwister, die sich plötzlich in der Halle fast allein sahen, zogen die Schwester von der Leiche fort ...
Müller sprach von Leichenbeschau, Begräbniss, Bekleidung, neuem Kirchhof, ungestörtem Besuche daselbst, Armenrecht, Armenbehörde ... Louise erwiderte mit den ihr so liebgewordenen Versen Louis Armands:
Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!
Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht ...
Gehen Sie jetzt! Da fährt der Wagen vor! geben Sie keinen Anlass zum Zusammenlauf! Fort Kinder, in den Wagen!
Auf die Strasse will ich, rief Louise, auf dem Markt will ich ausschreien: Rache! Rache! Ihr habt meinen Bruder gemordet! Was tat er Euch?
Man wollte das Mädchen mit Gewalt hinausführen. Ein Fiaker wartete. Das aus der Halle getriebene Volk mehrte sich nun draussen zu dichten Haufen am Eingang ...
Lasst mich! schrie Louise und warf sich wieder auf den Bruder. Karl! Nicht einmal eine arme Hütte haben wir, in die wir dich tragen dürfen, wo du drei Tage bei uns bleibst, bis sie dich unter die Erde holen! Aber an deinem grab sollen sie zittern; da sollen sie's hören, die Feigen, die dich gemordet haben! An die Mauer sollen sie dich nicht werfen, wie einen toten Hund. An deine Grube sollen die Freunde treten, die freie Gemeinde soll singen, der Prediger reden und die Frauen werden Blumen bringen! Lasst mich, Schändliche! Wer gibt mir meinen Bruder wieder! Karl, ich lasse dich nicht!
Schon drängten vom volk Mutigere herein, um das jammernde Mädchen, das da Allen das unverstandene Weh der Nichtbefriedigung im volk austobte, vor der Polizei zu schützen, die sie mit Gewalt entfernen wollte. Die Wache im hintern hof trat in's Gewehr und entsandte eine Verstärkung zur Torbesatzung. Louise aber schleuderte ihren Zorn heraus.
Und wenn Ihr Euch rüstet mit Kanonen und Mordfackeln gegen Weiber und arme Kinder! rief sie. Euer Tag wird hereinbrechen! Eure Haare sind gezählt, nicht bloss von Gott, auch von uns! Hetzt uns nur, jagt uns nur wie das wild! Stört uns nur in unserm reinen Glauben! Euer Glanz wird düster werden, wie Sturmgewitter! Eure kostbaren Gewänder werden Euch wie Spinnweben zerrissen werden und Euer Purpur wird Euch von den Schultern fallen! Auch unser Gott ist langmütig, aber sein Gericht wird schrecklich sein, Ihr Tyrannen, Meineidigen, Gottesleugner!
Eben warf man krachend die Torflügel zu, um die zuströmende Menge zurückzuhalten. Louise wurde von den Händen der Polizei ergriffen. Aber Riesenkraft fühlend, wand sie sich los, nahm die Geschwister mit Gewalt unter ihren Schutz und flüchtete sich zu der Säule hin, hinter der eben Hackert hervortrat.
Hackert! rief sie schaudernd ...
Das Gefühl, einem Mädchen, das ihn so hoch verehrte, beizuspringen, hatte den fast kalten Beobachter hervorgetrieben. Die Aufwallung eines edlen Zorns kannte Hackert nicht, aber eine Vernunftreflexion, Mahnung zur Besonnenheit, stand ihm vollkommen zu Gebote.
Was ist denn? sagte er ruhig, die hände aus den Taschen ziehend und wandte sich, da er Louisen's vorwurfsvollen blick nicht ertragen konnte, zu den Polizeidienern und Soldaten. Lasst doch die arme sich ausjammern! Injurien von Unzurechnungsfähigen steckt man nach Landrecht teil 3, Titel so und so, geduldig ein! Ja, liebe Louise, das ist Malheur. Der arme Karl! Fassen Sie sich! Ich wünschte, ich könnte ihn mit einer Rede aufwecken; aber Sie wissen wohl, ich kann schlecht trösten. Guten Tag Riekchen! Guten Tag Wilhelm! Ja, Das ist schlimm! Es ist nun aber. Fasst Euch! kommt! Hier! Geht hier heraus! Hier ist eine Seitentür! Kommen Sie, Louise! Wenn Eins helfen könnte! Aber es ist so. Man verwindet's wieder. Was ist Leben? Nichts, als dass man weiss, dass man lebt. Wenn der Karl wüsste, dass er nicht lebt, und nichts Besseres hätte, Das wäre schrecklich; aber in Dem ist Nacht, da ist's dunkel. Sie glauben ja, Louise, an's Paradies; es läutet jetzt eben von allen Kirchen ganz feierlich. Hier auf Erden ist der Himmel und die Hölle beisammen, dachte' ich mir. Aber die Glocken draussen singen dem guten Karl ein besser Grablied. kommt,