dem Schicksal und erschrak fast vor der Majestät des Todes.
An Louise war es herzzerreissend zu sehen, wie die Phantasie des Mädchens sich in den schrecklichen Moment nicht finden konnte. Mullrich, ihr Vizewirt, der Polizeidiener, stand daneben und erzählte den Leuten, dass sie gestern Abend im haus herumgesucht und gefragt hätte, dass sie eine jammervolle Nacht ausgestanden und am frühen Morgen schon wieder gesucht, schon in die Willing'sche Fabrik geschickt hätte – wo aber am Sonntag Niemand arbeitete – Er hätt' ihr geraten, hier in's Profossamt zu gehen. Bei dem Kommentar ihres Leids aus diesem mund schwieg Louise und sah den Bruder starr an, als wenn sie sagen wollte: Das ist unser los! Nicht Eures, nicht das los der Reichen und Vornehmen, es ist das los der Armen und Verfolgten!
Kümmerlein, der neben Mullrich stand, erzählte den Vorfall von gestern Abend und berichtete, dass noch einige Verwundete und Viele gefangen wären.
Auch der grosse Breitschultrige, sagte er mit Beziehung, wisst Ihr Mullrich, damals vom Fortunaball, der den Hackert heraushieb? Er war erst vor vierzehn Tagen entlassen ...
Danebrand! sagte sich Hackert in seinem Versteck. Er kämpfte mit sich, ob er näher treten sollte ... Zum ersten Male fühlte er, dass er unwürdig war, sich dem heiligen Unglück zu nähern.
Louise, die auf der Leiche lag, sah nicht, dass die schluchzenden Kinder von den Umstehenden Gaben der Liebe empfingen, hörte nicht, dass Danebrand sass ...
Der Verein sollte geschlossen werden, erzählte Kümmerlein, da ging's wieder her wie gewöhnlich. Lärmen, Toben, Schreien. Einem von uns griffen sie an den Säbel. Da pfiffen wir. Es kam hülfe. Da sie den Aufrührern gegenüber zu schwach war, wuchs ihnen der Kamm. Sie warfen die Gensdarmen zum haus hinaus. Nun aber: fliegende Kolonne! Vor'm haus ein Geschrei, Reden, Winkelzüge, Fluchen, Hohngelächter. drei Mal Auseinander! Nichts Auseinander. Ratsch! Zwölfe brannten los. Der arme da war nicht der Schlimmste. Er liess die Andern räsonniren und stemmte nur die hände in die Hosentaschen und sah an der Tür zu. Die Rädelsführer rissen gleich beim ersten Trommelschlag aus. Der hat nun in's Gras gebissen ...
Louise richtete den Kopf auf und sah sich im Kreise um. Alle redeten ihr zu, sich zu fassen, nach haus zu gehen und sich in das Unabänderliche zu finden. Und wie sie so die sanften und gutgemeinten Worte hörte, fragte sie mit leiser stimme den Mann, der eben so laut gesprochen:
Wo ist Danebrand?
Wo Danebrand wäre? wiederholten die Umstehenden fast einstimmig. Die geringen Leute sind dem Schmerz so aufmerksam, dem Leid so hülfreich ...
Danebrand! meinte Kümmerlein. Den haben sie bei den Ohren festgehalten, meine Beste! Er sah den armen Jungen da fallen, rannte grade auf ihn zu, hob ihn auf die Schulter und wollte fort damit. Da tritt die Kolonne gegen ihn an und streckt ihm die Bayonnete entgegen. Er legt die Leiche – Der war gleich tot – legt sie auf die Erde, brüllt wie ein Stier und packt zwei, drei Gewehre und will sich Luft machen. Sie traten ihn aber doch nieder und haben ihm dann mit Schnupftüchern die arme gebunden und fortgeführt. Wie er gebunden war, gab er nach.
Hackert wusste, dass Danebrand für Karl Eisold arbeiten half und sich dem Wohle dieser unglücklichen Familie ganz gewidmet hatte. Gern wär' er nun doch fortgeschlichen ...
Aber jetzt grade schien Louise von der starren Betäubung des ersten Schreckens freigelassen. Sie brach in ein lautes lachen und Weinen aus und rief:
Haben sie dich gemordet, Karl? Dich nun auch, wie so Viele, die in den zwei Jahren hingingen? Bist auch gefallen, wie schon die Tausend?
Mamsell! sagte Mullrich, gehen Sie nach haus!
Lügt Ihr Menschen? fuhr sie fort, versteckt Ihr Euch hinter Eurer Furcht! Ihr Alle zittert und bebt vor dem Fluch, der über uns gekommen ist! Was haben wir Armen?
Geht, geht, Mamsell! drängte Kümmerlein ...
Die Halle füllte sich von Menschen ...
Die Kinder und die Alten, fuhr Louise mit bitterster, aus ihrem Innersten hervorbrechender Wehklage fort, die Kinder und die Alten holt die Krankheit, die uns arme dahinrafft, die Jungen, unsre Brüder und Söhne, trifft die Kugel ...
Lasst's jetzt gut sein! sagte Mullrich. Geht Kinder, geht nach haus!
Die Halle füllte sich immer mehr ... Hinaus da! riefen schon einige Polizeidiener. Zurück da! hier gibt's nichts!
Aber die Leute drängten ... Louise schluchzte mit den Kindern laut und wollte sich von der Leiche des Bruders nicht trennen.
Klag' ich Euch denn allein an? sagte sie und lachte fast wie im Irrsinn. Ich, ich hab' ihn ja gemordet, Ihr nicht! Ich bin Schuld an deinem Tod, Karl! Karl! Ich bin Schuld!
Sie sank dabei so schwer nieder, dass die Leute sie aufgriffen und forttragen wollten ...
Ich habe den Grossvater umgebracht, stöhnte sie und murmelte nun Worte fort, die Niemand verstand.
Hackert hörte Alles hinter seinem entlegenen Pfeiler. Er verstand sie in der Halle von den hundert versammelten Menschen ganz allein. Auch fiel ihm der