1850_Gutzkow_030_753.txt

zurück. Ohne dessen Vermittelung litt das Untersuchungsamt keine Konfrontation mit einem mann, der allerdings durch seine ruhige und ergebene Haltung, seine gebildeten Antworten, seine Auslegung des Vorfalles im Plessener wald die Justiz fast schon entwaffnete. Die über den Schmied Zeck eingezogenen Nachrichten lauteten alle ungünstig. Herr von Zeisel stellte Murray schon um Louis Armand's und des Prinzen Willen im günstigsten Lichte dar. Die Ludmer erfuhr diese Wendung. Ungeduldiger, immer dringender wurde ihr Ersuchen an Hackert. Da aber Pax nicht zurückkehrte, konnte von dieser Seite ihrer geängsteten Wissbegier nicht geholfen werden.

Wie sich heute, an einem Sonntage, Hackert dem Profosshause näherte, bemerkte er Menschen, die zahlreicher als sonst durch die Tür des altertümlichen Gebäudes aus- und eingingen.

Eine öffentliche Gerichtssitzung, dachte er, oder was gibt's da?

Indem läuteten die Glocken; er besann sich, dass Sonntag war. Und dennoch diese Bewegung?

Wie er das Profosshaus betrat und in eine grosse steinerne Halle zur Linken eintrat, bemerkte er, dass sich die Menschen um einen dort aufgestellten Gegenstand versammelten.

Es ist gestern Abend geschossen worden, sagte er sich. Wahrscheinlich einer von Denen, die dabei blaue Bohnen gegessen haben!

In der Tat war es der Leichnam eines jungen Handwerkers, der gestern, wie er hörte, bei der Sprengung des Maschinenbauervereins entweder zufällig oder als ein Opfer seiner Widersetzlichkeit gefallen war.

Viele Andre, hörte er, wären verhaftet, noch Einige verwundet worden ...

Wie er noch so in der Ferne mit einer Miene voll Gleichmut und achselzuckend zu der Gruppe hinblickte, die ab- und zugehend ihre Teilnahme nicht auszusprechen wagte, da Schildwachen und Polizeidiener genug in der Nähe standen, sieht er mit ängstlichem vorsichtig behendem Schritt Louise Eisold über den Marktplatz schreiten, an dem das Profosshaus liegt. Sie hat vier ihrer Geschwister an der Hand, Wilhelm und Karoline, die Zeitungsträger, und die noch kleineren, Friederike und Heinrich ...

Wie Louise in das gewölbte Portal des Profosshauses tritt, wendet sie sich fragend nach der Halle und sieht die Gruppe der Neugierigen ...

Ein so junges Blut! heisst es.

Sie hört Das ... Sie tritt näher ...

Die Geschwister wollen sie der Menschen wegen zurückhalten. Sie reisst sich von ihnen los, drängt sich heran, beugt den Kopf über die Tragbahre, hält sich wie schwindelnd an einem der ihr nahestehenden Menschen, blickt noch einmal auf die Leiche und stösst einen Schrei des Entsetzens aus.

Karl! rufen die Kinder und brechen in ein herzzerreissendes Weinen aus.

Karl! ruft Louise und fasst die Leiche, um sie emporzurichten; die Halle war niedrig, spärlich durch kleine runde Fenster erleuchtet, vom trüben Wetter fast düster ... Sie hält den Kopf des toten wie gegen das Licht, streift an den Kleidern entlang, sieht die Züge des kalten Angesichts noch einmal prüfend durch und hat von dem an der Brust geronnenen Blute die Merkmale seiner tödtlichen Wunde in der Hand ... Der tote war Karl Eisold, ihr Bruder. Sie musste es so hinnehmen. Es war so. Gott hatte Das gegeben. Gott oder Wer? Es war so. Ihr Bruder Karl war tot.

Die Teilnahme der Umstehenden zeigte sich freilich als die innigste; aber was half Das? Louise lag über die Leiche hingestreckt und betrachtete sie stier. Dann redete sie wie im Wahnsinn mit dem toten, als wenn er lebte, als wenn er selbst Auskunft geben könnte.

Karl hörst du nicht? Karl!

Sie schluchzte nun wenigstens und sprach doch wieder. Erst schien sie selber leblos.

Der tote kalt und stumm. Das Blut quoll noch ein wenig aus der Wunde. Es war in grösseren massen die Nacht über auf eine Strohmatte gerieselt, die man unter die Bahre gelegt hatte. Das blasse Antlitz des sechzehnjährigen Jünglings war milde und wie verklärt. Er schien zu schlafen. Das blonde Haar hing schlicht, blutdurchronnen über die Stirn. Die Mütze, die er zu tragen pflegte, mit einer kleinen schwarzrot-goldnen Cokarde, lag neben ihm. Der graue Tuchrock mit weissen Metallknöpfen war von Blut und Schmuz besudelt. Es war da nichts mehr zu ändern. Karl Eisold war das Opfer jener ersten energischen Tat des neuen Ministeriums gewesen.

Hackert, hinter einem von den kurzen Gewölbepfeilern der Halle verborgen, beobachtete mit sich verdüsternden Blicken die herzzerreissende Scene. Er hatte den jungen Arbeiter so gut gekannt. Wie rüstig war er, wie ernst und streng in seinem Berufe! Wie streng gegen ihn, den trägen Tagedieb! Er sah ihn, wie er zeitiger aufstand als alle Andern, die in jenem haus beisammen wohnten! Er hörte ihn nebenan in der Küche sich schon waschen, während er im Bett sich noch wälzte und zum Frühschlummer sich auf die andre Seite warf! Er sah ihn an seinem Gitterfenster auf der Galerie vorbeigehen in die Willing'sche Maschinenfabrik ... Er sah ihn nach haus kommen, Abends, ermüdet, nur nach seinem Nachtessen fragend, das mit Ernst und schweigsam verzehrend und dann bald zur Ruhe gehen ... Dies gegen zwanzig Millionen Seelen im staat ganz unbedeutende, überflüssige Leben war nun beendet. Und doch war der Jüngling die Hoffnung, die Stütze einer Familie gewesen. Auf ihn bauten diese armen, verlassenen, elternlosen Kinder ihre Hoffnung. Eine kleine Rauchwolke war's. Nun verzogen! Hackert musste sich unwürdig fühlen, die wahre Trauer um diesen Jüngling auszusprechen; doch grollte er mit