mit einigen fragen nach Siegbert kopfschüttelnd. Dystra, aufhorchend wegen Olga's, doch sich zurückhaltend, begleitete ihn ...
Als der Baron zurückkehrte, zog er Louis und Dankmar zu sich auf das Sopha nieder und hörte nun von ihnen mit Erstaunen, dass jener Murray, von dem ihm schon Mangold so Sonderbares erzählt hatte, der ihm wohlbekannte Morton aus New-York war. Er hielt Morton für verschollen, für tot. Er erklärte sich mit Freuden bereit, seine Bemühungen mit denen der Freunde zu verbinden, um Murray, dessen deutscher Ursprung ihm kein geheimnis war, aus einer so gefährlichen Lage und jedenfalls einem, wie es ihm vorkam, vorgefassten Misverständnisse über seine person zu erlösen. Er erklärte sich bereit, jede nur irgend verlangte Caution zu hinterlegen, damit Murray auf freien Fuss gestellt würde. Die Verabredung, morgen in der Frühe gemeinschaftlich auf das Profossamt zu gehen und sich für den Gefangenen zu verbürgen, war ihm ganz genehm. Er trennte sich von seinen neuen Bekannten mit der Bitte, ihm ferner ihr Vertrauen zu schenken und ihm zu gestatten, ihre Zeit zuweilen in Anspruch zu nehmen.
Dankmar fand an dem offnen, gentlemännlichen Benehmen des von der natur vernachlässigten und doch durchaus nicht ungefälligen baron grosse Freude und schlug in die dargebotene Rechte herzlich ein. Louis aber zog seine Hand zurück und sagte, um endlich ein ihn peinigendes Gefühl los zu werden, in französischer Sprache, sicher und fest:
Herr Baron, wir sind Ihrer Einladung gefolgt, sind geblieben, wir wussten nicht wie. Ich für mein teil mit grossem Widerstreben. Verzeihen Sie mir meine Dreistigkeit! Sie hat mich während des ganzen Abends genug gefoltert. Ihre Güte haben Sie einem mann gewidmet, der darauf nach den Regeln der Gesellschaft keine Ansprüche hat. Sie haben diesen beiden grossen Staatsmännern durch meine Schuld eine Unannehmlichkeit zugefügt. Ich bin ein einfacher Handwerker.
Ein Handwerker?
Dystra blickte wirklich erschrocken auf.
Glauben Sie Das nicht, fiel Dankmar ein, mein Freund Louis Armand ist ein Philosoph, ein Dichter. Aus Laune der natur und des Zufalls lernte er das Handwerk eines Tischlers, das er indessen zu einer Kunst erhoben hat und alle Welt weiss, dass ihn Bande der innigsten Freundschaft an Fürst Egon festalten ...
Mein Herr, antwortete Dystra, der sich rasch gesammelt hatte, wenn Sie nur der Freund des Herrn Wildungen sind, so brauchten Sie nicht einmal eine Merkwürdigkeit zu sein, die den General Voland interessirte, ich würde Sie schon mit offnen Armen aufgenommen haben. Der Ritter Rochus, seien Sie versichert, schreibt in diesem Augenblicke an die Fürstin ...: "Das neue Ministerium lässt zwar auf der Strasse die Emeute bekämpfen, aber in den Salons ist die Emeute siegreich. Ich habe bei einem Diner Veranlassung gehabt, zum Nachtisch mit einem Handwerker Kaffee zu trinken. Es ist dies der bekannte "Ouvrier", der in keinem modernen Ministerium fehlen darf und dem auch hier das Portefeuille der öffentlichen Bauten oder der Gewerbe würde übertragen werden, wenn er nicht zufällig ein Ausländer wäre." Bei Alledem morgen auf Wiedersehen!
Auf Wiedersehen! widerholte Dankmar lachend.
Die Freunde schieden.
Dystra aber, innerlichst bewegt, aufgeregt sogar durch diesen Abend, "revoltirt" durch das Gespräch, durch die Scene auf dem platz, durch den Gedanken an die Familie Wäsämskoi und den ihm durch den Bruder nun schon so naherückenden Nebenbuhler Siegbert Wildungen, an das Schicksal Murray's, sprach, den Arm aufstützend, vor sich hin:
Du bist doch ein Neuling in dieser modernen Welt, Dystra! Du hast viel versäumt, viel nachzuholen oder viel zu vermeiden! Bau' dir den Tempelstein aus und vergrabe dich dort als Einsiedler! Kosmopoliten sucht jetzt Niemand. Mit dieser Welt werden bald Baschkiren und Mongolen reden müssen! Noch trinkt Asien Opium oder Stutenmilch; aber bald werden wir das furchtbare Pferdegetrappel von den Steppen des Ostens hören. Bis nach Chalons kommen sie wieder, diese Hunnenzüge, bis nach Chalons, wo der Champagner wächst! Da muss es sich entscheiden, ob das neue Weltalter von der natur, der ewig wiederkehrenden, oder dem geist, dem endlich durchgerungenen, siegend wird bestimmt werden!
Die beiden Schwarzen wünschten ein Urteil über das Diner zu hören und eine Ansicht über die Scene auf dem Markte. Dystra merkte Das an den Fragezeichen, die auf ihren glänzenden Gesichtsfratzen standen, als sie so leise heranschlichen ...
Alles gut gewesen, bis auf den toten draussen! Lasst anspannen! Hut und Stock! Ich will noch für einige Akte in die grosse Oper fahren. Begleitet mich!
Spartakus und Cicero eilten, die Befehle ihres Herrn zu vollziehen. Er hatte ja dem Intendanten versprochen, sich von ihm sagen zu lassen, wie seine ihn umgebende artistische Verschwörung die idee von der Mitwirkung lebendiger Meerkatzen im Faust und der neuen Scenirung der Zauberflöte durch eine entsprechende Menagerie aufgenommen hätte!
Dystra bedurfte heute dieser Anknüpfung an Herrn von Harder, um wieder zu seinem gewohnten Humor zurückzukommen und glücklicherweise hatte der Vorfall auf dem platz am Hotel de Rome die Vorstellung in der grossen Oper nicht gestört. Die Zeit war eisern geworden. Die Nerven gewöhnten sich schon.
Zwölftes Capitel
Zwei tote
Seit vierzehn Tagen hatte Hackert vergebens versucht, den gefangenen Murray zu sprechen und sich der von Madame Ludmer ihm gegebenen Aufträge zu entledigen. Assessor Müller war streng. Er anerkannte Hakkerten nicht offiziell, da er ihm nur eine Privatbeziehung zum Oberkommissär Pax einräumen konnte. Pax kehrte noch immer nicht