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Verein wäre heute aufgehoben, weil man wieder drohende Reden gehalten. Die Polizei überwache die Sitzungen und schlösse sie jedesmal, wenn etwas Anstössiges gesprochen würde. Heute hätte man nicht auseinandergehen wollen ...

Indem kam schon eine Kolonne Militair und trieb erst die neugierigen massen auseinander, dann rückte sie auf das Haus selbst zu. Die Agenten der Polizei waren in voller Tätigkeit und soweit die nur matte Erleuchtung des Platzes die Übersicht gestattete, sah man, dass unter Geschrei, Pfeifen, Lärmen, zahlreiche Verhaftungen vorgenommen wurden ...

Das ist so schon das dritte Mal! berichtete der Bediente und Voland sagte mit einem eignen sardonischen Lächeln:

Man gewöhnt sich an dies Chaos. Es stört Niemanden mehr in seiner Abendruhe.

Der Ritter Rochus vom Westen aber zitterte. Er hatte in einem solchen Sturm vor wenigen Monaten sein Portefeuille verloren. Er wusste an Beispielen, dass man dabei auch sein Leben verlieren konnte, trotz der Privatverehrung von Voltaire und Bolingbroke.

Abscheulich, sagte Dystra, einen Staat in solchem ewigen Kriege gegen sich selber zu wissen! hören Sie nur das Pfeifen, dies Höhnen, das Zertrümmern der Fensterscheiben! Die Trommel wirbelt. Es kann nicht lange währen, so hört man eine Salve und wir sehen tote und Verwundete ...

Ritter Rochus geriet ausser sich. Meinen Sie? rief er und trippelte hin und her ...

Das ist modernes Staatsleben! sagte Voland fast triumphirend.

Im Mittelalter war es nicht besser! rief Rochus ärgerlich

Ehe man Macchiavelli kannte! warf Rudhard dazwischen.

Allerdings, sagte Voland, den Militairmantel überwerfend, allerdings in kleinen Staaten. Man hat gezählt, dass in Pisa allein vom Jahre 132O bis 152O über dreihundert Aufstände vorgekommen sind ...

Ha! schrie Ritter Rochus. Es trommelt!

Eine Salve krachte. Verzweiflungsruf, eine allgemeine rasende Flucht. Der Platz leer. Ein paar Verwundete, ein Todter, den man der Polizei übergab. Die Ruhe schien auf dem platz hergestellt. Exaltirte Köpfe rannten durch die Strassen und riefen: Waffen!

Die Toren! sagte Dankmar. Waffen! Sie wissen nicht, was Das für ein Anachronismus ist! Die Zeit der panischen Begeisterung und die der panischen Furcht ist auf lange vorüber. Die Regierungen gewinnen da nur an Kraft, wo sich die Demokratie einbildet, mit dem alten Apparate, Waffen und Barrikaden, noch kämpfen zu können ...

Und ist es nicht ein Glück, dass sie an Kraft gewinnen? sagte Rudhard streng.

Mein Bester! Die Ruhe der Welt dankt Ihnen für Ihren Zögling! rief der Ritter Rochus und schüttelte Rudhard's Hand. Das Ministerium Hohenberg bezeichnet eine Epoche der geschichte. Nur Ruhe!

Wie würden Sie diese Verwirrung lösen, General? sagte Dystra, indem er einen schwachen Versuch machte, seine Gäste wieder zum Sitzen zu bringenSie stehen über dem Momente, Sie haben die Jahrhunderte vor Augen, was erwarten Sie von dieser Zeit?

Eine Droschke! rief der Ritter, wenn mein Wagen nicht da ist!

Die Bedienten sagten, er wäre in's Tor des Hotels gefahren, weil man draussen Barrikaden fürchtete ... Jetzt wäre alle Gefahr vorüber.

O sehr gut! Sehr gut! Guten Abend, Baron!

Dankmar und Louis, obgleich im höchsten Grade aufgeregt von dem Vorfall vor dem wirtshaus, wo sich der Maschinenarbeiterverein versammelte, ängstlich ohnedies um die Verwundeten und den toten, horchten gespannt, was der General antworten würde, allein dieser lehnte freundlichst ein längeres Bleiben ab. Er berief sich auf seine gemessene Zeit, seine Berufspflichten, seine besetzten Abende. Sein Abschied, sein Dank für die Bewirtung war einfach und wohlwollend. Er sagte Dankmarn und Louis gleich Verbindliches, bewahrte aber bei aller Freundlichkeit einen so eigentümlichen Ernst, dass man unwillkürlich staunend hinter ihm hersagen musste: Er sagt fast Alles, was er weiss und von Dem, was er nicht weiss, muss man doch noch glauben, dass er es nur verschweige! Der General schloss sich dem Ritter an.

Rudhard, der das Anliegen Louis' und Dankmar's bei Dystra nicht stören wollte, ging mit den Worten:

Baron, Sie sind ein Neuling in Europa! Sie werden Ihre Jugendfreunde kaum wieder erkannt haben.

Dystra lachte und sagte:

Der General hätte Priester werden sollen. Ich sagte es ihm schon bei Fellenberg.

Wer weiss, ob er es nicht ist! meinte Rudhard. Russland hat ganz Recht, dass es die Freimaurer und die Jesuiten verbannt. Ich möchte dem General Voland nicht das Schicksal dieses Staates anvertraut wissen und finde es ganz in der Ordnung, dass Egon vor einem mann, der sich des Wirrwarrs zu freuen scheint, auf der Hut ist.

Es ist kein Jesuit, eher ist es Ritter Rochus, der die Jesuiten bestreitet, sagte Dystra. Glauben Sie mir! Ich fange an, Europa zu begreifen! Mein alter Kamerad von Hofwyl lebt nur zum Schein vom geist; er isst nicht, er trinkt nicht. Dieser Mann scheint eine Abstraction geworden zu sein. Aber ich wette, dass er eben einige Beafsteaks gegessen hatte, ehe er zu mir kam. Jetzt geht er schlafen und um zehn Uhr ist er bei hof, um bis ein Uhr nach Mitternacht mit dem Könige Gold zu kochen. Mein alter Freund aus Aten und Stambul, der Ritter Rochus, fährt jetzt nach haus und chiffrirt unsre ganze Unterhaltung nach seiner Hauptstadt, wo sie nicht die Minister, wohl aber deren Frauen allenfalls interessiren könnte.

Rudhard ging