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christentum, die uns aus alten Mauern und Kapellen noch entgegentreten. Die grossen Münster, die aus der Blütezeit der Kirche herrühren, machen mir lange nicht den Eindruck, als wenn ich jene kleinen, oft ganz versteckt liegenden, niedrigen Kapellen und Kirchen mit Kreuzgängen sehe, die noch fast das Ansehn alter Kastelle haben und sozusagen die cyklopische Zeit der Kirchenbaukunst bedeuten. So empfand ich in Mailand bei jener entlegenen Kirche, die einst der heilige Ambrosius vor dem Kaiser Teodosius schloss und ihm nicht gestattete, früher den heiligen Boden zu betreten, ehe er sich nicht von dem in Tessalonich vergossenen Märtyrerblute gesühnt hatte. Wie jung war damals die Christuslehre! Wie neu und frisch der Eindruck einer Begebenheit, die in die alte erstorbene Welt der Heiden wie ein junges Reis hinein sich rankte und bald lebenskräftig die ganze gebildete Welt der Erde mit grünem Laube umzog! Auch in Pavia, Genua, vor allen Städten aber in Rom folgt man mit Wonneschauern diesen allerersten Fusstapfen der Kirche und kann sich mit etwas Phantasie aus schwarzen, niedrigen, byzantinisch gerundeten Bauten die ganze Vergangenheit zusammensetzen, die wir kaum kennen würden, wenn nicht irgendwo doch ein sinniger Mönch in einem Kloster die Erzählungen durchreisender Pilger als schreibe- und Stylübung verzeichnet hätte.

Wahrlich, fiel Otto von Dystra, des Ritters ironisches Niederblicken bemerkend, lachend ein, ich muss sagen, Voland, Ihre poetische Spürkraft hat sich merkwürdig ausgebildet. Für einen Offizier ist so viel Studium heterogener Dinge aller Ehren wert! Aber es ist wahr, Sie schmachteten schon in Hofwyl unter dem Druck der rationellen Erziehung Fellenberg's und sehnten sich zu jenen jungen Fürsten und Grafen hin, die in Freiburg erzogen wurden ...

Das nicht, Dystra, sagte der General, der auch im Pädagogischen sattelfest war. Aber ich fand früh heraus, dass Fellenberg uns Alle täuschte. Fellenberg gab sich die Miene, zwischen Pestalozzi und den bestehenden Kastenansprüchen der Gesellschaft hindurchsegeln zu können und wollte gleichsam Jeden für seinen von dem Zufall ihm vorgezeichneten Stand erziehen. Ich will nicht sagen, dass ich schon damals die Einsicht besass, diesen Widerspruch zu durchschauen, aber ich fand, dass die Jesuiten in Freiburg mit mehr Wahrheit, mit mehr Gleichheit in besserem Sinne erziehen. Sie stellten die Stände gleich und gaben dem Fürstensohne, wie dem künftigen Priester dieselbe Erziehung ...

Das ist ja grade das Gewagte, Herr General, erlaubte sich Dankmar dem in allen Standpunkten seiner Zeitgenossen dilettirend Herumtastenden zu bemerken. Wir erhalten aus jener Gegend her Priester, die wie Fürsten regieren wollen und Fürsten, die wie pfaffen denken ...

Sehr wahr, sehr wahr, bemerkte Dystra. Schelten Sie mir nur unsern alten Fellenberg nicht, Voland! Sie machen unsrer Schweizererziehung auch durch Ihren Appetit keine Ehre! Sie scheinen von Nichts zu leben. Sie lassen mir jede gute Schüssel, jedes Glas aus Küche und Keller der "Stadt Rom" vorübergehen. Die alten Mönche tranken Wein, wenn sie auch noch so fromm waren.

Otto von Dystra war völlig unbekannt damit, dass der General der Mann der Fabel hiess. Er verstand des Ritters halb verlegenes, halb schadenfrohes Lächeln nicht, verstand nichts von der eigentümlichen Ruhe, mit der Dankmar seine Cigarre rauchte und gewissermassen Louis Armand ermunterte, nur auszuharren und sich nicht einschüchtern zu lassen. Er ahnte nicht, dass Ritter Rochus vom Westen, médisant, anekdotenhaschend, negativ wie er war, sich auf die Lippen biss, um die Bemerkung zu unterdrücken: Wissen Sie denn nicht, dass General Voland in dem Rufe steht, wie der Graf St.-Germain durchaus nichts zu geniessen und nur von einem himmlischen Manna zu leben, das er zuweilen aus einer in seiner Uniform verborgenen Dose nimmt?

Der Ritter trennte sich gewaltsam von dem Gelüst, diesen Gedanken auszusprechen und fragte den Baron, wie lange er in Europa bleiben würde und ob er nicht Kalifornien gesehen hätte? Kalifornien war dem General so gleichgültig, wie z.B. Rudharden die Kirche San Ambrogio in Mailand. Aber dem Ritter Rochus war Kalifornien die eigentliche wahre Errungenschaft des Zeitgeistes.

Otto von Dystra sprach von dem Versuche, in Deutschland zu leben, wenn er hoffen dürfte, sein Vermögen aus Russland herauszuziehen und gewisse Familienfragen auf deutschem Boden zu lösen.

Dankmar wollte etwas von den Schwierigkeiten solcher russischen Prozeduren bemerken und fand bei den hochgestellten Herren, die sich zum Gehen rüsteten, eine Beistimmung, die ihn überraschte. Rudhard aber nahm Veranlassung, wiederum die strenge, gegliederte Ordnung des russischen Militairstaates und den unromantischen, aber beglückenden Absolutismus zu preisen. Die Diplomaten nickten, suchten nun aber doch davonzukommen. Eben im Begriff, die Hüte zu ergreifen und sich zu empfehlen, hörte man draussen auf der Strasse plötzlichen Lärm. Man stutzte. Die Bedienten hatten schon lange nach den Fenstern gesehen und durch ihre Bewegungen die Aufmerksamkeit der Herrschaften auf die Vorgänge lenken wollen, die sie in den Strassen beobachteten. Erst ein Murmeln, dann ein Sausen, immer hörbarer anwachsend und an den Häusern des Platzes, an welchem die Stadt Rom gelegen war, widerhallend. Ein Rauschen und Brausen. Das Getümmel wuchs. Man hörte rufen, man hörte schreien, die Gesellschaft, statt sich aufzulösen, eilte an die Fenster. Der Platz wimmelte von Menschen ...

Was ist Das?

Man drängt sich an jenes Haus

Ein Auflauf

Wer wohnt dort?

Bediente aus dem Hotel waren von den Vorgängen unterrichtet. Sie sagten, dort an dem umstandenen haus pflegten Maschinenarbeiter ihre Versammlungen zu halten. Ihr