deutschen Klassikern ... immer übersprungen habe.
Mit einem ganz natürlichen Instinkt, lieber Dystra, nahm der General den Gegenstand wieder auf. Sie haben wahrscheinlich immer gefühlt, dass diese Maurerreden in der Tat Dasjenige, was wir an Herder und Goete bewundern, nicht ausdrücken. Wahrlich, durch diese Reden ist Das nicht hindurchgegangen, was an unsern deutschen Klassikern so gross, so befruchtend war. Ich will nicht von der romantischen Schule sprechen und den Nachdruck darauf legen, dass man sich Tieck, Schlegel, Brentano, Novalis, Schenkendorf nicht als Maurer denken kann. Aber auch Jean Paul, Herder, Goete! Jean Paul, der herrliche, Geistesreiche, trug in Alles seine bedeutsame, kindliche Auslegung hinein. Herder ist nur befruchtend und anregend gewesen in den Bestrebungen, die ihn uns als den Erwecker der verstummten Völkerstimmen zeigen. Goete vollends als Maurer hat sich im Grosskophta selbst persiflirt, wie er sich im zweiten teil des Faust als Minister persiflirte. Der grosse allgewaltige Olympier, den wir in ihm bewundern, hat mit der Loge nichts gemein. Man zeigte mir einmal in Weimar Goete's Schurzfell; es hat mich nicht erbaut.
Ebensowenig, bemerkte Rudhard, wie mich der Franziskanerstrick erbauen würde, den Zacharias Werner in Wien trug.
Diese Entgegnungen waren wieder herausfordernd. Der General warf einen scharfen blick auf den Ritter, der sich inzwischen besonnen zu haben schien und seiner öffentlichen Funktionen eingedenk wurde. Rochus von Westen, der mit Voltaire'schem Esprit Zacharias Werner'sche Zeitauffassung vertreten musste, schwieg ... Sehen Sie, wandte sich Dystra jetzt zu Louis Armand, Das sind die Gegensätze, die uns dies sonderbare Deutschland so verworren erscheinen lassen! Ich bin durch die halbe Welt gereist, habe die Pyramiden Ägyptens und die heissen Fontainen in Island gesehen, überall streitet man sich, aber nirgends so viel wie in Deutschland und nirgends spukt noch das tolle Ritterund Mönchswesen wie bei uns, während unsre ganze Tournierfähigkeit jetzt kaum noch darin besteht, dass wir im Lesekasino ... wissen Sie, Rochus, worin wir uns im Kasino als die letzten Ritter erscheinen müssen? Man horchte gespannt ... Unser letztes Rittertum besteht in dem Rest der Kunst des Ringelstechens, vermöge dessen wir die Journale, die wir gelesen haben, wieder an die Haken hängen, von wo wir sie herabgenommen. Meine Ahnen können nicht künstlicher in den Karroussels nach dem Ring gestochen haben, wie ich jedesmal angeln muss, um die Times wieder an ihren Riegel Nr. l zu hängen. Während man diesem Einfall applaudirte, fragte Dystra Louis: Sie sind aus Lyon gebürtig? Aus Lyon, mein Herr!
Sie sprechen vortrefflich deutsch.
Es ist die Sprache meiner nächsten Verwandten.
Louis litt unter der Vorstellung, dass Otto von Dystra vielleicht nicht wusste, dass er die Ehre seiner Einladung einem in der Gesellschaft so tiefstehenden Arbeiter hatte zu teil werden lassen. Rudhard, Dankmar, selbst Voland fürchteten dieselbe Aufklärung. Sie wussten wohl, dass Dystra keine Vorurteile hegte, dennoch würde er seiner Gäste wegen sich vielleicht betroffen gezeigt haben. Deshalb ergriff Dankmar sogleich das Wort und lenkte das Gespräch auf Egon, den Beschützer Armand's, hinüber.
Als dieser Name ausgesprochen wurde, wandte General Voland seine durchdringenden Augen zu Dankmar und hörte mit Spannung, was über den jetzt die Geschicke des Landes lenkenden jungen Fürsten würde gesprochen werden. Rudhard erteilte aber dem neuen Premierminister sogleich die entschiedensten Lobsprüche. Er besitze ganz jene zähe Ausdauer, sagte er, ohne welche man jetzt nicht Politik treiben könne. Er hätte der Hydra der Revolution auf den Nacken getreten, er werde es bändigen, das Ungetüm, das in seinen Verheissungen die Sprache der Engel rede, in Wahrheit aber eine blutige Wolfsnatur wäre.
O wie stimmten die beiden vornehmen Gäste bei! Wie überschüttete man Rudhard mit Dank, mit Bewunderung! Aber gerade in dem Übermaass lag der Mangel an Aufrichtigkeit ... Man stockte sogleich. Man liess Rudhard reden, preisen. Man schwieg, bis General Voland zu Louis sagte:
In Lyon machten Sie des Fürsten Bekanntschaft? Wie schön dies Lyon! Wie eigentümliche historische Luft weht in jenen südlichen Abdachungen, die von da mit den grossen Strömen sich zum Meere hinuntersenken! Lyon ist eine der ältesten Städte Frankreichs. Der Zusammenfluss der Saone und der Rhone bietet dem Auge ein gefälliges Schauspiel. Noch sind hier die Überbleibsel der alten römischen Niederlassungen sichtbar. Mancher römische Kaiser hat in Lyon gewohnt, manches christliche Märtyrerblut ist dort geflossen, wofür denn freilich diese Stadt die Ehre geniesst, von sich rühmen zu dürfen, dass sie die erste christliche Kirche Galliens aufzuweisen hat. Ich kenne nur zwei Empfindungen, die mich bei Wanderungen und Reisen ganz erfüllen können. Die eine ist Die: historische Luft zu atmen. Wo genösse man diese Wonne in grösseren Zügen als im Süden Europas? Wie ich in Lyon war, sah ich Königreiche vor mir wieder neu erstehen, die nun mit dem Schutt der Vergessenheit bedeckt sind. Ich sah das Arelatische Reich, das hier blühte, ich sah Burgund, dessen Kraft an den Morgensternen der Schweizer bei Murten zersplitterte – 1476 – Wie weht da ein Geist der Kraft, der Auferstehung, der Verjüngung! Wie sieht das Auge reisige Geschwader herniederkommen von den Bergen und Alles drängt sich dem Mittelpunkte der grossen Weltbegebenheiten zu, dem Mittelländischen Meere, um das herum doch eigentlich allein nur wahre geschichte gemacht wird! Das zweite nicht minder erhabene Gefühl hab' ich beim Anblick jener Uranfänge des