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war mit Blut, Scheiterhaufen, Folterqualen bezeichnet. Ganze Länder fielen in die Nacht des Irrtums, in die Fallstricke Roms zurück. Die Rückbekehrung hat z.B. Böhmen zu einem düstern tückischen Czechenlande gemacht, während es ein freiblickendes, edles Hussitenvolk sein konnte. Der jesuitische Geist pflanzte sich in die Kirchenverbesserung über. Pfaffentum überall! Nirgend ein freier Lichtstrahl mehr und keine Tugend ausser im christlichen Gewande der Demut. Da trat die Freimaurerei auf. Sie kam von England, dem land der klaren Begriffe. Ich will nicht leugnen, dass sie eine Frucht jenes Freigeistes war, der damals von England sich auf den Kontinent verpflanzte. Man wollte die Lehren von Bolingbroke und Locke zu einer neuen Religion erheben, man fand eine Symbolik, die man von äussern Zufälligkeiten hernahm, von einer Art von Ressource oder Casino und übertrug in ein heitres geselliges Zusammenleben allegorische Wahrheiten. Wir sind in der Tat an Bruderliebe nicht so gesegnet in unserm Dasein, dass wir nicht eine systematische Beförderung derselben gern begrüssen sollten. Ich verwerfe jeden alten Ursprung der Maurerei. Es ist Torheit, sie an die Tempelherren anzuknüpfen. Es ist sehr fraglich, ob die Baugilden des Mittelalters irgend etwas mit ihr gemein haben. Allein wenn sie auch nur aus dem veredelten Prinzipe der Geselligkeit entspringt und sich mit affektirtem Ernste spielende Formen gab, die sie selbst bei ihrer ersten Stiftung belächelte und die nur später wie Geheimnisse erfasst und fortgepflanzt wurden, so hat sie Segensreiches gewirkt. Ich will von den gespendeten Wohltaten und beförderten Humanitätszwecken nicht reden. Ich will nur darauf hindeuten, was sie in der geschichte der Kultur und der freien Geistesentwickelung gewesen ist ....

Ja, rief Ritter Rochus vom Westen plötzlich wie elektrisirt und von Eifersucht gegen den General angeregt. Ja, ich bin sicher kein Maurer. Aber bester General, die Logik, die gesunde Vernunft hat die Maçonnerie befördert. Sie hat den Menschen als Menschen erfasst und ihn vom Gängelbande der Konfession und der Vorurteile der Stände befreien helfen. Sie arbeitete allerdings der französischen Revolution, aber der guten und lobenswerten Phase ihrer Entwikkelung vor. Sie hat das Gemeingefühl der Geister gestärkt, die die Aufklärung fördern wollten und ohne die Unterstützung der Logen allein gestanden hätten und bald verzweifelt wären. Die Logen waren eine Ergänzung der historischen Gesellschaft, wie sie einmal geworden ist und ohne blutigen Umsturz, den wir verabscheuen, nicht geändert werden kann. Sind die grössten Geister der Literatur ohne den Zusammenhang mit den Logen zu denken? Lessing, Herder, Wieland, Goete waren Logenbrüder. Der hohe Geist, der in ihnen wirkt, pflanzte sich durch die geheime Verbrüderung gleichgestimmter Seelen rascher fort als auf der freien Arena des Marktgewühles, wo die Kritik und der Neid der schulen ihr Wirken begeiferte ...

Der General blickte lächelnd auf den Ritter, in dem sich der alte, vorurteilslose Gelehrte regte. Alle staunten, Niemand mehr als Dankmar, der, ein einfacher Referendar, so in die Lage kam, einen berühmten Diplomaten einmal frisch von der Leber weg reden zu hören. Man sah die wirkung der Tafel, der Natürlichkeit des Wirtes. Die Reserve war aufgehoben. Es regte sich in dem Gesandten "wie der Wein im Fasse, wenn die Reben blühen."

Er vergass, welche Tatsachen er in der Welt zu verteidigen hatte und welche Grundsätze ihm bezahlt wurden.

Dystra hielt es seiner Wirtspflicht für angemessen, den Ernst dieser Unterhaltung, die für Louis und Dankmar grade in den Gegensätzen so spannend war, etwas zu mildern und sagte:

Ich versichre Sie, meine Herren, wenn ich den Tempelstein accaparireich hoffe, Freund Voland, Sie verwenden Ihren Einfluss, dass mir dies Vorhaben gelingtso werde' ich dort weder einen Jesuitensitz noch eine Freimaurerloge etabliren, sondern auf die alten zeiten zurückkehren und mich an das Sprichwort halten, das Rudhard vorhin erwähnte: Er trinkt wie ein Templer!

Man lächelte ...

Diese alten Templer waren viel vernünftigere Personen als Eure Loyoliten und Eure Salomonischen Meister vom stuhl! fuhr Dystra fort. Sie liebten die Freude, den Wein, den Gesang, die Weiber! Sie bauten sich Werbeplätze für den Sarazenenkrieg, exercirten die Mannschaften und blieben zuletzt zu haus! Sie wählten sich die besten Aussichten zu ihren Burgen und Abteien. Sie hatten Geschmack für natürliche Veduten. Die Sünden, die sie als Ritter begingen, konnten sie sich als Priester gleich selbst wieder vergeben. Ich finde, dass die Wiederherstellung dieses Ordens im uralten Sinne mir eine liebe Aufgabe auf dem Tempelstein sein könnte. Ich baue die Ruine aus, trotz Rheinstein und Stolzenfels. Die Erker, Türmchen, gezackten Mauern behalt' ich bei. Der Burggarten mit Springbrunnen, die Altanen, Söller, das Alles waren sehr amüsante Ideen des Mittelalters. Nur in dem Burgverliesse würde ich vorziehen, meinen Champagner kühl und petillant zu erhalten. Die steinernen Fussböden würde' ich mit wärmern Parquets vertauschen. Die Öfen würde' ich mir in neuester Konstruktion ausbitten und vielleicht, um mich ganz mit dem Mittelalter zu befreunden, eine Petersburger Lufteizung versuchen. Hinten auf der Abtei mach' ich eine bequeme Neusiedelei mit englischem Comfort. Eine Bibliotek soll da sein für Sie Alle! Alle Kirchenväter, alle Streitschriften der Jesuiten; aber auch alle Werke Voltaire's, Hume's, Locke's und wiederum alle Predigten Bossuet's. Ich wette, Freund Voland liest da nicht einmal die Kirchenväter! Ebensowenig, wie ich Ihnen gestehe, lieber Rochus, dass ich die Maurerreden in den