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Grösse aufzufallen. Sein Wuchs war breitschulterig, der Kopf von bedeutendem Umfang. Ein struppiges, fast negerartiges Haar bedeckte seinen Schädel, der sich durch eine sehr breite, Verstand und Combination verratende Stirn auszeichnete. Die Nase, die Backenknochen kräftig. Über der Oberlippe stand ein kleiner Bart, der mit dem hie und da etwas grauen Hauptaare durch seine penetrante Schwärze im Widerspruche stand und ohne Zweifel mit dem besten militärischen Hülfsmittel gefärbt war. Die Hautfarbe des Gesichts war eher grau als weiss. Ein gelblicher Schimmer fuhr über die fast erstarrten und toten Züge, die sich immer gleich blieben, immer eine scheinbare innere Regungslosigkeit bezeichneten, in Wahrheit aber nur von der grossartigsten Selbstbeherrschung und einer wühlenden, lauernden Beobachtung herrührten. Die Augen, die aus kleinen Höhlen funkelnde Blitze schossen, widersprachen der kirchhofähnlichen Ruhe dieses Antlitzes. Der Mund bewegte sich, wenn der General sprach, nur mässig. Es schien ihm unbequem, dass die Lippen die Reserve dieser Gesichtszüge stören sollten. Selbst wenn der General etwas Heitres äusserte, bewegten sich die Flächen um die Mundwinkel nicht im Mindesten in jene mephistophelischen Falten hinüber, die oft die gutmütigsten Menschen satyrischer erscheinen lassen, als ihr Herz denkt. Man kann nicht sagen, dass der General nur etwas Unheimliches hatte. Im Gegenteil flösste sein beobachtendes Wesen Vertrauen ein, er war zuvorkommend, ohne zudringlich zu erscheinen; er wollte gewinnen und gewann oft. Nur in den Augen lag eine unheimliche Glut und das hochaufgebäumte wirre Haar gab ihm etwas Ängstliches. Er bewegte sich in der Uniform, die neu und sehr geschmackvoll war, mit etwas beklommener Haltung. Man sah ihm an, dass er nur durch Zufall, nicht aus besondrer leidenschaft Militär war und dass er sich im Frack, den er auf seinen vielen offnen und geheimen Missionen trug, freier bewegte. In bürgerlicher Kleidung musste General Voland noch einen bedeutenderen Eindruck machen.

Dankmar, Louis und Rudhard wussten, dass der General, der zufälligerweise Katolik war, in dem Rufe stand, der Hierarchie Vorschub zu leisten und eine grosse Vorliebe für das Mittelalter zu hegen. Er war der Erzieher des jungen Königs gewesen und hatte wohl verstanden, ihm jene träumerische Richtung und jene Neigung zu aparten Liebhabereien einzuflössen, durch welche man Zeitlebens einen einmal auf so hohe Herrschaften errungenen Einfluss auch dauernd behaupten kann. Der König sammelte schon als Kind Käfer und Schmetterlinge, als Jüngling Siegel und Wappen, als Fürst Münzen, Waffen, Urkunden, Manuscripte, Glasmalereien. Gab es keine politischen Meinungen auszutauschen, so tauschte man alte Siegel und Gemälde aus. Jedes Ministerium, das mit Verzweiflung seine Massnahmen von dem Spiritus familiaris der "kleinen Cirkel" durchkreuzt sah, war in seinen Vorwürfen und Anklagen dadurch widerlegt, dass der General Voland mit dem Könige ja nur über wissenschaftliche und künstlerische Zwecke korrespondire. Schon oft war es geschehen, dass eine Berechnung des Generals nicht zutraf, seine politischen Ratschläge Mistrauen erregten; eine streng luterische Partei, die immer daran Anstoss nahm, dass man einen Katoliken so nahe an die person des Monarchen herantreten liess, unterliess niemals, jede Blösse, die sich der allweise und allberechnende Ratgeber doch oft genug gab, schonungslos aufzudecken (und in früheren Jahren tat dies Niemand rücksichtsloser als Propst Gelbsattel), allein der General war nicht zu entfernen; denn wer durfte dem Fürsten zumuten, seine kleinen Neigungen und harmlosen Studien aufzugeben? Voland reiste auch wohl, wenn ihm irgend eine Berechnung misglückt war, auf irgend einen ausserordentlichen Botschafterposten oder mit einem militärischen Auftrag, den man ihm nach Aussen hin gab, allein wer konnte hindern, dass er ein altes Breviarium fand mit schönen Miniaturen, das er der Königin schickte oder an den König selbst ein paar altertümliche eiserne Sporen, deren der König nicht genug sammeln konnte? So erhielt sich immer der vertraulichste Verkehr. General Voland war niemals abgenutzt und bei allen seinen gescheiterten Plänen und Ratschlägen immer neu, immer interessant, immer dem hof nach tiefster Neigung willkommen.

Ritter Rochus vom Westen, eine glatte Salonfigur, mit reizbar beweglichen Mienen, stechenden Augen verschwand neben dem General, der seit einiger Zeit über den allgemeinen Weltbrand grübelte. Man konnte beide berühmte Männer so unterscheiden: Jeder glaubte an den Untergang aller Dinge; aber Voland durch Feuer und Ritter Rochus durch wasser. Der mystische Krieger war in dieser Art Vulkanist, der skeptische Diplomat Neptunist. Après moi l'enfer! sagte der Eine. Après moi le déluge! der Andre.

Die genauere Angabe, in wiefern Dankmar hoffen könne, von der Stadt eine so gewaltige Summe, wie Voland eben gesagt, zu gewinnen, führte den General gleich mitten auf ein Terrain, wo er heimisch war und wo ihm Niemand gleichkommen konnte. Er hatte die genaueste Kenntniss über den Dystra so überraschenden Wildungen'schen Prozess und schien sogar die Akten zu kennen, ohne dies jedoch einzugestehen. Er besass die Gabe einer fliessenden Darstellung und war mit einem milden wohltönenden Organe ausgestattet. Man hörte ihn gern reden. Er sprach ohne leidenschaft, immer anregend und aus der Fülle der Tatsachen heraus, die ihm wie Keinem zu Gebote standen. Er sprach sogleich über die Templerei und die Johanniter wie ein Eingeweihter und veranlasste seinen Jugendfreund Otto von Dystra, mit dem er zusammen in der Schweiz (nicht bei den Jesuiten, sondern in Hofwyl bei Fellenberg) erzogen war, zu der Frage:

So wäre wohl auch bei dem königlichen schloss Buchau im Westen die alte Ruine, der Tempelstein genannt, im Zusammenhang mit ...

Der Tempelstein ist eine alte Kommende des