übersandt. Das währte bis zur Revolution. Die alten adligen Repräsentanten in der Diplomatie wurden damals gestürzt. Ritter Rochus vom Westen wurde erst in's Ministerium berufen, dann, als er den verschiedenen Phasen der Revolution bald zum Opfer fiel, zu einer grossen Legation beordert. Hier machte er sich mit Meisterschaft geltend. Er hasste den Staat, zu dem er als Wächter gestellt wurde, ohne grade den Staat, den er selbst vertrat, besonders zu lieben. Er hätte Philosoph genug sein müssen, die Erbärmlichkeit der Zumutungen, die ihm der gang der Ereignisse stellte, zu verachten, allein es flossen ihm ausserordentliche Summen zu, die ihm eine glänzende Stellung gaben und sein natürlicher Hang zur Intrigue fand eine Nahrung, die ihn immer in Atem erhielt. Seine Studien waren zum grössten teil abspringend und oberflächlich gewesen. Zu ihnen zurückzukehren war ihm um so weniger Bedürfniss, als ein angeborner, gutgeschulter Geist ihn auch der notwendigkeit zu überheben schien, nur tote Materialien zu sammeln. Dieser scharfe Kopf übersah die Zeit vollkommen. Er war vollkommen überzeugt, dass die Welt ein grosses Chaos erwarte und dass der ganze Wirrwarr des Tages eigentlich leer und erbärmlich zu nennen sei. Après nous le déluge! war seine stehende Redensart. Er erklärte hundert Mal des Tages, dass ihn ein Grauen überfiele, wenn er dächte, dass die Schläuche des Äolus sich einst entladen und über die Welt hin die Stürme der demokratischen Bewegung blasen würden, und so weit ging er schon vor Dystra, ja vor Voland sogar, dass er die Berechtigung dieser Bewegung anerkannte und weltistorisch auf demselben Standpunkte sich befand, den er in Folge seiner Stellung bekämpfte. Diese Intelligenz schrieb dennoch Depeschen und Cirkularnoten in dem Style, wie ihn Metternich und Gentz eingeführt hatten. Sie nannte die Revolution eine Hydra, die Revolutionäre die Sendboten der Hölle und im Stillen konnte es dem Ritter dennoch kommen, als wenn Niemand bemitleidenswerter wäre als grade die Fürsten, die angestammte Liebe und Treue verlangten, naiv durch die Städte reisten, vom guten Geist der Untertanen redeten, Verweise erteilten, Beamte, Magistrate brüskirten und nach seiner innersten idee doch in einem wahrhaft babylonischen Irrtume und blinden Wahne lebten. Völlig abweichend von General Voland war er Neolog, las lieber Volnei und Payne, als Burke und Haller, und hatte dabei in seinem ganzen Wesen das Kleinliche, Verzärtelte, Pedantische, Leichtverletzbare der alten Garçons in völligem Gegensatze zu dem Garçon Otto von Dystra, den die natur verwahrlost hatte, der seiner selbst spottete und die Bequemlichkeit nur liebte, um sich für Entbehrungen schadlos zu halten, die er eben so gut auch ertragen konnte.
Die tiefe Lüge in diesem Chevalier Rochus vom Westen wich von der Lüge in dem General Voland ausserordentlich ab. General Voland von der Hahnenfeder glaubte an positive Möglichkeiten. Seine Phantasie war so schöpferisch, dass er sogar die Wiederbelebung des toten für möglich hielt. Er lebte in einem ewigen Flammenschein und hatte immer Dunkel um sich, wie ein nächtlicher Adept, der über den Stein der Weisen brütet. Er suchte eine Tinktur des Lebens auf für die geschichte, für die Menschheit selbst. Er glaubte an Formeln, die wie ein Ecce homo, ein Bild des Gekreuzigten, auf Verdammte wirkten. Er war ein romantischer Spätling der Wöllner'schen Periode und würde Geister citirt haben wie Bischofswerder, wenn nicht der Fluch der Lächerlichkeit auf einer solchen Nachahmung gelegen hätte, die er origineller gestaltet hätte; denn er hätte sicher gesagt, wir wissen, dass Das Lüge ist, was wir sehen, aber unser Schauer, unsre Erwartung, unser Zittern über das Mögliche ist keine Lüge und die Dämmerung ist die eigentliche Poesie des Geistes. Auch ihm ging die Zeit in ganz andrem Lichte auf, als man auf der Rednerbühne und Ministerbank der Kammern sagen durfte. Auch ihm war der Glaube der absoluten Monarchie an ihre Unfehlbarkeit eben so rococo, wie das konstitutionelle Wesen der Neuzeit platt und unromantisch; er wühlte in den Offenbarungen seines Jahrhunderts und lag immer mit dem Ohre auf der Erde, um den Maulwurf des Weltgeistes zu hören, immer auszuspüren, wo er die Wünschelrute des Schatzgräbers hinlegen sollte. Eine kurze Zeit hatte man ihn einmal in die Lage gebracht, handeln zu sollen, Entschlüsse für den nächsten schwierigen Augenblick zu fassen. Da war erst eine entsetzliche Angst, ein Zittern und Zagen über ihn gekommen. Das Regieren in alter Form, bureaukratisch, war ihm sonst eine Geschmacklosigkeit gewesen. Aber was sollte er an die Stelle setzen? Es ergriff ihn, da er nicht Rat wusste und sich tief des alten Materials der Regierungskunst schämte, plötzlich die idee von einem allgemeinen Weltbrand. Tod, Vernichtung, Völkerkampf und aus ihm erst ein Neues, wie ein Dämon, der sich aus dem Brande erhebt, jenem Typhon gleich in Calderon's wundertätigem Magus. Grossartigkeit der verworrenen Anschauungen liess sich dem General nicht absprechen. Auch bezweifelte man eine gewisse Güte des Herzens nicht und fand das Teuflische, das ihm Viele imputirten, nur in seinem Namen, d.h. – seinem Rufe. Er wirkte auf die Vögel der Unbedeutendheit wie der blick der Schlange. Sie zitterten vor ihm und stürzten tot auf seine ausgestreckte Zunge.
Merkwürdig, wie solche so Ungeheures in sich schliessende Naturen so ruhig dasitzen, so plaudern, so erst Austern essen, dann Kaffee trinken können! Dankmar betrachtete darauf den General und den Ritter scharf genug. Der Erste war über funfzig Jahre alt und eher von hoher als mittler Statur, ohne jedoch durch seine