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horchte Rudhard auf, als Dystra zufällig wieder die Visitenkarten in die Hand nahm und die Gesellschaft fragte, ob ihnen diese Namen bekannt wären?

Wie, sagte der General, diese beiden merkwürdigen, alle Welt interessirenden Charaktere?

Und ehe noch Dystra Rudhard an den Namen Wildungen erinnerte, der ihn nun erst selbst überraschte, hatte Spartakus angezeigt, dass jene Herren wieder draussen wären, um zu erfahren, wann sie Massa aufwarten dürften?

General Voland hatte schon die Karten, als Sammler, zu sich gesteckt ...

Ja, sagte Ritter Rochus, ein feiner, geschliffener Weltmann, die Gebrüder Wildungen sind die Löwen des TagesUnd Louis Armand ... O, Das ist ja der intimste Freund des Premierministers

Darauf hin war Otto von Dystra schon aufgesprungen, um selbst hinauszugehen ...

Soll ich sie zum Dessert, zum Kaffee eintreten lassen? fragte er, der Zustimmung fast gewiss ...

Rudhard wollte Einwendungen machen und von Louis Armand's stand sprechen, aber schon hatte der Baron das bedeutsame Schweigen seiner diplomatischen Gäste für Zustimmung genommen, schon war er hinaus und sprach durch die geöffnete Tür in das Vorzimmer, wo Rudhard Dankmar's stimme nicht hören konnte, ohne nicht aufzustehen und ihn an der Schwelle zu begrüssen. In einem Hotel sind die Räumlichkeiten beschränkt. Dankmar und Louis waren schon veranlasst, einzutreten, während noch der General und der Ritter überrascht, verlegen von den Stühlen aufstanden. Man wird Dankmar's Erstaunen, Louis Armand's Schrecken ermessen, als in leichter weltmännischer Weise der kleine Baron die Namen: General Voland und Ritter Rochus nannte. Diese selbst waren nicht wenig begierig auf die eigentümliche Situation, die sich hier für sie ergab. Seltsames mussten sie ohnehin schon bei Dystra erwarten. Rudhard's freundliche Bewillkommnung löste einstweilen die wirklich ängstliche Spannung.

Elftes Capitel

Voland von der Hahnenfeder

Drängt der Gegenstand, meine Herren, der Sie zu mir führt und mir das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft gewährt? begann Otto von Dystra mit wohlwollendster Bonhommie und mit einem Blicke andeutend, dass die Zahl der Tassen vermehrt würde.

Er nötigte die Gesellschaft in sein Wohnzimmer zurück, als Dankmar mit raschem blick sich orientirend Louis Armand zugeblinkt und gesagt hatte, es dränge nicht und auch ein ander Mal fände sich gelegenheit zu ihrer Erörterung. Die in Livreen gesteckte Bedienung des Hotels leuchtete zum Nebenzimmer voran. Man nahm Platz, Dystra teilte Cigarren aus ... Hier wurde ein Nachmittag unter andern Verhältnissen gefeiert, als in der Neustrasse, drei Treppen hoch, bei Eulalia Schievelbein.

General Voland hat erklärt, dass Sie Beide, meine Herren, berühmt und interessant sind, sagte Dystra. Ich kann das Letztere erst als Physiognomiker unterscheiden. Warum Sie berühmt sind, gesteh' ich armer hier in Europa über Nacht aufgeschossener Pilz nicht zu wissenaber General Voland hat Ihre Visitenkarten eskamotirt und von gewöhnlichen Menschen tut man Das nicht.

Es klang wie eine dämonische Satyre, als der General erklärte:

Herr Dankmar Wildungen ist auf dem Wege, der hiesigen Stadtkommune ein bis zwei Millionen durch einen höchst romantischen Prozess abzugewinnen und Herr Louis Armand ist jener junge Franzose, der mit unserm jetzigen Chefminister, dem Fürsten Egon, durch die engsten Bande der Freundschaft verbunden ist.

Ritter Rochus hätte sich die Lippen abbeissen mögen, wenn er seine meist falschen Zähne nicht zu scheuen gehabt hätte und behutsam in ihnen stocherte ...

Rudhard, der die Verhältnisse kannte, musste über die Erklärung des Generals lächeln, die Louis in Verlegenheit setzte zur grossen Befriedigung des Ritters, der schon die Feder spitzte, um seinem hof diese merkwürdige Begegnung in seinem gewählten, nur etwas schwülstigen Style zu schreiben.

Dankmar erzählte zum lebendigsten Anteil Rudhard's auf dessen Nachfragen in aller Kürze den Verlust seiner Mutter, sein Erstaunen über Siegbert's langes Schweigen, die Ergebnisse seines Aufentalts in Schönau und Randhartingen, so weit sie ihm bekannt waren und Dystra dachte: Siegbert! Das ist dein Nebenbuhler! Und diese Angelegenheit führt die jungen Männer zu mir!

Inzwischen wurde Louis schon vom General Voland und dem Ritter Rochus in ein Gespräch verwikkelt, bei dem es ohne Ironie über den verlegenen, bescheidenen Arbeiter nicht ablief. Dystra, laut vor sich hinbrummend: Romantisch? Romantisch? Prozesse sind nie romantisch! sorgte für die Bedienung. Dankmar fand gelegenheit, den besternten Herrn und den General, zwei Lichter der Welt, zu mustern.

Ritter Rochus vom Westen war in jungen Jahren ein Gelehrter gewesen, dann in die diplomatische Laufbahn gekommen, jedoch immer nur als Attaché benutzt worden. Er schrieb Berichte sowohl für die Zeitungen, die seine Regierung subventionirte, wie für den Premierminister selbst, besonders aber die Gemahlin desselben, deren Neigung zu scharfen Persönlichkeiten und zur Médisance er kannte. Er überwachte seine Chefs in Paris, in London, in Konstantinopel und Aten. Bei diesen verschiedenen Stellungen hatte er Otto von Dystra kennen gelernt, der vor seiner Bildung, seinen antiquarischen und philosophischen Studien die grösste Hochachtung empfand. Damals war es leicht, sich einen Anstrich von Frei-mut zu geben. Der Chevalier vom Westen galt für geistreich, fein und witzig. Er imponirte selbst in Florenz den Altertumsforschern, in Stambul den reisenden Orientalisten, in Paris trieb er Sanskrit und liess griechische Handschriften wieder neu aufkratzen, trotz Letronne und Villoison. schrieb er ein politisches Memoire, so wurde es in allen Salons seiner Hauptstadt bewundert und von dem Gemahl der geistreichen Frau, die ihn protegirte, an alle Legationen gleichfalls zur Bewunderung