sich das abscheuliche Tier gebehrdete ....
Die Schwäne machten aufsehen, fuhr Herr von Harder fort. Man wollte sie sehen, alle Freundinnen meiner Frau wohnten den Wiederholungen der Action bei, und Frau von Trompetta ... denken Sie sich, Frau von Trompetta gewöhnte sich an das Schauspiel und hatte später selbst darum gebeten, noch einmal dabei sein zu können, falls sie von der Estrade in dem Atelier aus zusehen dürfte. Aber wie gesagt, das erste mal, aus Furcht, gebissen zu werden, fiel sie in Ohnmacht, sodass meine Frau nichts Anderes wusste, sie wieder ins Leben zurückzurufen, als dass Heinrichson – ein berühmter Maler, sehr ausgezeichneter Künstler und Weltmann – versprach, meiner Frau zu Gefallen und aus Dank für die königlichen Schwäne ihr nun auch ein schönes Blatt für das Getsemane zu machen.
Ah! sagte man allgemein, von der Anekdote vortrefflich unterhalten. Alle lachten, selbst Frau Pfannenstiel. Nur Einem schien dieses Durcheinander von lachen, Erzählen und fragen im höchsten Grad unheimlich, dem Pfarrer Guido Stromer. Die Ausdrücke: Maler, Schwan, Schwanenorden, Leda, Solitude, Getsemane – gingen so bunt an seinem Ohr übereinander weg, dass ihm schwindelte. Aber die heilige Entrüstung, die er sonst bei einer Erzählung würde gefühlt haben, die so ganz und gar nicht in die alten Erinnerungen dieser Räume passte, überkam ihn zu seinem eigenen Staunen nicht mehr. Zu lachen vermochte er freilich nicht. Fehlten ihm doch die Verbindungsfäden näherer Bekanntschaft mit den Personen und die genauern Details. Aber es war da Etwas in ihm von eigentümlichen Jugenderinnerungen, die ihn ergriffen und ihn wonnig überrieselten. Er gedachte, so im Stillen grübelnd, der zeiten, wo er noch in akademischen Jahren den Trieb hatte, bei einem berühmten Archäologen Kunstgeschichte zu hören, wo er noch mit aufmerksamer, herzinniger Betrachtung durch die Säle einer Kunstausstellung schreiten und marmorne Gestalten mit Professor Toluck, den er in Halle später hörte, noch nicht Götzenbilder nannte! Er strich sich nachdenkend über die Augen, er, der ausser Melanie der einzige war, der etwas Genaueres von der Myte der Leda, die die Unwissenheit des Intendanten mit einer Lady verwechselt hatte, verstand und diese Myte zu deuten wusste. Als nach dem lachen eine Pause eingetreten war und Alles nun zu ihm, dem heiligen schweigenden mann, mit einer gewissen Befangenheit hinblickte, sagte er mit sehr leiser stimme:
Ich wollte mir nur die einfache Frage erlauben, was es mit dem vorhin mehrerwähnten Getsemane der Frau von Trompetta für eine Bewandtniss hat?
Melanie erklärte es ihm, indem sie noch einige Entdeckungen über die Art, wie Frau von Trompetta ihr Album zu sammeln und einer gewissen geräuschvollen Wohltätigkeit zu widmen verstand, zu erzählen wusste.
So! so! war Stromer's ganze Antwort. Er versank in ein stilles Nachdenken und spann Betrachtungen für sich aus, die ihn auch auf die grosse Ähnlichkeit führten, die zwischen einer von ihm einst bewunderten Leda der dresdener Galerie und der reizenden Melanie bestand. Er blickte nieder, brütend, abwesend und nur unheimlich schoss sein Auge zuweilen einen blick empor, der forschend über die Versammlung glitt. Er überdachte einen andern Entwickelungsweg, den er hätte zurücklegen können, wenn die hohe Frau, die ihn an den Pietismus, an sein einfaches Weib, an seine fünf Kinder und diese Dorfpfarre fesselte, nicht eine Fürstin gewesen wäre ....
Nachdem sich, wie immer, wenn ein Gegenstand erschöpft ist, um den Teetisch eine gewisse Stille eingestellt hatte und Henning von Harder noch in dem Gefühl, durch interessante Entdeckungen eine ganze, wenn auch seiner nicht würdige Gesellschaft angeregt zu haben, sich wiegte, versuchte nun auch der Commerzienrat von Reichmeier sich geltendzumachen. Er stellte seine Teetasse auf den runden Tisch, auf dem inzwischen schon die grosse Lampe aufgetragen wurde, räusperte sich und bemerkte:
Soeben las ich in der Zeitung die Ankunft des Prinzen Egon von Paris.
Wer kennt den Prinzen Egon? fragte Melanie mit einiger Lebhaftigkeit, ohne jedoch aufzuhören, sich in einem Fauteuil lang auszustrecken und dabei sorglos und fast abgespannt mit einem Fächer von Maraboutfedern zu spielen.
Als Alles schwieg, richtete sie ihren blick auf den Intendanten und sagte:
Sie vielleicht, Excellenz?
Ich habe nicht die Ehre, Se. Durchlaucht zu kennen, bemerkte Herr von Harder.
Commerzienrat von Reichmeier teilte daher mit, was er wusste.
Der Prinz, sagte er, kann jetzt etwas über sechsund-zwanzig Jahre alt sein. Er wurde von seinem zwölften Jahre in Genf erzogen, kam achtzehn Jahre alt nach Deutschland zurück, um jedoch sogleich die Universitäten von Bonn und Heidelberg zu besuchen. Er versuchte dann ein Jahr in der Nähe seiner Familie zu leben, war aber so wenig mit den Maximen seines Herrn Vaters in Einklang zu bringen, dass er Deutschland wieder verliess, nach der Schweiz zurückkehrte und auf Reisen teils in Frankreich, teils in England zubrachte. Eben im Begriff nach Nordamerika sich einzuschiffen, traf ihn die Kunde vom tod des Generalfeldmarschalls. Mit der bestimmten Erklärung, sich den Antritt seines überschuldeten Vermögens noch vorzubehalten, einer Erklärung, die er an die Curatoren der Masse vorausschickte, ist er nun zurückgekehrt; indessen hoffen wir Alle, dass er sich von diesem Entschlusse abbringen lässt und durch weise Sparsamkeit von den Besitzungen, die einmal seinen Namen tragen, soviel rettet, als noch zu retten ist.
Melanie nannte Das geschäftliche Äusserlichkeiten. Sie wollte Anderes von dem Prinzen Egon hören. Wie sein Äusseres wäre,