drohte jetzt sogar die kaltblütigere, phlegmatische Adele sich ihre eigne Welt aufzubauen! Und er, er war verantwortlich für diese Seelen!
Dystra, der die Kennerschaft des Menschen für sein Lieblingsstudium erklärte, hatte etwas auf der Zunge von der Einseitigkeit des Verstandes und den Gefahren der Poesielosigkeit, aber er verschwieg es, dem alten mann zu Liebe, der sich eingebildet hatte, mit Vernunftteorieen liesse sich das menschliche Herz leiten, mit geschichte, Logik, Realien eine weibliche Seele fesseln, das Romantische liesse sich durch einen Witz entfernen, das Dämmernde, Unbestimmte im Menschenherzen durch mechanische Beschäftigungen ersticken ...
Fahren Sie nur fort, Rudhard, sagte er ironisch. Es ist sehr unterhaltend.
Rudhard, der wohl fühlte, dass er eine Selbstkritik vortrug, las:
"Dieselbe Empfindung in der Brust, die man Liebe nennt, kann sich in Hass verwandeln. Die Tante sagte es und ich glaube es, denn nur Auge in Auge tödtet man den Basilisk."
Sieh! Wie war Das? rief Dystra laut auflachend. Auge in Auge? Basilisk? Ist Das eine naturgeschichtliche Re-miniscenz aus Odessa?
Sie meint wohl, sagte Rudhard mit wehmütiger Trauer, dass man einem Schmerze scharf in's Auge blicken müsse, um ihn langsam zu tödten. Ich habe wenigstens diese Teorie immer gepredigt.
Da hätte sie das Gleichniss von der Homöopatie nehmen sollen! bemerkte Dystra und setzte lachend hinzu:
Aber Basilisken tödten! Tödten durch Menschenblicke! Und gleich Basilisken! Welche Aussicht für meine künftige Ehe! Meine Braut spricht so wild wie Eine jener Indianerinnen, die sich in Amerika mit der gefährlichen Liebkosung von Schlangen auf öffentlichen Märkten sehen lassen ...
"Helene", fuhr Rudhard fort, hasst jetzt den Prinzen Egon; Das allein kann sie für seine Treulosigkeit trösten. Sie hasst ihn, wie der Märtyrer die Sünde hasst, die er überwunden hat. Sie verachtet diesen Egon wie die Schlange die Haut liegen lässt, deren sie sich jährlich entkleidet!"
Dystra hielt im Zuknöpfen seiner weissen Weste vor lachen inne. Bravissima, rief er, doch etwas Naturgeschichte dabei! Bester Pfarrer, Ihr Zögling wendet seine Kenntnisse doch mit Vorteil an! O und sie hat Recht: Sie lehrt die Moral aller Weltdamen! Ich fand Das in Petersburg, in Moskau, in Wien, Madrid ganz so, ja sogar die reiche weibliche Handelsaristokratie von Newyork hasst, wo sie aufgehört hat zu lieben und geliebt zu werden. Das ist ganz in der Ordnung. Ich bin begierig, ob noch mehr aus der Naturgeschichte kommt. Basilisken, Schlangen haben wir schon. Jetzt fehlen nur noch die Hyänen!
"Ich bin früh angeleitet und gelehrt worden", fuhr Rudhard fort, dass man Wesen wie Tante Helene hassen soll; allein nun liebe ich sie und Die, die ich geliebt habe, könnt' ich hassen, Die, die ich verehrt habe, wie Gott und seine Heiligen ..."
Dieu et ses saints? sagte Dystra. Das ist eine katolische Reminiscenz! Die Tante wird noch ihr Heil in der katolischen Kirche suchen, obgleich dies jetzt schon fast zu früh ist. Diese Art Damen wird erst dann katolisch, wenn naturgemäss die Huldigungen der Männer aufhören und man durch den Übertritt zur andern Kirche sich einen Verkehr mit Beichtvätern oktroyirt, der nicht ausbleiben kann und um so angenehmer ist, als diese katolischen Geistlichen das Bequeme haben, dass sie unverheiratet sind und vor allen Familienzerrüttungen sicherstellen. Also die Menschen, die sie liebte, wie Gott und seine Heiligen, die hasst sie jetzt? Nicht wahr?
"Die hass' ich jetzt. Ja Euch! Euch Alle! Meinen lieben Rurik ausgenommen und die gute Paulowna, die ich herzlich lieb behalte und oft im geist küsse, weil ich glaube, ich belauschte sie an ihrem Schlummerbettchen. Nur wenn wir schlummern, sind wir gut."
Doch noch etwas Paul und Virginie neben der Lelia!
"Du aber, Papa Rudhard, hast nie geliebt! Dein Herz ist kalt wie Marmorstein. Du liebst nur Bücher und nicht die Menschen. Du hast niemals ein menschliches Herz brechen, nie Augen von Tränen erblinden sehen. Du meinst, der Mensch könnte Alles über sich gewinnen und hast auch einst Tante Helenen gesagt, sie sollte immerhin nur Desiré zu lieben versuchen ..."
Wer ist Desiré?
Graf d'Azimont!
Ah so! Sie glaubt also nicht an die Macht der Gewöhnung? Schlimm für Otto von Dystra!
"Du hast gelehrt, der Mensch, der gut wäre, könnte Alles, was er nur wolle. Die unglückliche Helene! Sie liebt den Mann nicht, der ihr Gatte wurde und nun verlangst du, dass auch ich einem mann mich vermähle, den ich nicht lieben kann?"
Aber, meine gnädigste Comtesse, lernen Sie mich doch erst kennen! warf Dystra dazwischen und trat seinen Frack anziehend, sich musternd vor den Spiegel. Bin ich nicht der fashionabelste Elegant? Können Fracks besser sitzen, als an einem solchen Oberkörper, wie der meinige? Meine liebe Olga, Sie verletzen mich und meine kleinen Füsse, die so klein sind, dass die Fimissstiefeln nicht einmal meinen Antinous-Kopf widerspiegeln!
"Nie werde' ich diesen Baron von Dystra lieben, den ich nicht kenne und von dem mein Vater bestimmt hat, dass ich ihn heiraten soll. Alle die Romane, welche ich unterwegs gelesen habe, fangen damit an, dass ein Mädchen ist gezwungen worden, Den