diniren um fünf –
Bester Pfarrer, ich habe noch keine Toilette gemacht ...
Tun Sie Das in meiner Gegenwart! Legen Sie sich keinen Zwang an! Ich komme früher, weil ich Sie –
Er sah auf den Inspektor, der schon im Begriff gewesen war, sich zu empfehlen ...
Adieu, Herr Baron, sagte Mangold.
Stör' ich? war Rudhard's höfliche Entschuldigung.
Wir waren schon nahe daran, grade den Pfarrer zu brauchen, bemerkte Dystra mit Beziehung auf den heiratswütigen Mangold ...
Nein, nein, sagte Mangold, so weit sind wir noch nicht. Aber Sie sollen's bald erfahren. Noch einige Tage bleib' ich. Wegen dem Tempelstein können Sie getrost oben anfragen. Und nun Adieu, Herr Baron!
Damit empfahl sich der gute Mangold bis auf Weiteres und liess den ihm so wohlwollend gesinnten Baron mit Rudhard und Cicero allein.
Schon gut, schon gut, Cicero, bemerkte Dystra, beruhige dich nur! Noch eine Stunde ist Zeit. Liegen da meine Kleider? Gut! Jetzt geh!
Cicero ging erleichtert. Die beiden Männer, die uns an die fern in Italien unter Goldorangen schwärmende Olga Wäsämskoi erinnern und die ganze Verwickelung einer zu tragischen Konflikten reifen Familie zurückrufen, standen sich allein gegenüber. Otto von Dystra schlug die grossen Kupferwerke zu, räumte den Tisch in Ordnung, trug Rudhard selbst einen Sessel zu und verriet, dass er doch nicht moderner Philosoph genug war, um über Das, was zwischen diesem ehrwürdigen, ruhigen, gefassten Besucher und ihm jetzt zu verhandeln sein musste, ganz ohne Erregung zu bleiben.
Zehntes Capitel
Helenen's Schule
Was bringen Sie, Rudhard? begann Otto von Dystra. Nachrichten von meiner kleinen entflohenen Braut? Einen Gruss von der Fürstin? Sie sehen so trübe und bedenklich aus? Oder sind Sie unzufrieden, dass ich Sie mit meinen alten Jugendfreunden, dem General Voland von der Hahnenfeder und dem Ritter Rochus vom Westen heute zugleich zu Tische einlud?
Im Gegenteil, sagte Rudhard in seiner gemesse
nen, immer ernsten Weise. Man hört so viel von diesen beiden Männern, dass ich mich freue, sie einmal von Angesicht zu sehen. Die Fürstin empfiehlt sich Ihnen; aber ... von Olga erhielt ich heute diesen Brief.
Lesen Sie ihn vor! sagte Dystra, indem er Anstalten
machte, sich anzukleiden und durch die Lektüre Rudharden Veranlassung geben wollte, sich zu stellen, als bemerkte er seine Toilette nicht. Lesen Sie selbst, Pfarrer!
Rudhard las, indem er sich dicht an's Fenster stell
te:
"Guter Papa Rudhard! Tante Helene hat mir ge
sagt, dass die Wahrheit über Alles ginge; ich sollte dir ganz so schreiben, wie mir's um's Herz wäre und keine weitläuftigen Umschweife machen. Sie meinte: Die Lüge wäre der Leute Verderben und da du mir Das auch gesagt hast und es in der Bibel steht, so will ich auch nicht lügen und Euch nun sagen, dass ich unglücklich bin, weil ich Keinen von Euch wahrhaft vermisse, Keinen mit sehnsucht entbehre, Paulowna und Rurik ausgenommen."
Brava! unterbrach, die schwarzen Pantalons anziehend, Dystra den bekümmerten Vorleser, der nach einer Weile so fortfuhr:
"Die Tante ist mein Schutzengel geworden, mein Erlöser, meine Priesterin. Wir haben Beide viel geweint und da unsre Tränen sich ineinander mischten, so fühlten wir, wie Georges Sand sagt, die Annäherung eines Engels, der –"
Wer sagt Das, unterbrach Dystra, die Tragbänder überschlagend, wer? Georges Sand?
Eine Lektüre, die ich ihr niemals gestattet habe ...
O Rudhard! Sie hätten sie ihr gönnen sollen, wenigstens der Mutter. Da die Tochter die Mutter hasst, die Mutter auf die Tochter eifersüchtig ist, so würde Olga auch die Lektüre der Mutter verachtet und Paul und Virginie viel schöner gefunden haben als Lelia und Consuelo. Aber ich schwelge in diesem bizarren neunzehnten Jahrhundert! Fahren Sie fort! Weiter! Weiter!
Rudhard fuhr fort:
"So fühlten wir die Annäherung jenes Engels, der in einer krystallenen Schaale die Tränen der Menschen sammelt und damit das Paradies bewässert, wo sie sich in silbernen Tau und in goldne Freuden verwandeln."
Sehr schön gesagt, unterbrach der kleine Elegant, der sich sehr rasch und gewandt adonisirte. Ich liebe alle Phrasen, die uns irgendwie einen Trost gewähren. Krystall, – Gold – Silber ist ein Service, das immer wohltut. Da Olga eine Russin ist, fehlt nur noch Platina.
"Die Tante reiste mit einem gebrochenen Herzen", las Rudhard.
Auf der Reise ist ein gebrochenes Herz viel weniger gefährlich als eine gebrochene Achse ... ergänzte Dystra.
"Sie fand zuletzt einen Trost, den einzigen, der sie am Leben liess. Es war der Hass. La haine dans l'amour, c'est un mystère."
Schreibt sie Das wirklich, Pfarrer?
Wörtlich!
Ohne ortographische Fehler? Georges Sand hat ein Drama über den Hass in der Liebe geschrieben. Vortreffliche Lektüre! Ah, meine Braut wird Mühe brauchen, bis sie an Layard's Altertümern von Niniveh und Humboldt's Kosmos Gefallen findet.
Rudhard musste innehalten. Der Schmerz überwältigte ihn. Tieferschüttert war er von diesen romantischen Verirrungen eines jungen seiner Pflege anbefohlengewesenen Mädchens. So war ihm einst schon Helene geistig entschlüpft, als sie den Grafen d'Azimont heiratete! So hatte ihn Olga verlassen! So