nicht. Er war verreist. Diese Auskunft gab mir seine Vermieterin, bei der er zwei elende Kämmerchen auf einer offnen Gallerie hinter Eisenstäben bewohnte. Das Mädchen wusste wenig mehr von Master Murray, als dass er ein Geizhals sein müsste, der in Anfällen von Grossmut schöne Geschenke mache. Sie zeigte mir einen kostbaren Ring, den sie von ihm für ein Glas wasser bekommen hätte ...
Das ist Diogenes in der Tonne! sagte Dystra. Er zieht ein Glas wasser allen Capweinen vor. Man kommt zuletzt dahin.
Freilich auch, fuhr Mangold mit einer Art schamhafter Verlegenheit fort, freilich auch dargebracht von so weissen, zarten Händen, mit so freundlicher Miene, unter so rührenden Umgebungen! Dies Mädchen, Louise Eisold ist ihr Name ...
Teufel! sagte Dystra; Sie sind sehr verliebter natur, Inspektor! Und die neue Bekanntschaft schlug ein, sie geht mit nach Buchau und wir sind vom Frühjahr an zu drei Nachbarn?
Das ist noch weit im feld!
Neue Schwierigkeiten?
Das Mädchen lachte mich aus, als ich ihr gleich nach dem dritten Worte sagte: Ich möchte sie heiraten ...
Sie hielt Sie mit Recht für einen Don Juan.
Mangold seufzte und verriet, dass er noch nicht am Ziele seiner Wünsche war. Leider, sagte er, ist schon Einer da, der die Hand auf sie gelegt hat ...
Lassen Sie sich nur nicht wieder wie bei der Auguste –
Nein! Das hatte' ich gleich weg, ich gefiel ihr besser als der ...
Mangold nahm Anstand, Danebrand's Wuchs zu erwähnen. Der Baron war eine Miniaturausgabe von dem Schleswiger Kanonenträger. Er unterbrach sich:
Eins, sagte sie, gefällt mir an Ihnen!
O die Kokette!
Ihr Amt, sagte sie, Ihr Wohnort, fern von hier, weit weg, in der schönen Gottesnatur – weg von diesen elenden Menschen, von diesen Dachkammern, diesen Katzen und Nachteulen – die aber doch noch besser als die Menschen sind ...
Sprach sie so? Haben Sie in Buchau auch eine Leihbibliotek, Mangold! Viel Bücher werden Sie für die Dame nötig haben.
Wirklich! Manchmal wie ein Buch! Sogar in Redensarten, die sich reimen –
Mangold, Mangold, vorsichtig! Die Emancipation der Frauen fing bei den Grisetten an und scheint jetzt bei ihnen wieder aufzuhören ...
Vorsichtig Herr Baron? Diesmal bin ich's. Sie sollten sie sehen, unter ihren kleinen Geschwistern – fünf, sechs Geschwister ... wie wir vorgestern Abend Alle Punsch tranken ... da ...
Was? Schon Punsch? Und doch noch Tugend?
Herr Baron, wenn ich wo sage: hier gefällt's mir, dann muss es lustig hergehen. Ich legte gleich Hut und Stock ab, die Geldbörse heraus, Kaffee, Kuchen, Alles herbei! ... was konnte sie machen? Die Kinder sprangen ja deckenhoch. Sie hungern ja halb. Ich nahm Besitz von der Familie, als wär's schon meine eigne. Sie weinte fast, erst vor Zorn, dann vor Scham und zuletzt vor Kummer und Liebe zu den Kindern. Die leckten und schleckten! Ich pfiff ihnen Liedchen. Das jüngste nahm ich auf den Schooss und küsst' es mit meinem garstigen roten Bart und küsst' es ganz wund. Aber es strampelte und zauste mich und ich gefiel dem Würmchen. Die Louise weinte und bat mich zuletzt flehentlich, ich sollte gehen; es käme Einer, den sie selbst nicht möchte, der sie aber liebe und den sie würde nehmen müssen. Da ging' ich und am Morgen war ich doch wieder da und sass wieder bei ihr am Nähtisch, sie mocht' es leiden oder nicht und die Taschen hatte' ich wieder voll Äpfel, voll Nüsse, voll Birnen. Da wurde denn ausgeteilt, gesprungen, gesungen. Danebrand, so heisst mein Nebenbuhler, kam gar nicht. Ich will ihn in der Willing'schen Maschinenfabrik besuchen und ihm aufrichtig meine Vorstellung machen. Er wird in sich gehen, er ist ... er hat ... Kurz, Baron, ich bring's schon dahin, dass ich ein gesundes, gutes, frisches, saubres, gescheutes Mädchen heimführe und gleich das ganze Nest mit Kindern auch ausnehme und in Buchau Alles lebendig damit mache. Halten Sie sich nur dran! Das Gartenamt schlägt Ihnen den Tempelstein zu. Man braucht Geld, um die Erinnerung an Herrn von Harder's Verwaltung zuzudecken! Dann bauen Sie aus und was die Frau Liebste anlangt, mein' ich fast, es wäre nun auch für Sie Zeit, Herr Baron ...
Dystra schwieg. Der jubel des Mannes rührte ihn.
Nichts für ungut, Herr Baron ...
Es wäre Zeit! sagte Dystra. Er nahm den Fez ab. Sehen Sie nur meinen chinesischen Kopf, den die Jahre geschoren haben, vielleicht auch ein wenig der Sonnenstich von Nubien und Abyssinien ...
Cicero trat bei diesem Akte der Selbsterkenntniss, den Otto von Dystra vor dem Spiegel ausführte, bestürzt ein und meldete mit Staunen und Befangenheit, dass es erst vier Uhr und einer der Gäste schon da wäre.
Es war der Pfarrer Rudhard, der dem Schwarzen folgte.
Erschrecken Sie nicht, Baron – sagte Rudhard, der in schwarzem Frack und noch weisserem gebleichten Haar, als wir früher an ihm sahen, eintrat – erschrekken Sie nicht, Baron! Ich weiss, Sie