musste. Meine Ideen wurden, wenn er sie mir gegenüber auch bestritt, andern Menschen gegenüber die seinigen und regelmässig geschah es, dass er sie dann auch mir gegenüber als seine Befehle erteilte, indem er entweder seine früher abweichende Ansicht vergessen hatte oder sich seines klugen Handgriffes schon bewusst war. Denn ohne Schlauheit ist er nicht und von der Vorstellung, dass alle Menschen im grund schlecht sind und gegen ihn konspiriren könnten, entlehnte er noch die ganze Tatkraft, deren er fähig ist. Ich spreche scharf über ihn, weil man mir in seiner Umgebung übel mitspielte. Ich dankte meinem Schicksal, von ihm frei zu sein. Da lässt er mich durch einen Expressen von Buchau holen, bezahlt die Eisenbahn, alle Kosten der Reise und bietet mir an ... Was denken Sie wohl?
Dass Sie ihm seine eignen Gewächshäuser vor dem Winterfrost schützen sollen?
Nein, Herr Baron! Ich möchte meinen Posten, dem ich vorstehe, aufgeben und mich von ihm in seiner neuen Verwaltung anstellen lassen.
hören Sie, sagte Dystra, Das erinnert an die anhänglichkeit meiner Mohren! Darin find' ich Naturwärme, Liebe, Geistesinstinkt!
Wenn es Das wäre! Nein! Er gestand mir offen, dass er sich nicht ganz sicher in seiner Sphäre fühle. Er hätte einen Sachkundigen sich empfehlen lassen. Der aber wäre ein Spötter, lache oft sonderbar und blinzle den Andern zu, die mit ihm in einem Komplotte zu stehen schienen. Das Kunstwesen lerne sich! Weg mit diesen Intriguanten! Ich brauche nur ehrliche Menschen um mich, Menschen, die nicht hinter meinem rücken Verschwörungen machen! Ich bin die Hauptsache an dieser Kunstanstalt! Sie kenn' ich, Mangold, Sie sind treu und brav. Bleiben Sie bei mir. Ich brauche unter diesem geriebenen volk Einen, der es mit dem Chef wahrhaft gut meint, und Das sehen Sie doch selbst, der Chef muss der Chef sein, der Chef ist immer das Ganze, der Chef ist die Anstalt selbst!
Und was taten Sie auf diese Bitte, die charakteristisch ist?
Ich schlug sie ab.
Sie sind harterzig, Mangold!
Ich kehre nach Buchau zurück. Diese adlige Familie, der ich Treue und anhänglichkeit genug bewies wie ein Hund, hat mich auch mishandelt wie einen Hund.
Sie sind erregt, Mangold?
Mit Füssen hat sie mich getreten – im Herzen fühlbar – o, Herr Baron – ich sagte schon, ich bin ein Mensch ohne Raffinement und passe nur nach Buchau. Kaufen Sie sich den Tempelstein! Auf dem königlichen Gartenamt hört' ich, dass kein Geld da ist, jetzt Ruinen auszubauen. Sie bekommen den Felsen, bekommen die Steine, die Wiesen am Berg, auch die Ruinen der alten Tempelabtei, die noch Jeden feierlich stimmten – wir leben da ruhig als Nachbarn und Sie erzählen von Ihren Reisen, den tausend Denkwürdigkeiten, die Sie gesehen ...
Darf ich nicht wissen, Mangold, warum Sie die Menschen fliehen ... ich habe die grosse Schwäche, an Andern praktische Psychologie zu treiben. Im gewöhnlichen Leben nennt man Das neugierig sein.
Ich fliehe nur die schlimmen – vielleicht finden sich gute, die wir mitnehmen –
Mangold sagte diese Worte mit einem vertraulich blinzelnden Auge, sodass Dystra lachte und sagte:
Mangold, Sie sind mindestens vierzig Jahre, aber ich sage Ihnen, Schwab, Sie sind verliebt! So kann nur ein Verliebter blinzeln.
Mangold strich seinen roten Bart und die wasserblauen, klaren Augen leuchteten vor innerer Bewegung.
Sie sind ein gereister und kluger Herr, raten Sie mir, Herr Baron – sagte er und erzählte ihm nun zuvörderst die Anknüpfung seines Verhältnisses mit Auguste Ludmer und das Ende desselben. Otto von Dystra hörte teilnehmend zu und fand die Intrigue, ihn zur Entfernung einer lästigen Anverwandten zu benutzen, abscheulich, seine Leichtgläubigkeit aber, wie er ihm offen gestand, komisch. Über das Gewissen, das sich Mangold wegen Augusten's Selbstmord machte, tröstete er ihn mit den Worten:
So ist nun einmal unser Leben, dass Einer des Andern unbewusster Mörder wird! Die grösste Liebe kann sich zur Veranlassung wechselseitigen Verderbens werden. Darüber, dass man zum Werkzeuge der Vorsehung gewählt wurde, hat der Mensch sich kein Gewissen zu machen.
Da ich nun doch einmal hier war, fuhr Mangold fort, so führte mich's wieder den Spuren des unglücklichen Mädchens nach. So hört' ich auf einem einsamen Kirchhofe, dass sie hier eingescharrt wurde und ein alter Mann den Sarg begleitet hätte. Mit einer schwarzen Binde? fragt' ich. Ganz recht, hiess es. So war es Derselbe, den ich an jenem Abende bei ihr traf und mit dem sie früher gegangen war. Dass er ihrem Sarge hatte folgen können, überraschte mich doch. Ich beschloss, den Mann aufzusuchen. Auf nähere Erkundigungen hört' ich, dass er Murray hiess und ein Engländer sein sollte ...
Wie nannten Sie ihn? fragte Dystra aufmerksam.
Murray, wiederholte Mangold und fuhr, da Otto von Dystra nichts weiter zu erinnern fand, fort:
Ich glaubte, ein so leichtsinniger alter Mann, der an ein unglückliches Wesen dieser Art Ringe und Armspangen verschwendete, würde im Glanz und Wohlleben, wenigstens anständig wohnen. Wie erstaunt' ich, als ich ihn aufsuchte und mich in die dunkelsten und entlegensten Gassen verlor. Endlich Brandgasse Nr. 9 fand ich in einem Hinterhofe über drei schwindelerregenden Treppen, mitten in Armut und Elend, seine wohnung, aber ihn selber