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Male wieder nach längerer Trennung auf diese deutschen Fluren und bin vom Anblick der liebenswürdigen feudalen Erinnerungen so hingerissen, dass ich mir eine solche Ritterburg rein als mittelalterlicher Dilettant ausbauen möchte. Ich denke mir es reizend, in einem mittelalterlichen Gebäude mit allem Comfort und den Gedanken der neuen Zeit zu wohnen. Ein Kapitel von Voltaire, gelesen auf einem Burgsöller, Caviar und Austern verzehrt in einem Ahnensaal! Die zeiten entwickeln sich spiralförmig. Gehen, Kommen, Altes, Neues. Ich finde die Lage jener alten zerstörten Burg reizend. Der blick über den Strom, zu den fernen blauen Bergen hin weckt allein schon jenen Frieden, den man nicht so leicht unter andern geographischen Bedingungen erwerben kann. Nein, nein, es ist mein fester Ernst, ich kaufe diesen Felsen, diese Zerstörung, diese Steinmassen, und bitte Sie, den Inspektor der königlichen Gärten, den Aufseher des königlichen Schlosses Buchau, Ihren ganzen Einfluss anzuwenden, dass ich jenen Punkt in Deutschlands äusserstem Westen erobere.

Ich verspreche Ihnen, mein Möglichstes zu tun, Herr Baron.

Wie kommen Sie so rasch wieder in die Residenz zurück, Mangold?

Sie erinnern sich, dass ich, als Sie Buchau besahen und den nahegelegenen Tempelstein erstehen wollten, um ihn auszubauenSie erinnern sich, dass ich sagte: Ich folge Ihnen bald, ich bin gezwungen, die Residenz, die ich kaum vor vierzehn Tagen verlassen, schon wieder zu sehen ...

Dystra verfiel jetzt wieder in jenes lachen, das schon vorhin seine archäologischen Studien über die alten Bauten von Niniveh unterbrochen hatte ...

Mangold (es war jener Inspektor des Gartenschlosses Solitude, der Auguste Ludmer von der Residenz entfernen sollte, nach Buchau versetzt und wirklich dortin abgegangen war) Mangold fragte lächelnd nach der Ursache seines Humors.

Sie wissen, Inspektor, sagte Dystra, dass ich Ihnen schon in Buchau, als Sie von Ihrem frühern Chef, dem Geheimrat von Harder erzählten, bemerkte, ich glaubte gewiss zu sein, dass dieser Harder ein ehemaliger Bekannter von mir ist, als ich noch hier studirte und leider zu sehr nur mit dem talentlosen Teile der exclusiven Gesellschaft zusammenkam. Richtig, es ist derselbe. Heute früh, vor wenigen Stunden, hatte' ich die Überraschung seines Besuches. Er umarmte mich mit Förmlichkeit und rückte mit der Bitte heraus, ich möchte ihm meine Affen und Meerkatzen, die ich von Amerika mitgebracht, leihen, um Goete's Faust zweckmässiger in Scene zu setzen.

Er ist Intendant des königlichen Teaters geworden und hat mich in dieser Eigenschaft per Expressen zum dritten Male auffordern lassen, hieherzukommen. Ich musste willfahren ...

In dieser Eigenschaft? Sollten Sie vielleicht die Gartenscene in Faust arrangiren?

Bitte, ich unterbrach Sie, Herr Baron ...

Sie müssen wissen, ich habe dieses Getier aus Amerika mitgebracht, nur um es zu verschenken. Es ist mir persönlich zur Last. Ich dachte: du hast eine Menge Freunde und Bekannte, die sich inzwischen verheirateten und vielleicht keine Kinder haben. Da verschenkst du Papageien. Einige Mädchen blieben unvermählt, wurden alt und sehnen sich nach Gegenständen ihrer Zärtlichkeit. Für diese bracht' ich einige Exemplare einer vorzüglichen Sorte Windspiel-Pinscher mit, die in Boston durch eine Über-Kreuzbegattung sehr gut gezogen werden. Die Affen und Meerkatzen hofft' ich bei einigen alten Junggesellen, die sich selber rasiren und bei diesem edlen Geschäfte stundenlang zubringend ohne Unterhaltung sind, loszuwerden. Die Papageien bin ich los. Die Boston'schen Windspiel-Pinscher gleichfalls. Aber meine Affen und Meerkatzen blieben mir auf dem Halse. Wo ich hinhorchte, um sie an Kindesstatt auszusetzen, hört' ich: Bester Freund, das Ablösungsgesetz! Personalsteuer! Unsre Grundgefalle! Die Laudemien! Einschränkungen! Verringerung des Hausstandes! drei Stallknechte entlassen! Genug die verdammten Meerkatzen blieben mir; da half Ihr ehemaliger Chef aus der Not. Er wollte diese verteufelten Tiere nur haben, damit sie das Ballet als Modell studirt. Ich habe ihm aber klar und deutlich bewiesen, dass die dramatische Kunst in einer solchen entwicklung überall in Europa, Asien und Afrika begriffen wäre, dass sie ohne ein Hülfs- und Ergänzungspersonal von lebendem Geflügel und vierbeinigem Getier nicht bestehen könne. Er würde sich ein Verdienst erwerben, wenn er die Zauberflöte, die hoffentlich in Deutschland noch nicht vergessen ist, mit einer wirklichen Menagerie neu in Scene setzte. Diese idee schien ihm im höchsten Grade einleuchtend. Ich schilderte ihm, welches aufsehen er machen würde, wenn er die unsterbliche Zauberflöte Mozart's neu ausstattete mit Dekorationen, neuen Kostumes, Wasserfällen (da ich den Niagara kenne, würde' ich ihn unterstützen) mit Feuergluten, besonders aber mit wirklichen lebenden Tieren, höchstens die Schlange ausgenommen, die dies herrliche ägyptische Freimaurermärchen eröffnet ...

Excellenz sind Freimaurer

O ich sage Ihnen, Mangold, es erschien ihm im höchsten Grade plausibel. Die Bewegungen einer sterbenden Schlange, sagt' ich ihm, würden sowohl meine beiden Bedienten, wie ich selbst, der ich solchen Scenen genugsam beiwohnte, ihm höchst anschaulich vormachen. Dann bewies ich ihm, wie die Tiere, die das Glockenspiel bändigt, wie die Bestien, die den Papageno erschrecken, wie die Gestalten, die dem Tamino zurufen: Zurück! durch ihre Natürlichkeit den Reiz des Abends nur vermehren würden. Genug, es ist beschlossen, dass ich meine Affen und Meerkatzen für immer los bin. Die Kosten für deren dauerndes Engagement beim königlichen Hofteaterich nannte ihm alle alten Stücke,