Wärme und die Grösse der Fenster bewirkte, dass trotz der Vorhänge und der unfreundlichen düstren November-Witterung das Zimmer noch leidlich hell war, obgleich es schon weit über Mittag schien.
Der kleine Bewohner dieser behaglichen, durch Treibhausblumen geschmückten Räumlichkeit klingelte nun. Ein Schellenzug hing grade über seinem etwas zu vollkommenen rücken.
Ein Neger in phantastischem, doch warmem Anzuge trat ein. Er hatte eng anliegende, rote Unterkleider, die bis zu den Füssen gingen. Die Füsse waren mit gelben Stiefeln bedeckt. Doch über den warmen Unterkleidern hing eine griechische kurze Jacke und noch ein eben solches sehr weites, aber kurzes Beinkleid. Die Jacke und das zweite Beinkleid reich mit Goldtressen geschmückt. Um den Hals hing dem Schwarzen ein stark vergoldeter Reifen, der doch wohl inwendig weich gefüttert war und eine Cravatte von Metall vorstellen konnte.
Nun, Spartakus, wurde der Neger von seinem im lachen sich endlich beruhigenden Herrn angeredet, ist Alles bereit, wenn meine Gäste kommen und mit mir speisen werden?
Spartakus nickte.
Noch immer traurig? sagte der Andre. Siehst du nicht, dass ich lachen muss?
Damit lachte sein Herr und rief den Diener näher.
Zerstreue dich, Spartakus, sagte er und zeigte ihm einige von den Bildern in dem grossen Kupferwerke. Siehe, so bauten die Menschen ihre Kirchen, als noch der gute Prophet Jesus nicht auf Erden war –
Spartakus verneigte sich bei dem heiligen Namen.
Damals, Spartakus, als man so baute, war vom Taufen noch nicht die Rede. Die Menschen waren blinde Heiden, wie es du und deine Alten in Angora waren. Aber Priester hatten sie doch und in einer solchen Zelle, wie du da siehst, zählten sie vielleicht, was der Klingelbeutel eingebracht hatte, der sicher auch bei jenen Götzendienern, wie hier, herumging.
Spartakus nickte stumm zu diesen in englischer Sprache geäusserten kirchlich archäologischen Bemerkungen.
Ist Cicero noch nicht zurück? fragte der Freund der babylonischen Baukunst.
Spartakus schüttelte den Kopf.
Du bist sprachlos, armer Spartakus! Du hast unsre treuen Reisegefährten verloren. Die Papageien sind fort, die Affen und die Meerkatzen nun auch. Wer weiss, ob ich nicht auch ...
Spartakus warf sich Otto von Dystra – denn dies war der humoristische, kleine Cigarrenraucher, der Türke im Schlafrock – auf dies gezogene: "Ob ich nicht auch" mit leidenschaftlicher Gebehrde zu Füssen ...
Wetter, was soll Das? rief Dystra und brachte mit gespitztem mund einen laut, etwa wie: Huit! hervor, den man mit dem Klange einer kräftig geschwungenen Peitsche vergleichen konnte.
Die wirkung war elektrisch. Spartakus sprang nach diesem Huit! auf, als wäre er wirklich von einer Peitsche getroffen worden.
Da – aqua fresca – Huit!
Spartakus hatte die leere Caraffe von seinem Herrn bezeichnet erhalten, ergriff sie und sprang hinaus wie ein Hund, der zum Apportiren dressirt ist.
Wie er die Tür zum Vorzimmer öffnete, stand draussen ein Mann in einem mit Pelz verbrämten grünen Schnurrock, eine Mütze in der Hand ...
Spartakus wollte ihn nicht einlassen ...
Ein kräftig gepfiffenes wiederholtes Huit! aber unterbrach wieder seine dienstfertige Zurückweisung und der Fremde, der es für Dystra nicht war, trat ein.
Willkommen! Willkommen! sagte Dystra mit freudiger Begrüssung und reichte dem Eintretenden, einem schlankgewachsenen, nicht mehr jungen mann mit kräftigem rotem Bartwuchse die zarte, fast weiblich weiche Hand. Willkommen, Inspektor! Meine Vorzimmerteufel haben doch sonst kein so schlechtes Gedächtniss ...
Es muss wohl der Andre sein, sagte der Eintretende, den ich in Buchau gesehen habe ... wie soll man diese beiden geputzten Schornsteinfeger nur unterscheiden –?
Der Eine, sagte Dystra und nötigte den Besucher sogleich zum Sitzen, der Eine ist so alt wie der Andre, gleicher Wuchs, gleiches Haar, gleiche Nüstern und Zähne haben sie auch. Aber der Andre, den Sie von Buchau kennen, hat ein Mahl wie eine Erbse gross am Kinn, eine sogenannte Kichererbse und der zu Liebe nannt' ich ihn Cicero ...
Cicero! Ganz Recht! Ich glaubte, Sie hätten ihm diesen Namen seiner stummen Beredtsamkeit wegen gegeben.
Englisch macht Cicero seinem Namen Ehre, aber das Deutsche will sich ihm nicht recht abgurgeln. In Deutschland mag er seinem Namen durch die Kichererbse Ehre machen, von der Markus Tullius den Beinamen empfing. Der Schlingel da heisst Spartakus. Ich gab ihm diesen Freiheitsnamen, als ich ihn von einem Pflanzer in Charlestown loskaufte. Spartakus und Cicero sind Brüder, Kinder eines Kammerdieners bei Sr. Majestät dem Kaiser irgend eines Negerstammes in Angora. Wenn diese Majestät gern einen neuen Rock anziehen will, verkauft sie regelmässig die Kinder ihrer Lakaien wie junge Katzen. So kamen Beide nach Charlestown, wurden da getauft, gingen zehn Jahre bei der Peitsche in die Schule und wurden von mir angekauft, weil ich ein sehr tyrannischer Herr bin. Ich dachte mir, Lakaienkinder, die die Launen einer afrikanischen Majestät kennen, werden sich mit Geduld in die meinen finden. Statt der Peitsche brauch' ich aber nur den laut davon zu geben und habe dieselbe wirkung. Wie geht es Ihnen, Inspektor? Ich freue mich, dass Sie so bald Wort hielten! Bringen Sie mir die Möglichkeit, dass ich die alte Ruine an dem malerischen Strome ankaufen kann?
Herr Baron, wirklich, das alte Steingeröll? Was wollen Sie mit einem so unwirtbaren Boden?
Ich bin kein Ökonom, Mangold. Ich komme zum ersten