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aber dies fühl' ich, wenn ich von der Glorie des Kriegerstandes träume, denke' ich eher an Cromwell und Napoleon als an unsre Wachtparadengenerale, die loyale Adressen unterschreiben, jeden Civilisten spiessen wollen und sich mit Frau und Kind bei allen konservativen Demonstrationen nur wie für ihren Schlafrock und ihre Pantoffeln beteiligt haben.

Dieser Erguss eines gereizten Wahrheitsdranges wurde auf eigentümliche Art unterbrochen. Der Briefträger kam und brachte Dankmar Wildungen eine couvertirte Einladung zum nächsten ReubundBalle.

Wie kommt der Glanz in unsre Hütte? sagte Leidenfrost.

"Eingeführt durch den Vorstand," bemerkte Louis, die Karte von allen Seiten betrachtend.

Dankmar aber sagte halb staunend, halb lachend:

sonderbar, das ist bereits die zweite Einladung. Vor vierzehn Tagen erhielt ich die erste, die ich nicht benutzen konnte. Und auch diese wird liegen bleiben.

Man rechnet auf Ihre Erbschaft, sagte Werdeck. Wenn diese in die Bundeskasse flösse, Freund! Sie dürften Ordensstatuten schreiben, welche Sie wollen, nur eine Aussteuerkasse, nur eine Rentenanstalt damit verbunden ... o das Geld! das Geld!

So viel ist klar, bemerkte Dankmar und schloss die gegenseitigen Mitteilungen, wir sind schon von einem rätselhaften Gespinnst bedenklich umwoben. Unser Schicksal haben wir nicht mehr frei in unsern Händen. Beobachtet wurden wir längst, aber jetzt merken wir sogar die tätigen Eingriffe in unsre Entschliessungen. Aufforderung genug zur Vorsicht! Unsre Bundesidee wollen wir sich von selber fortpflanzen lassen, noch ohne Form und Verabredung, bis die Zeit da ist, einmal einen Tag, irgendwo im Auslande oder an einem sonst verschwiegenen Orte auszuschreiben und da zu sehen, wer sich findet, wer sich schon auf uns bekennt. Könnt' ich an einem solchen Bundestage sagen: Hier habt Ihr die elastischen Springfedern, die leider auch der Gedanke bedarf, um sich oben zu erhalten! Hier habt Ihr Mittel, um dulden zu können, verfolgt zu werden und Die zu trösten, die um unsertwillen leiden! Hier leg' ich die Erbschaft der alten Templer den neuen zu Füssen, die erworbenen Güter des alten Kreuzes den Bekennern des neuen

Bitte! rief Leidenfrost, nicht so viel Wind! Das Papiergeld fliegt davon. Es ging mir jüngst so mit zwei Talerscheinen, als ich auf der neuen brücke stand und in meinem Portemonnaie einen Dreier für einen Armen suchte. Ehe der Bügel zuklappte, schwammen die Vögel schon den Strom der Vergessenheit hinunter.

Dankmar, der sich nicht stören liess, fuhr aber fort:

Wenn ich mir dächte: Man gründete schulen für freie Religionsbekenntnisse, stiftete Stipendien auf Universitäten für bestimmte Aufgaben unabhängiger Wissenschaftlichkeit, arbeitete den Jesuiten entgegen, die sich überall Kirchen kaufen können, um zu predigen, während die ganze deutsch-katolische Bewegung gescheitert ist an der Armut ihrer Bekenner! Keine Kirche tat sich auf. Kein grosser gefeierter Teolog konnte sichergestellt werden. Keine neubegründete Schule konnte Freiunterricht gewähren, während alle alten Institutionen, die sich überlebt haben, gleichsam ihre dürren arme ausstrecken und nur um des Mammons willen, den sie in vollen Truhen besitzen, die massen an sich ziehen!

Werdeck schüttelte Dankmarn die Hand.

Verzagen wir nicht! Es kommt ein Geistesfrühling!

Ergriffen schlugen Alle ein.

Gedenken wir des Fünften im Bunde, Siegbert's! sagte Leidenfrost. Wir Alle sind zu stürmisch! Louis Armand und Siegbert sind unsre sanften Johannesjünger! Ihre Wege sind die der Liebe! Sie wirken vielleicht mehr als wir!

Damit gingen die Freunde. Werdeck zu seiner Gattin, um ihr den neuen Verwandten anzukündigen und sie auf seinen Besuch vorzubereiten, Leidenfrost in die Willing'sche Anstalt, um dort den Tag seiner Abreise zu vernehmen. Dankmar und Louis wollten forschen, wo Otto von Dystra wohne. Leidenfrost konnte es ihnen schon sagen: In der Stadt Rom.

Louis und Dankmar gingen in die Stadt Rom.

Neuntes Capitel

Die Stadt Rom

Auf einem seidnen Kanapé, den Kopf in ein Rückenkissen gelehnt, ein grosses Kupferwerk durchblätternd, lag ein nicht mehr junger Mann wie ein Taschenmesser zusammengeklappt. Der fast haarlose Kopf war von einer eigentümlichen spitz zulaufenden Bildung. Die hohe Stirn, die freien Schläfe leuchteten fast chinesenhaft, dagegen war die Pflege des Bartes türkisch. Die Augen zwinkerten aus mehr ovallänglichen als runden Höhlen und lagen tief versenkt. Um den Mund, der zuweilen aus einer Bernsteinspitze eine Cigarre wieder neu anblies, erkannte man trotz des reichen gefärbten Bartwuchses die zuckenden Schlänglein der Ironie und Satyre, die sich zuweilen in grosse Falten verwandelten, wenn der Sonderling das Buch fortlegen, die Cigarre aus dem mund nehmen und über irgend etwas, was ihm plötzlich einzufallen schien, laut lachen musste. Ein dunkelblausammetner Schlafrock mit gelben Schnüren besetzt hüllte die kleine Figur des kahlköpfigen Schwarz-Bärtlings behaglich ein und vermehrte den orientalischen Typus, der noch durch die Vorhänge des Zimmers und den mit gewirkten Teppichen bedeckten Fussboden erhöht wurde.

Das grosse von dem die behaglichste Siesta geniessenden mann durchblätterte Kupferwerk waren die Abbildungen der in Niniveh ausgegrabenen Denkmäler. So sehr ihn diese abenteuerlichen Steinmassen, diese kolossalen Tier- und Götzen-Steinbilder zu interessiren schienen, so frisch und rege musste doch auch noch ein andrer in ihm nachwirkender Gegenstand ihn ergreifen. Dieser war komischer Art, zum lachen reizend, zum lautesten lachen ...

Vor ihm, der zusammengekauerten, mit einem türkischen Fez auf dem Haupt bedeckten Gestalt, stand auf einem runden Tische eine, wie es schien, längst ausgetrunkene Chokoladentasse und eine Karaffe frischen Wassers, die ebenfalls fast ganz geleert war. Der weisse Porzellanofen verbreitete eine angenehme