1850_Gutzkow_030_731.txt

noch oft genug finden.

Der Brief, Major! drängte Dankmar.

Der Major gab Dankmarn einen Brief, der so laute

te:

**** "Bereiten Sie sich auf eine Katastrophe vor!

Ihre Gesinnung ist der Armee ein Gräuel! Ein Offizier, von Adel, in unmittelbarer Nähe des Hofes, bei einer bevorzugten Truppengattung, aufgewachsen in dem esprit de corps unbedingter Hingabe an die Interessen des alten Feudalstaates, neigen Sie sich zu den Anschauungen der Neuzeit, verlangen militairische Reformen, verspotten ehrwürdige Institutionen, bezweifeln die nachhaltige Schlagfertigkeit der jetzigen Heereseinrichtung und äussern sich öffentlich über die Stellung des Kriegers, die Sie in der Mitte zwischen Disciplinar- und Staatsbürgerpflichten unglücklich nennen! Da man weiss, dass Sie für offne Rügen Ihrer Gesinnung die übliche Genugtuung fordern würden und es die kleinen in den Kafés und auf der Wachtparade schimpfenden und bramarbasirenden Junker vorziehen, ihr Blut nur auf dem feld der Ehre zu verspritzen, so ist fast anzunehmen, dass die Briefe, die auswärtige Flüchtlinge an hiesige Demokraten, in denen Ihrer als eines Bundesgenossen und schlagfertigen Verschwörers Erwähnung getan wird, geschrieben haben, unechte, untergeschobene sind. Ordnen Sie Ihre Papiere! Entfernen Sie Alles, was Sie irgendwie belasten dürfte! Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Sie wegen gewisser vorgefundener Briefe binnen Kurzem vor ein Militairgericht gestellt werden."

Die Bestürzung, die dieser Brief bei den Freunden hervorrief, war nicht gering. Man begriff nicht, wie der Major dabei so ruhig bleiben und sagen konnte:

Anfangs hielt ich diese anonyme, mit unserm Zeichen versehene Mitteilung für einen Scherz. Seit ich aber finde, dass Alles, was man in dieser Form auch Ihnen mitteilte, auf vernünftigen Grundlagen beruht und von einem wirklichen Wohlwollen eingegeben ist, sehe' ich diese Warnung schon ernster an. Indessen bin ich durch nichts beunruhigt. Die einzige Konspiration, in die ich mich eingelassen habe, ist die unsrige. Sie beruht auf Ideen und entbehrt jeder Form. Ich erkenne schon lange die geheimen Spuren eines mir immer näherrückenden tiefangelegten Planes, der von jenen unglückselig verblendeten Reubündlern ausgeht, deren Gesinnung überall dahin verzweigt ist, wo aus einer öffentlichen Kasse ein Gehalt gezahlt wird oder durch die neue Umwälzung irgend ein altes Recht verloren ging. Weil ich erklärt habe, dass man vor dem Geist der Zeit nicht erschrecken, ihn zum Durchbruch kommen lassen und dann erst aus diesem Geist selbst regeln, dann erst mit wahrer Liebe zur Freiheit die Freiheit lenken müsse, bin ich verhasst, verfolgt und es soll mich nicht wundern, wenn man irgend etwas ersänne, um mir, wenn nicht meine Ehre, doch diesen Rock, den ich im Dienste des Vaterlandes zu tragen glaube und auf den ich stolzer bin, als diese kindischen Alten und diese jungen Greise auf ihre Schnüre und Achselbänder, vom leib zu ziehen. Wehe aber Denen, die sich in ihren Intriguen nicht vorgesehen haben! Ich bin durch die Disciplin nicht entmannt. Ich fühle etwas von jenem selbstständigen Soldatengeiste in mir, der mit dem Degen in der Faust sein Recht verteidigt und im grund nur so lange dient, als er dienen will und muss. Die Krieger im Mittelalter waren Männer, selbstständig, frei, sie dienten um Lohn und konnten scheiden von ihren Verpflichtungen, wenn sie kein Geld mehr nahmen. Diese neuen Armeen, die das Kabinetsinteresse geschaffen hat, sind die wahren Plagen der Menschheit. Unglückliche bedrängte zeiten schufen sie. Sie mussten da sein, um einige neuere Staaten zu erretten, einige Völker von ihren fremden Unterjochern zu befreien. Damals waren es bewaffnete Völker, bewaffnete Bürger. Mussten diese Armeen nun bleiben? Musste der Begriff der allgemeinen Volkswehr für ewige zeiten festgehalten und nur zum Besten der Kabinete ausgebeutet werden? Diese Armeen sind die gefährlichsten Störungen unsrer Ordnung und ehe sich nicht alle Völker Europas darüber verständigen, was Krieger sein sollen, wozu man Armeen unterhält, ehe nicht, da friedliche Verständigung hierüber kaum möglich ist, dies ganze furchtbar gespannte verhältnis einmal von selbst zusammenbricht, eher kommt nicht Friede Freiheit, Glück auf diese Erde. Ich bin ein Atom in dieser Betrachtung. Aber den Mut, der Dummheit der Masse gegenüber mit Hussen's o sancta simplicitas! auf einem Scheiterhaufen immerhin in furchtbarster Minorität zu stehen, den hab' ich und sehe den Intriguen dieser Menschen, die ihr Lebtag nur den Weibern, dem Spiel, der Trivialität nachjagten, getrost entgegen.

Werdeck war von dieser Erklärung so aufgeregt, dass er, obgleich von seiner Ruhe sprechend, doch mit glühendem Antlitz in dem kleinen Zimmer auf und nieder ging ...

Ich fühle, fuhr er, als die Freunde besorgt schwiegen, ich fühle, was an diesem meinem Aufentalt unter Ihnen, meine Herren, für meine Position bedenklich ist! Man hält mir jenen Corpsgeist entgegen, der mir es unbedingt verbieten solle, Andre aufzusuchen als Meinesgleichen.

Wie die Jesuiten in Freiburg erzogen werden, chinesisch abgeschlossen, so sollen wir Offiziere leben! Warum denn? Warum denn mit gebrochenem Herzen unter der Fahne stehen? Ich bin vom Adel, meine Vorfahren bedeckten die Schlachtfelder vieler Campagnen, soll ich die Erbschaft der alten Vorurteile übernehmen und diese tolle Einbildung meiner Standesgenossen dadurch unterstützen, dass ich meinen Verstand a priori gefangen gebe und die Anmassungen verteidige, die immer auf Rechnung der Ordnung und wieder der Ordnung und des göttlichen Rechtes gehen? Nein, ich weiss es leider, ich bin ein weisser Rabe in der Armee und nie auch werde' ich dazu kommen, ein revolutionärer Offizier wie Cromwell oder Napoleon zu sein,