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Tür der bescheidenen, noch warmen wohnung auf, rückte Bücher, Skripturen vom Tisch und rief noch einmal der Wirtin, die aus ihrem Mittagsschlafe schwer zu wecken war. Während er selbst die Vorbereitungen zu einem Kaffee in seiner blechernen Maschine machte, Spiritus anzündete und endlich von der gähnenden Wirtin unterstützt wurde, einmal häuslich und gemütlich einen Nachmittag nicht im Kaffeehause, sondern daheim zuzubringen, sprach er vom tod seiner Mutter, vom Leben überhaupt, vom geheimnis der Weltschöpfung, vom Gegensatz zwischen Materie und Geist, Himmel, Hölle, Erde, Lampendocht, Spiritus, Filtrirmaschinen und schloss seine aus Schmerz und Scherz gemischte Plauderei mit der Bemerkung:

Ja, lieber Armand, seit wir unter dem Kreuze in dem Ratskeller sassen, ist Manches geschehen; aber was ich auch erlebte und das Schlimmste ist allerdings der Leichenstein-Strich über ein teures Dasein, das ich noch für viel Glück aufgespart glaubte, Alles hat mich gelehrt: Wenn man die Grenze des Daseins fühlt, wenn man sieht, wie Alles endet und enden muss, ohne Ausnahme, dann, mein Freund, nimmt man das Schwerste im Leben leichter und setzt mit grössrer Lust sein Leben auch an das Traurigste. Ich bin nicht etwa entmutigt, wie Sie mich hier sehen. Aber ergrimmter bin ich, entschlossner, gleichgültiger um diese schönen Fratzen, die uns locken und schmeicheln wollen mit Worten: Ach, wie süss ist dies Leben! Schick' dich in diese Lügen! Dulde diese Irrtümer! Lass diese Narren regieren! Lass diese Welt gehen, wie sie geht! Der Tod meiner Mutter war so voll Überredung für mich, an ein Jenseits zu glauben. Ihre Gesichtszüge waren verklärter, nachdenklicher, strenger als je im Leben. Man konnte glauben, der im Schauen begriffene Geist liesse noch Spuren auf dem teuren Antlitz zurück. Wie ich sie in die Grube senken sah, wie Alles um mich her Tod und doch Unsterblichkeit auf dem Friedhofe flüsterte, da empfand ich Liebe für die Geschiedenen, Hass für die Lebenden. Vermessene Toren, rief es in mir, die Ihr Euch einbildet, das Leben beherrschen zu können! Wer seid Ihr denn, Ihr zufällig Reichen, Ihr angemasst Mächtigen, Ihr eingebildet Weisen! Hier ist Alles gleich, hier unter diesen welken Trauerpappeln ist die ganze Komödie aus und da drüben jagt, hetzt Ihr Euch mit Euern Leidenschaften und sinnlichen Interessen durcheinander! Glauben Sie mir, Louis, man muss das Leben verachten, um dem Leben eine grosse Tat zu hinterlassen. Ich würde mich nicht mehr bedenken, mein Haupt zu opfern, wenn ich glaubte das Rechte getroffen zu haben, um einer göttlichen Wahrheit in unserm Leben ihre Geltung zu verschaffen.

Louis war von der Aufregung, in der er seinen Freund und gönner wiederfand, erschüttert ... Wie geht es mit Ihren Hoffnungen auf ... Er stockte, das Wort: die Erbschaft, auszusprechen ... Ich bin im Begriff, sie auch in zweiter Instanz zu verlieren, sagte Dankmar und habe dann nur noch das Urteil vom Obertribunal revidiren zu lassen. Meine Hoffnung, der Welt zeigen zu können, wie wir mit ererbten Rechten verfahren sollen, wird sich nicht erfüllen. Indessen setz' ich Alles daran, wie ein Flügelross bis an die Stelle zu steigen, wo es immerhin tot niedersinken möge. Sie können sich denken, welche Entbehrungen ich leide. Die Kosten des Prozesses wachsen in's Unglaubliche. Das kleine Vermögen, das sich nun noch von der Mutter aus uns ergeben wird, ging teils im Begräbniss, teils in der Ordnung ihres Nachlasses schon hin. Den Rest werfen wir in jenen Abgrund, der uns keine Ergebnisse bringen wird, ich mag auch noch so viel in diesen Büchern studiren! Jetzt vollends, wo meine Hoffnung, dass mindestens der eine Concurrent, der Staat, die Ungehörigkeit seiner Ansprüche einsehen würde, sich betrogen sieht und durch Egon ein neues Leben in diese Angelegenheit kommt ...

Durch Egon? Wissen Sie Das ...

Von ihm selbst.

Sie sprachen ihn?

Kürzlich auf der Staatskanzlei, wo ich mir eine Audienz vom Premierminister erbat. Zum Menschen Egon geh' ich nicht.

Sie geben ihn auf?

In meinem Sinne, ja!

Wie war er gegen Sie? Kalt, zurückhaltend?

Im Gegenteil; er war offen und suchte die inzwischen durch seine Massnahmen so weit gerissene Kluft zwischen uns durch entgegenkommende Freundlichkeit zu verbergen ...

Sie machten dieselbe Erfahrung wie ich ...

Mein Freund, sagte Dankmar, geben Sie diese Anknüpfung auf! Ich denke mit Wehmut zurück, wie ich Egon fand, wie er mir die Freundschaft auf offnen Händen entgegentrug, wie er mir den Brudernamen aufdrängte. Dennoch muss ich gegen ihn gerecht sein. Ich entsinne mich, dass wir mehr in ihn hineingelegt haben, als wozu wir berechtigt waren. Wir hörten ihm zu und fühlten da schon die innere Trennung. Da wir ihn aber lieb hatten, wollten wir nicht sehen. Nun ist die chemische probe gekommen. Wer verdenkt ihm, dass er uns entgegnet: Ihr habt mich wie Eure Puppe behandelt, mit Euern Ideen mich ausgeputzt! Die Zeit des Scherzes ist vorüber.

Louis wollte dies Misverständniss nicht gelten lassen und behauptete, ein fremdartiger Einfluss hätte sich des so hoch gestiegenen Freundes plötzlich bemächtigt und ihn von ihren Anschauungen hinweggerissen ...

Nein, nein, sagte Dankmar. Das ist in der Ordnung und nicht weiter zu beklagen. Der Dämon, der die Welt regiertGott ist