wo alle Schuld nur auf ihn falle, war so mächtig in ihm, dass er anfangs an Egon's Beistand dachte. Allein war Das noch sein Egon? Er war's im Tone, in der Behandlung noch gewesen; er hatte ihn nicht lieblos empfangen, ihm täglich sein Haus angeboten. Aber eine Kluft hatte sich zwischen Beiden aufgetan, weiter, als der natürliche Abstand der Geburt. Die Romantik war vorüber, das praktische Leben hatte begonnen. Louis entschuldigte Egon, klagte sich an, zieh sich selbst der Eitelkeit, dass er von dem Freunde Egon, der einst in Lyon seine Schwester liebte und mit ihr wie mit seinem weib lebte, jemals die später entdeckte Fürstenwürde nicht trennte. Er fand es natürlich, dass Alles so kam, wie es jetzt gekommen; aber ihm lästig fallen, eine Audienz erbitten, ihm schreiben, eine Bitte vorlegen ... dazu war er zu stolz, zu verletzt, zu eingeschüchtert. Dann fiel ihm bei, ob nicht Dankmar Wildungen als Jurist helfen könnte und eben so schmeichelte sich ihm die Vorstellung ein, ob er nicht wagen sollte, den mehrfach genannten Otto von Dystra aufzusuchen und ihm die Lage eines Mannes vorzustellen, der aus einem fernen Weltteile ihm nicht unbekannt sein sollte.
Es war wieder Mittag. Die Arbeiter zerstreuten sich. Als sich Louis nach einem bescheidenen Mahle in einer nahgelegenen Wirtschaft in der Voraussetzung, vielleicht nun heute endlich Dankmar Wildungen und den von Murray erwähnten gönner, Otto von Dystra, aufzusuchen, besser anzog und in seinen Gerätschaften ordnete, fielen ihm die Gegenstände auf, die er im Forstause damals an sich genommen hatte. Es war ein Gesangbuch, ein Blumenstrauss und ein zierlicher Mädchenkamm. Er hatte diese Dinge an sich genommen, weil die von Ursula daran geknüpften Reden ihm so auffallend klangen, dass er glaubte, vielleicht entielten sie Tatsachen, die sich auf Murray's Sohn bezogen ...
Der Kamm war von Schildpatt und zeigte mit Elfenbein ausgelegt die Buchstaben H.D. Das Gesangbuch führte auf bestimmte Namen. Es war in schwarzes Leder gebunden und entielt auf dem Deckel die Notiz über die Geburt und die Verlobung eines jungen Mädchens, von dem Louis wusste, dass es eines Sonntags an der Sägemühle verunglückte. Heunisch, sagte er sich, hat sicher diese Gegenstände, auch den Blumenstrauss, den sie grade trug, aufbewahrt und die Alte sie eingeschlossen, um durch ihren steten Anblick ihn nicht zu traurig zu stimmen. Das Gesangbuch, der Kamm, der welke Blumenstrauss wurden Louis fast unter der Hand zu Tönen und Klängen und Reimen eines Gedichtes ...
Wie er den welken Strauss, der krampfhaft zusammengeballt schien, auseinanderfaltete, hörte er ein Klingen, wie von einem fallenden metallnen gegenstand. Am Boden sah er einen zerbrochenen Goldreif blinken. Er hob ihn auf. Sicher hatte dieser Ring in dem Gewirr des welken, heuartig gewordenen Blumenstrausses schon lange versteckt gelegen. Der Verlobungsring des unglücklichen Mädchens! dachte er. Wo ist nur die zweite Hälfte? Er suchte und fand sie nicht. Wer weiss, dachte er, durch welchen Zufall dieser Ring zerbrach! Die Treue hat ihr Heunisch wirklich gehalten ... Louis wollte den Ring mit den übrigen Gegenständen bei Seite legen, als ihm doch noch einfiel, nach einer möglichen Gravirung innen zu sehen. Er erstaunte, nicht die Buchstaben zu finden, die auf Heunisch's geschichte passten. Er las in dem Ringe P. und die ersten Züge eines kleinen v., die ohne Zweifel auf einen adligen Namen schliessen liessen. Auch sah er jetzt, dass er keinen Trau- oder Verlobungsring, sondern einen einfachen goldnen Reifen, dessen Kopf durch einen Stein verziert gewesen sein musste, vor sich hatte. Die adlige Bezeichnung des Ringes liess ihm als wahrscheinlich erkennen, dass er einen teil jenes Ringes vor sich hatte, von dem ihm Murray einst erzählt hatte. Und so steckte er dies Fragment behutsam zu sich und gedachte, ihn dem unglücklichen Gefangenen bei erster gelegenheit, wo er hoffte, ihn sprechen zu dürfen, zu übergeben. Die übrigen Gegenstände verschloss er wieder.
Mit einem alten Mantel, den er über seinen gewählten Anzug warf, ging Louis aus, um auf's Neue zu versuchen, Dankmar Wildungen zu treffen. Wie gross war seine Freude, als er grade beim Eintritt in das von den Freunden bewohnte Haus den Gesuchten die Stiege herabkommen sah! Wär' es Siegbert gewesen, so hätt' er ihn umarmt. Dankmarn schüttelte er die Hand und freute sich der herzlichen Erwiderung.
Seit wann sind Sie zurück?
Über eine Woche.
Wir verfehlten uns. Auch ich fragte nach Ihnen. Wie geht es meinem Bruder? Er sehreibt so selten.
Ich verliess ihn wohlauf, heiter und fröhlich ...
Heiter? Empfing er –
Es erfolgte jetzt die Verständigung wegen der Trauer. Dankmar sprach über das erlebte Leid. Es waren Worte, die in Kürze die schmerzliche Tatsache zusammenfassten. Er wünschte, dass Siegbert, wenn er auf dem land Zerstreuung hätte, nicht in die Residenz käme, die ihm wenig Trost bieten würde.
Einen Tag bin ich hier und dieses Chaos von Anmassung und Lüge!
Ich halte Sie auf!
Kommen Sie zu mir, Armand ... Gegessen ist auch bei mir schon. Aber einen Kaffee können wir noch brauen! Frau Schievelbein, Mokka, Java, Cheribon! Was sich findet! Aber schwarzen! Denn, Louis, wir trauern.
Damit schloss Dankmar die