1850_Gutzkow_030_721.txt

angeweht von Oleander's milderen Anschauungen und doch noch nicht ganz befreit von der bittern Schärfe seiner französischen Reminiscenzen, ein Gedicht in dieser fast an die lateinische katolische Poesie des Mittelalters erinnernden Fassung:

Welt, wie bist du weit und gross!

Alle Riegel sind gesprengt,

Alle Pforten ausgehängt!

Wie sich's wälzt und wie sich's drängt!

Und was birgt wohl noch dein Schoos?

Wolken, weilt! Wie folg' ich euch?

Stehe, Zeit, wie halt' ich dich?

Raum, du gähnst so fürchterlich!

Wo im Chaos rett' ich mich?

Bin ich nur der Feder gleich?

Wie dereinst bei'm Weltgericht

Hör' ich der Verdammten Chor.

Jeder drängt zum Richterohr,

Trägt nur sich, sein Rühmen vor,

Seine Furcht, sein Hoffen spricht!

Herzen ohne Harmonie

Durcheinander. Jedes' Brust

Hallt das Echo eigner Lust

Seiner Sprache nur bewusst,

Seiner eig'nen Melodie.

Tausend UhrenMitternacht

Weisend und die Pendel doch

Ungleich schwankend, tief und hoch,

Keinen hat der Kaiser noch

In den gleichen Takt gebracht!

Gern hätt' ich zum Wald hinaus

Mich in Einsamkeit gebannt,

Hätte an der Quelle Rand

Einen stillen grünen Stand

Mir gesucht, ein friedlich Haus.

Gerne hätt' ich mich gestellt

An den Busch der Nachtigall,

An ein Lerchennest im Tal,

Fliehend jeden Widerhall

Dieser Zeit und dieser Welt!

Doch ich muss, ein treuer Turm,

Wachen an dem Meeresrand

Bleiben fest im alten Stand,

Wenn umspühlt vom Wogenbrand,

Wenn umdonnert auch vom Sturm.

Die Entscheidung soll ich sehen,

Wenn zerkracht der Wolkenball!

In der dumpfen Donner Schall

In dem allgemeinen Fall

Muss ich sinken oder stehen.

Ein solches Gedicht, vom Augenblick geschaffen, blieb in Louis fest, wenn er es auch später erst niederschrieb.

Er hatte die wilde Stimmung seiner früheren Auffassungen noch nicht ganz dämpfen können, in der Form aber schon jene Natürlichkeit und Einfachheit, die er dem Beispiele Oleander's verdankte, sich anzueignen versucht.

Wie er noch so stand, dichtete, arbeitete, trat der junge Sandrart in die Werkstatt und begab sich sogleich an den Winkel, wo vor dem Fenster, nicht fern vom grossen eisernen Ofen, dessen Röhren durch die ganze Werkstatt sich zogen, Louis' gewöhnlicher Platz war. Er hatte von Madame Märtens rasch "avertirt" bekommen, dass Herr Louis Armand wieder "ritour" wäre und näherte sich ihm mit der Scheu, die Jedermann fühlen musste, der Louis' tieferes Streben mit der Zeit aus seiner einfachen, fast schüchternen Art sich zu geben, erkannt hatte. Alles, was er schon von der Alten gehört, musste ihm Louis wiederholen und vernahm es so aufmerksam, so überrascht, als hätt' es ihm Louis zum ersten Male erzählt.

Mein Vater erwartet mich zu Weihnachten, sagte er, aber ich werde keinen Urlaub bekommen; die dritte Kompagnie wird kurz gehalten. Aldenhoven ist Kapitain geworden. Wir werden gefuchtelt.

Wie geht es dem Major? fragte Louis.

Der Sergeant erzählte von dem immer offner hervortretenden Bruch in der Armee selbst. Werdeck, soweit sich Das aus seiner Sphäre beobachten liesse, wäre düster und mismutig, doch hätte er ihm kürzlich erst gesagt: Sandrart, Ihr kennt einen jungen Mann, Namens Louis Armand! Haltet Euch an ihn und seine Freunde! Sandrart wiederholte diese Worte mit Schüchternheit.

Wenn Sie wollen, Sergeant, sagte Louis und reichte ihm die Hand, ohne irgend eine Misstimmung wegen Franziska's zu verraten.

Der junge Krieger klagte über die Verwahrlosung des inneren Menschen unter den Waffen. Man exercire, stehe Wache, putze seine Montur und Armatur und im Übrigen hiess' es: Bete oder faullenze!

Es ist bei uns in Frankreich nicht anders, sagte Armand. Der Soldat soll immer eine Maschine sein, soll immer nur der Disciplin leben. Wer dann seine Zeit ausgedient hat, kommt nach haus, hat sein Handwerk verlernt oder die Arbeit am Pfluge ist ihm zu gering geworden.

Es ist ein Glück, dass es ehrliche Mädchen gibt ...

Wieso Mädchen und ehrliche?

Wer heiraten will, muss doch wieder an die Hobelbank oder auf's Feld zurück; um die Mädchen holt man ein, was man für sich beinah verlernt hat.

Das Gespräch war von den Gesellen belauscht worden. Man lachte und Louis liess sich eine so heitre Störung schon gefallen. Er setzte das Gespräch fort, von dem er nicht ahnte, dass es ihm später als "Soldatenverführung" ausgelegt werden sollte. Sandrart erzählte von den Schmeicheleien, mit denen man das Selbstbewusstsein des Heeres, das nur durch Schlachten gehoben werden könnte, heben wolle und nur einschläfere. Er erzählte von den Märchen, mit denen man die Krieger erschrecke, von einer neuen Revolution, wo nicht das Kind im Mutterleibe geschont werden sollte. Die Roten wollten den König, die Prinzen und Prinzessinnen morden und kein Soldat sollte ungespiesst bleiben ...

Die Gesellen lachten ...

Aber es kommt immer nicht, fuhr der aufgeregte Sergeant fort. Wir stehen des Morgens auf und gehen des Abends zu Bett mit dem Gedanken: Nun wird's losbrechen! Und kommt dann ein kleiner Allarm oder eine Schlägerei im wirtshaus oder eine Strassenrottirung, so können Sie sich daraus erklären, warum unsre Mannschaften gleich so fuchswild und erbittert zuschlagen. Die Leute sind gereizt und denken: Nun geht's an's Leben!

Trauriger Zustand, wenn in einem und demselben staat zwei Kräfte