... Er hatte einen Paletot unten hängen, den ihm Franz selber anziehen half ... Vor'm haus suchte er unter den Wägen den des Justizrats Schlurck, in den er einst vor diesem eisernen Portal so listig eingeschlüpft war ... Er fand ihn nicht und besann sich, dass Schlurck seine Equipage abgeschafft hatte ...
So wird sie der Prinz Egon nach haus fahren! dachte er ...
Er wandte noch einen blick auf die hellen Fenster zurück, dann ging er der Stadt zu, heute für seine träge und gleichgültig gestimmte natur fast überfüllt mit Anregungen und den merkwürdigsten Tatsachen ... Die Geheimrätin aber hatte für den Abend alle Fassung verloren und benahm sich so verwirrt, so beängstigt, dass Schlurck hätte sagen können, auch sie hätte wohl Gespenster gesehen. Er sagte es aber nicht. Er war schon längst nach seiner geheimnissvollen Unterredung mit dem Premierminister aus dem türkischen Zelte blass und ernst hervorgetreten, hatte einen wehmütigen, von Melanien mitten unter Scherzen wohlaufgefassten, wohlverstandenen blick auf sie geworfen und war in einem gemieteten Fiaker in aller Stille nach haus gefahren ... Melanie folgte ihm eine Stunde später, nicht im Wagen des Prinzen Egon, sondern in dem der Geheimrätin, den diese ihrer jungen Freundin für diese Abende regelmässig zu Gebote stellte.
Siebentes Capitel
Zerbrochene Ringe
Louis Armand, der mit Murray und dessen polizeilicher Eskorte fast zu gleicher Zeit in der Residenz angekommen war, ging vom Profosshaus voll Betrübniss zwar, doch nicht ganz ohne Hoffnung für Murray's ferneres Schicksal in seine bescheidenen Zimmer zurück, die sich inzwischen nach seinem Wunsche durch das von Rafflard innegehabte noch vermehrten. In der Werkstatt fand er alle seine Anordnungen befolgt. Diejenigen Gesellen, welchen er, unterbrochen zwar von den vielen in sein Leben eingreifenden begebenheiten, doch mit gründlichster Anleitung seine Art zu arbeiten mitgeteilt hatte, waren in der Befriedigung seiner strengen Ansprüche vorgeschritten. Er fand, dass man die Modelle zu Holzarbeiten, die er aus Ton geformt zurückgelassen, wohlgelungen in Holz nachgeahmt hatte und freute sich, dass sein auf Märtens' Namen gehendes Geschäft inzwischen einen unerwarteten Aufschwung genommen hatte. Waren auch die zeiten für Kunsttischlerei und Modellirarbeit, einen Luxuszweig der Gewerbe, nicht eben günstig, stockten ohnehin bei dem politischen Drucke, der auf den Gemütern lastete, alle Industrieen, so waren doch die Leistungen, die Louis Armand in seinem Fache aus Paris mitbrachte, zu auffallend gewesen, als dass sie ihm nicht eine reichliche Nachfrage dennoch hätten zuwenden sollen.
Frau Märtens war "kurios", wie sie sagte, wie Fränzchen lebe, ob sie nicht grüssen lasse, ob der alte Sandrart nichts dem jungen sagen lasse, ob Heunisch "allegro" wäre. Louis war so rasch, so übereilt von Hohenberg abgereist, dass er alle diese fragen nur unvollständig beantworten konnte. Höchlichst verwundert war Frau Märtens, dass Fränzchen nicht bei'm Onkel, sondern mit dessen "Permission" im haus eines dem alten Sandrart so nahewohnenden Ökonomen, des Generalpächters der Fürstlich Hohenbergischen Besitzungen, lebte. Sie malte sich das verhältnis in grossartigsten Umrissen aus und freute sich, dem jungen Sergeanten, der ein treufleissiger Besucher der alten Leute geblieben war, eine so neue Mitteilung stecken zu können. Ei, sagte sie, in der Küche ist sie nicht perfekt, aber einen Böfflamot, einen Bissteck und einen Amulet kann sie machen. Von einem Verhältnisse zwischen Louis selbst und diesem des Boeuf à la mode, des Beafsteaks und der Omeletten kundigen Fränzchen war nicht die Rede. Der sonderbare kleine platonische Roman, der sich zwischen Louis und Franziska angesponnen hatte, war von Frau Märtens und ihrer Brille völlig unbeachtet geblieben. Die halbwüchsige Gelehrte bemerkte in Liebessachen nur das Auffallende, das Hochromantische, durchschlagend Tragische und in Holzschnitten Darstellbare, ja selbst dem jungen Sandrart "schwante" nur etwas und einige Tage später, als Louis in der Werkstatt stand, nahte er sich Diesem ganz zutraulich mit der Frage nach Heunisch, seinem Vater, nach Fränzchen, dem ganzen Ullagrund und wünschte zu wissen, wie er Alle verlassen hätte.
Louis war tief verdüstert. Er war bei Egon gewesen und hatte ihn nur zwischen Tür und Angel sprechen können. Was hatte er gehört: Da bist du schon? Louis du bist zurück! Was hat dich heimgejagt? Dein Geschäft? Deine Bestellungen? Sieh! Sieh! Du fandest Alles vortrefflich – du schriebst mir, dass Ackermann ein Tausendkünstler ist – Gott gebe seinen Segen – nun willkommen, Louis – ah, Louis – wo nehm' ich Tage her, die mehr Stunden zählen als vierundzwanzig! Wann werde' ich dich ordentlich sprechen können? Siehst du, Das hab' ich von Eurer politischen Laufbahn – nun bin ich mitten im Gewühl – vergib die Eile, Louis – Und mit diesen Worten hatte sich Egon an Sollizitanten wenden müssen, deren in aller Morgenfrühe schon ein Dutzend im Zimmer standen. Louis war gegangen, einen Pfeil im Herzen ... Das ist aus, dachte er, darüber mach' denn ein Kreuz!
Erschüttert noch und tiefverletzt stand Louis in der Werkstatt und grübelte über ein Gedicht, das zur Not seine Stimmung ausdrücken sollte. Er gedachte Oleander's, Siegbert's, Murray's und Ackermann's – Alle diese edlen Männer hatten den Gedanken an Egon verdrängt und doch hing er an dem Jugendfreund wie an seinem Bruder. Er versuchte zum ersten Male in der Sprache seiner Vorfahren, in der deutschen, zu dichten und wagte,