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Krippe von Betlehem nach Loretto, anderswohin übersiedelt würden, ohne innerlichste, tiefste Anregung betreten und von dem Odem unergriffen bleiben, der früher in ihnen wehte.

So sprach Guido Stromer, den wir bei dieser gelegenheit schon vollständiger kennen lernen. Als er diese Worte, die fast eine Rede waren, geendet hatte, blickten natürlich Aller Augen zum Intendanten und erwarteten von ihm eine Erwiderung. Guido Stromer hatte einen Wunsch vom Herzen geschüttet, der etwas Feierliches hatte. Der Geheimrat repräsentirte in dem Augenblicke. Die einzige jedoch, die den gewaltigen Widerspruch einer so beredt vorgetragenen geistvollen Bitte und eines so unglaublich beschränkten Kopfes, wie Henning von Harder, sogleich ganz übersah und nachfühlte, war vielleicht nur Melanie's Mutter. Melanie hatte für lange Perorationen überhaupt keinen Sinn. Hannchen Schlurck aber, die Mutter, überdachte in ihrer üblichen trockenen Weise diese Situation ganz kurz und sprach ihr Resultat leise zur Frau von Reichmeier, die in ihrer Nähe sass, mit den Worten aus:

Was nutzt der Kuh Muskate!

Herr von Harder schwieg nämlich ganz und nickte nur, statt aller Antwort. Er nannte sonst, von seiner Gattin unbelauscht, Äusserungen, wie sie der Pfarrer hier vorgetragen hatte, "schwülstig" und verwies auch ihre Beantwortung meist an seine Frau, die ein Organ dafür hatte. Er belächelte Alles, was ihm zu schwunghaft auftrat. Wusste er doch von seiner Gattin, wie künstlich oft die Schwingen erst angebunden werden müssen, mit denen die grossen Geister vorgeben, natürlich zu fliegen ...

Melanie übernahm es daher, das Gespräch fortzuführen.

Ich wäre gerade im Gegenteil dafür, sagte sie, dass eine so wertvolle Einrichtung ganz geteilt und überallhin zerstreut würde. Gehet hin in alle Welt und lehrt und prediget! Das kann man auch diesen kleinen Herrlichkeiten der frommen Fürstin zurufen. Da kommt ein Briefbeschwerer Dem wieder vor Augen, dessen Briefe oft darunterlagen, eine kleine Stickerei Dem, der dazu Subscriptionen sammelte, und wenn sich dann in Allem, wie Sie versichern, Herr Pfarrer, jenes gewisse Parfüm, der schöne Duft der Liebe und Andacht wiederfindet, so wirkt Das sogar noch Wunder. Es macht Proselyten, bekehrt Heiden. Es gewinnt, ohne dass ein starres Herz es ahnt, wie ich immer, wenn ich bei der unglücklichen Anna von Harder in Tempelheide die Windharfe im Parke flüstern und klagen höre, von Gefühlen bewegt bin, die ich selbst nicht habe, mir aber aus Andern herausdenke.

Man fand auch diese Auffassung charmant. Der Geheimrat lächelte wieder und dachte bei sich, wozu diese Reden alle! Ich halte mich an den Buchstaben meiner Instruction! Was kann ich von meiner sentimentalen Schwägerin Anna und ihrer Windharfe im Dienste meines Monarchen brauchen?

Stromer aber drohte der Sprecherin mit dem Finger und mit blitzenden exaltirten Augen.

Zu weltlich! zu weltlich! sagte er. Aber Sie mögen in Ihrem Sinn Recht haben! Ich wollte nur in dem meiner verstorbenen Gönnerin mich aussprechen. Wenn man so viele Beweise der Huld empfing, wie die Fürstin mir zuteilwerden liess, so ist man verpflichtet, das Gedächtniss der Spenderin in ihrem geist aufrechtzuerhalten. Ach! Ich fühle wohl, wie mit den Menschen auch die Gedanken sterben, die sie zu verwirklichen schienen. Ich bin jetzt über zwölf Jahre in diesem Orte und habe zehn Jahre lang täglich mindestens einige Stunden hier oben zugebracht. Die Fürstin war von einer bewundernswürdigen Offenheit und fand eigentlich eine Art von Genugtuung darin, sieh durch Aufrichtigkeit zu demütigen. Sie gestand jede Unwissenheit ein. Sie hatte, ich darf es so nennen, ein katolisches Princip, das ich natürlich nicht ganz billigte. War sie von irgend einem gegenstand lebhaft erfreut, so schenkte sie ihn sogleich weg. Sie wollte ihr Herz an nichts hängen, ausser an die Betrachtung des Ewigen. So gern hätte sie die allgemeine beichte unserer Kirche in eine Ohrenbeichte verwandelt und sich über jeden Fehler umständlich und unter Tränen ausgesprochen. Denn erst dadurch, sagte sie oft, kommt mir die Erleichterung von dem Druck, dass ein Anderer ganz weiss, was ich tat. Was sind Sünden, die man nicht bekennt! Sie schrieb viel, zerriss es wieder, liess aber auch Manches stehen. Ich warnte sie oft vor der Gefahr, die mit dem Buchstaben verbunden ist, aber es erleichterte sie, sich schriftlich auszusprechen. Einige solcher Betrachtungen hab' ich ja als Manuscript für Freunde später drucken lassen. Sie gefielen natürlich nur da, wo man die rechte Stimmung mitbrachte. Jetzt freilich würde' ich mich weniger so ganz darin verlieren, da die persönliche Beziehung fehlt und nur für das Persönliche sprech' ich ja.

Melanie's Mutter, um der drückenden und allzu persönlichen Vortragsweise Stromer's einen Damm zu setzen, sagte mit angenehmem Lächeln offen und ehrlich:

Ja, ja, Herr Pfarrer, tragen Sie nur jetzt den Kopf ein bischen mehr nach oben und lassen Sie die alten zeiten ruhen! Es sind nun Leute in dies Schloss gekommen, böse, böse Leute, die sich gern freuen, dass es in der Welt hübsch munter und lustig hergeht. Wer nach uns einzieht, kann man freilich nicht wissen. Aber wer's auch sei, Herr Pfarrer, bleiben Sie nur jetzt bei unserm Glauben. Wollen Sie Das? Immer! Wissen Sie, es hält oben, und einmal lebt man nur. Das ist zwar Alles recht dumm geredet, aber gesund ist's, darauf verlassen Sie sich, und Ihre liebe Frau blinkt mir schon zu und