1850_Gutzkow_030_719.txt

nickte.

Beobachten Sie das Haar, ob es schwarz wie die Perrücke, oder ob es mehr rötlichblond, wie das Ihrige ...

Blondrötlich ... warf Hackert bitter ein.

Nein, nein, so foncirt war es nicht

Legen Sie sich keinen Zwang an! Ich kenne mich, Madame. Aber ich fürchte, das wahre Haar jenes Mannes wird weiss sein ...

Ich weiss nicht, ob Sie dem scheinbaren Alter trauen dürfen. Ich höre von gebückter Haltung. Wer weiss, ob dieser rücken sich nicht erheben kann und dann etwa eine Statur herauskommt

Wie die meinige! sagte Hackert, da die Ludmer nach einem ungefähren Masse suchte.

Wie die Ihrige, ganz recht, Herr Hackert!

Kein besonderes Merkmal?

Ohrlöcher, an denen vor Jahren, vielleicht als Kind, Ringe getragen wurden ...

Keine Narbe? Kein Maal?

Vielleicht statt der Augenbrauen ein kahler Fleckmöglich, dass die Binde

Doch kein Feuerarbeiter gewesen? Kein Soldat? Offizier? Madame, ich wette, Sie vermuten einen Deserteur, der Ihrer Fahne durchging ...

Ha, ha! Nein! Spielen Sie auf Ihre eigne schöne Handschrift an! Forschen Sie, ob er Uhrmacher, Kupferstecher oder dergleichen ...

Ah so! Civil! Und der Charakter, die Art und Weise sich zu geben ...

Keck, frech, übermütig

Seines Siegs gewiss?

Brutal! Arrogant! Dünkelhaft! Eitel!

Wenn er erhört wurde?

Aufgeblasen! Spieler! Lügner! Ein Mensch, der die Verstellungskunst auf den höchsten Gipfel getrieben hat.

Hackert war überzeugt, dass die Ludmer einen ehemaligen Verehrer fürchtete ...

Lassen Sie etwas Geld fallen, klimpern Sie mit Gold und Silber, er kann dem Klange nicht widerstehen ... Da, Herr Hackert, nehmen Sie!

Bitte, sagte Hackert und lehnte das Geld, das die Ludmer aus dem Brusttuche nahm, ab ... Bitte! Bitte!

So ein paar Dukaten, wie diese, sagte die Alte aufdrängend, werden machen, dass er die Ohren spitzt. Beobachten Sie die wirkung, wenn Sie von Geld sprechen, von Münzen, vom überhandnehmenden Papiergelde ...

Sie haben einen ehemaligen Falschmünzer im Auge.

Die Ludmer erschrak. Sie war zu weit gegangen ...

Nein, nein, um Gotteswillen nicht, rief sie. Das nicht! Aber Sie werden ihn schon aus seiner Verstellung herauslocken. Sie haben Verstand, Herr Hackert. Sie verdienen das Vertrauen des Oberkommissärs. Nehmen Sie! Nehmen Sie!

Hackert sah die eingewickelten Dukaten. Er steckte sie zu sich und versicherte, dass er Alles aufbieten würde, dieser person sich zu nähern.

Sowie Sie Etwas erfahren habensagte die Ludmer im Aufstehen so freundlich und graziös, dass die drei ihr noch erhaltenen Zähne sich in völliger anmutigster Isolirung darboten ...

Hab' ich die Ehre aufzuwarten ...

Schon hatte Hackert den Hut in der Hand, schon hatte er eine Verbeugung versucht, die ihm nicht recht stehen wollte, schon wollte er einen Handkuss versuchen, als die entgegengesetzte Tür, die zu dem türkischen Zelte führte, rasch geöffnet wurde und eine hohe stolze Dame im Turban mit herabhängenden Perlenschnüren stürmend eintrat, um den in diesem Zimmer befindlichen Klingelzug zu ergreifen und den Bedienten zu schellen, die es vielleicht in der rauschenden Gesellschaft irgendwo fehlen liessen. Es war die Geheimrätin selbst. Wie sie aus dem hellen Lichtmeere ihrer Salons in dieses stille, nur dämmernd erhellte Kabinet trat, wie sie hier Menschen sah, die sie nicht erwartete und mit dem ersten blick auf Hackert fiel, schrak sie bebend zurück ...

Und Hackert ging in diesem Augenblick ...

Um Gotteswillen, was ist denn hier? Was war denn Das für ein Mensch? sagte die Geheimrätin als sie sogleich zu ihrem Troste die Ludmer entdeckt hatte. Allmächtiger Gott! Ja, du bist's. Du bist hier. Ich wollte nach dem Eise schellen! Ich fühle den Schreck in allen Gliedern ...

Mein Himmel, wie kann man aber so erschrecken

Aber dieser grinzende, abscheuliche Kopf? dachte' ich doch zu meinem Entsetzen, Wer vor mir stünde

Das rötliche Haar? ...

Die Figur, die Gesichtszügeeine grässliche Ähnlichkeit! ... Wie wird mir? Es ist, als hört' ich die Explosion

Die Ludmer hielt die Freundin, beruhigte sie und rief dann zur Tür hinaus nach den Bedienten ...

Mit was für Menschen du dich ziehest! stöhnte Pauline fast keuchend. Wer war denn Das?

Ein Agent der geheimen Polizei, sagte die Ludmer nicht ohne Stolz.

Aber was ist denn wieder im Werke? Was hast du denn vor?

Komm', Täubchen! Komm'! sagte die Alte mit künstlichem Scherz und zog ihre Gebieterin, ihre Freundin, ihr Kind durch das Zwischenkabinet in das türkische Zelt. Komm' in deine Sphäre! Lass mir die meine! Du weisst, ich krame gern!

Erst unter den lachenden, rauschenden, streitenden, neckenden Eindrücken ihrer heute' überfüllten Salons sammelte sich Pauline von Harder, die einen von den toten Erstandenen, eine der grauenhaftesten Erinnerungen ihres Lebens gesehen zu haben glaubte ... Die Ludmer sorgte für die Bedienung ... Hackert ging, von den Bedienten wegen seiner langen Entrevue mit der allmächtigen Frau Ludmer (auch "Hausdrache" genannt), mit vieler Rücksicht behandelt ... Es war kalt