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Ich übe mich in der Kunst des Inquirirens, in der ich kein Neuling bin. Wer weiss, was Murray im Forstause wollte! Vielleicht ist es ein Bruder der alten Ursula ...

Das war für die Ludmer fast zu viel. Sie hielt die Dose krampfhaft in der Hand, wollte aufstehen, setzte sich wieder und geriet in eine Unruhe, die Hackerten bewies, dass hier irgend ein interessantes geheimnis auf dem Spiele stände, vielleicht eines, wonach diese Alte die Mutter jenes Paul Zeck war und es nicht sein wollte.

Um ihr aber kein Mistrauen einzuflössen, sagte er mit ruhiger Miene:

Warum fragen Sie nicht bei dem Franzosen an? Bei Louis Armand, der so viel Teilnahme für Murray zu haben scheint, vielleicht in seine Pläne eingeweiht ist, vielleicht nicht ganz zufällig die Veranlassung war, dass Murray ihn begleitete, mit ihm das Forstaus besuchte ... Wer weiss Das?

Die Ludmer lehnte sich ganz entschieden dagegen auf, irgendwie noch den Kreis ihrer Vertrauten zu erweitern. Auch war ihr Alles, was sie von Louis Armand wusste, zuwider.

Aber die Aufgabe? drängte Hackert, als sie zögerte ...

Würden Sie sich wohl der Aufgabe unterziehen, flüsterte die Ludmer endlich mit gedämpfter, heiserer stimme, indem ihr zahnloser Mund süsssäuerlich und verführerisch schmunzelte; würden Sie wohl auf irgend eine Art vor der gerichtlichen, wie Sie wissen, langsamen Prozedur, zu erfahren suchen können, welches geheimnis hinter diesem Murray steckt ... ob es ein wirklicher Engländer ist ... welche Absicht ihn hierherführte ... welches sein Interesse an Auguste Ludmer, meiner Nichte, war ... warum er nach Hohenberg reiste ... was ihn in das Forstaus führte, in Begleitung des Blinden ... welches seine Beziehung zu Louis Armand, vielleicht gar zu den Brüdern Wildungen und all' den Männern ist, die nicht werden ertragen können, dass Prinz Egon sich Paulinen von Harder, meiner Gebieterin und ich kann wohl sagen, meiner Pflegetochter, anschliesst ... warum ist Murray mit einem Pistol bewaffnet? Warum das Attentat auf einen unglücklichen Blinden? Warum hat man Murray hier im Hotel garni bei Helene d'Azimont gesehen, bei der schönen Gräfin, von der Sie gehört haben werden, dass sie mit dem Prinzen Egon liirt war? Warum schloss sich Murray mit dem Jesuiten Rafflard ein, der sich zu allen nur erdenklichen Intriguen hergeben soll und sich auch wohl nicht wird gescheut haben, gegen die Geheimrätin, aus Rache für den Bruch mit Helene d'Azimont und dem Prinzen, irgend eine Schlechtigkeit zu unternehmen, kurz, Herr Hakkert, die Welt ist so böse, so böse, und es ist notwendig, dass man weiss, wer unsre Freunde und Feinde sind!

Die Last war abgeschüttelt. Die lauernde, grübelnde Umsicht der Alten stand nach diesen Worten in schwefelgelber Glorie da. So hatte diese Frau im Stillen über ihre geliebte Pauline gewacht! So hatte sie beobachtet, zusammengereimt und schweigend die Schärfe ihrer durchbohrenden Augen geübt! Pauline tändelte und phantasirte so hin. Die Ludmer wachte und lieh ihr den Verstand, der der klugen Geheimrätin, wenn sie das Eine ganz beschäftigte, für das Andere ganz fehlte. Sie hatte immer die Katastrophe erwartet, die jetzt hereinzubrechen schien. Bartusch's Anzeige, dass ihm der Taufschein Paul Zeck's, den sie haben wollte, um ihn zu vernichten, von einer wunderbaren unsichtbaren Gewalt geraubt worden war, hatte sie schon stutzig gemacht. Von Paul Zeck wusste sie nur so viel, dass er tot war. Die Ursula hatte diese Versicherung gegeben, hatte sich dann verheiratet und war ihr verschollen. Nun geschah so viel Rätselhaftes, die Scene, die im Forstause von Kümmerlein und Mullrich überrascht wurde, war so verworren, dass die Ludmer ein andres Licht begehrte, als das die Gerichte aufstecken konnten, und wenn es das rechte Licht war, das sie fürchtete, wollte sie es früher wissen! Pauline schien ihr allmächtig. Pauline konnte nach ihrer Vorstellung, unterstützt von dem Ministerpräsidenten und dem des Obertribunals, ihrem Schwiegervater, Alles zu stand bringen, was bei Andern an dem Vorbau der neuen "Justizunabhängigkeit" scheiterte. Deshalb wollte sie, ehe sie Paulinens Ruhe aufschreckte, rasch und sicher wissen, wer hinter jenem rätselhaften Fremden verborgen war.

Hackert besass eine Art von Vertraulichkeit, die jeden Gebildeten und feiner Erzogenen beleidigt haben würde. Bei der Ludmer war sie ganz am platz. Sie kicherte, als er ihre Hand fasste und dies alte knöcherne Geripp streichelte. Aber so wohl ihr der Kitzel tat, sie liess sich mit der Frage, wer jener Murray denn nun sein sollte, nicht fangen, sondern sagte:

Sie schlimmer, junger Mann! Sie sind ein Rechter! ... Wo hab' ich Sie nur schon einmal gesehen ... Sie ähneln recht ...

Warum vertrauen Sie nicht, Madame? bemerkte Hackert wieder mit einer schmachtenden Miene.

Ich begreife, warum Pax so grosse Stücke auf Sie hält! Ihre Handschrift soll wie in Kupfer gestochen

Sie unterbrach sich bei diesen Worten der Schmeichelei selbst und stockte über das Bild, das sie vom Kupferstechen brauchte.

Worauf soll ich forschen? erinnerte sie Hackert und rief sie aus ihren Träumen wach. Und nun flüsterte sie:

Sehen Sie, ob dieser Mann am Auge, das er verbirgt, wirklich einen Fehler hat oder ob er nur die Binde trägt, um seine Züge zu verstellen?

Hackert