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so klein war

Junge, rühr' mich nicht! Ich weiss, du willst mich daran erinnern, dass ich dich oft mit in den Ratskeller nahm, wenn die Sitzungen des hochedlen Magistrates zu trocken wurden. Hackert, ich wünschte, ich hätte dir als kleinem Anfänger von acht Jahren mehr Prügel und weniger Niernsteiner zu kosten gegeben. Ich habe den Pestalozzi immer so affektirt und die natur wirklich immer im Natürlichen gefunden. Aber tu' mir den Gefallen, gib der Alten nicht nach und sag' ihr etwa, im Archiv hausten zuweilen Ratten und Diebe. Sag' ihr, es gäbe Geister! Hörst du! Diese Menschen sollen und müssen an Geister glauben. Ich selbst glaube dran.

Das ist ja etwas ganz Neues, Herr Justizrat, sagte Hackert, dem die Bartuschen entrissene Urkunde über den Taufakt des Paul Zeck plötzlich an Bedeutung gewann. Seit wann glauben Sie denn an Geister?

Seitdem meine Frau nicht mehr in unserm guten Leitwasser, sondern im Jordan baden will, Hackert. Etwas muss der Mensch haben, an das er sich hält und das ausser ihm liegt. Mögen sie in die Kirchen rennen die alten Sünder und falsche Gesangbuchverse singen: Nr. 814, wenn der Küster und die Orgel Nr. 514 meint! Mögen sie zu Jesu halten, den ich herzlich lieb habe, weil er so tolerant war. Ich will auch etwas über mir anerkennen: Ratten, Mäuse, Geister, was man will. Und mit den Geistern hat es etwas auf sich. Voltaire hätte nur noch ein Jahr länger leben sollen und ich wette, er hätte nicht nur an die Ratten von Fernei, sondern auch an Gespenster geglaubt. Alle grossen Männer nehmen Geister an. Also ...

Hackert wusste nicht, ob der Justizrat im Ernst oder Scherz sprach. So durcheinander pflegte er bei Tisch zu plaudern.

Nicht wahr, mein Ende ist nahe, Fritz? sagte der Epikuräer. Ich werde gläubig, aber es muss pikant, neu, schauerlich sein, was ich glaube. Ich schliesse jetzt öfters mein Schränkchen, auf das du immer so neugierig warst, auf, binde mein Schurzfell öfters um, als sonst und bin ein fleissiger Maurer. Wir haben zwei Sekten in der Maurerei, eine vernunftaufgeklärte und eine mystische. Ich habe mich an die mystische, an die dunkle angeschlossen ... Ja, ja, lach' du nur! Ich hab' in meinen jungen Tagen auch gelacht, wenn ich las, dass Epikuräer in ihren alten die Beichtväter riefen und die Zauberer. Die Beichtväter mögen zu Madame Schlurck gehen. Ich möchte Zauberer rufen, Schatzgräber, Todtenbeschwörer. Wenn ich nicht noch gar Jesuit werde! Wärst du klug, Hackert, sagt' ich dir ein paar Jesuiten, die gut zahlen ...

Ich kenne zwei ... Propst Gelbsattel und General Voland von der Hahnenfeder.

Junge, bist du toll? Das wisst Ihr schon auf der geheimen Polizei? Ihr seid doch mit dem Teufel im Bunde! Aber verurteile die Leute nicht nach dem gemeinen Standpunkte eines Oberkommissärs, Hackert! Jesuiten, mein Sohn, sind die einzigen praktischen Menschen der Jetztzeit. Du hast Verstand, Umsicht, du kannst Carriere machen. Affiliire dich! Sie brauchen Kräfte, Intelligenz und Niemand ist ihnen willkommner, als wer zugleich im Dienste dieses dummen Zwangsstaates steht, dem sie seit drei Jahrhunderten Feindschaft geschworen haben. Denke nicht, dass ich ein Jesuit geworden bin. Aber werde bei zeiten katolisch, mein Sohn! Nur das Aparte kann einen Mann von Verstand befriedigen und wär' es auch die Glorie des Unverstandes! Mit den Beinen oben, Kopf unten! Warum nicht? Nur nicht wie die Schuster und Schneider! Nur nicht wie die dummen Gelehrten, die Staatsmänner, die ehrlichen Leute, die tugendhaften Weiber! Nur nicht die Sonne Sonne nennen! Ich bitte dich, Hackert, wenn die Alte von der Polizei spricht, sprich ihr von Geistern. Lasst uns die Furcht und die Gespenster leben! Das ist noch die letzte Poesie, die uns übrig bleibt und der Tod ist fürchterlich. Guten Abend, Hackert'chen! Halt dich brav! Guten Abend!

Hackerten war es doch wirblich geworden bei diesem tollen Humor des Justizrates, der plötzlich wieder seine ganze alte mephistophelische Färbung bekommen hatte. So kannte er ihn. So sass der Justizrat sonst beim Champagner bis in die Nacht und warf die lustigsten Raketen bunt durch alle Weise und Philosophen und Spötter, die mit ihm zechten! Wenn ein geistreicher Mann sich ausspannt aus der gewöhnlichen Maschine des Denkens, dem gewöhnlichen Karren der gesunden Vernunft, so kommen wunderliche Sprünge zum Vorschein. Schlurck polterte Alles durcheinander, war an demselben Abend katolisch, dann ein Botokude, dann wieder Grieche und ebenso rasch streitsüchtiger, verstandesscharfer Calvinist. In der Politik ohnehin fand er jede Partei gut oder dumm, je nach Laune oder innerer Regung. Hackert hatte sich eigentlich nach dieser Alles ironisirenden Art seines Pflegevaters gebildet, hörte ihm mit Lust zu und sah ihn nun ungern zur Gesellschaft zurückkehren.

Noch einmal wandte sich der Justizrat nach ihm um und sagte zu einem Menschen, der ihm schon viel Kummer bereitet hatte und der ihm dennoch lieb war:

Fritz! Ich habe immer gedacht, ich käme doch noch dahinter, welchem leichtsinnigen vornehmen Patron du dein Leben verdankst und wer die Rabenmutter ist, die dich in einem Waschkorbe vor das Waisenhaus stellte!

Sie wissen gewiss längst, antwortete Hackert, dass es ein Schneider vom hof war