1850_Gutzkow_030_714.txt

, gescherztjetzt

Wo Sie Schwiegervater einer Durchlaucht werden können

Schwiegervater einer

Besser konnten Sie sich doch dafür nicht revanchiren, dass Ihnen die Administration genommen wurde ...

Der Justizrat besann sich. Er fühlte sogleich, wie dreist und vorlaut diese Worte waren. Es fiel ihm plötzlich ein, dass im grund doch Hackert an Allem Schuld war, was ihn jetzt drückte. Er hatte Lasally, den Verlobten seiner Tochter, mit einem Darlehn von zehntausend Talern entschädigen müssen, das gewissermassen à fond perdu geradezu gesagt als Abfindungssumme gegeben war. Er hatte diese Summe nur mit grosser Mühe in der jetzigen schwierigen Geldklemme aufgetrieben. Er sah ein verhältnis zwischen Melanie und dem Fürsten Egon entstehen, das ihm weit weniger willkommen war, als wenn etwa Melanie und Dankmar Wildungen sich vereinigt hätten, wie ihm damals vorschwebte, als sein Verstand, sein juristischer Scharfsinn, seine ungemeine Rechtsgewandteit noch nicht dem bekannten Prozesse die Wendung gegeben hatte, die der Kommune günstig war. Er hatte Möglichkeiten gesehen, Dankmar Wildungen gewinnen zu lassen. Er hatte Melanie's Liebe zu Dankmar wohl erraten, wohl erwogen, welche Zukunft er sich und ihnen zaubern könnte. Dankmar hatte aber Melanie verschmäht, sich für immer ihr entfremdet, sie nur als eine vorübergehende Episode seines Lebens betrachtet. Vermögen war dem Justizrat lieber als jeder Titel. Was lag ihm an dem armen Prinzen Egon, den er gleich bei seinem ersten politischen Auftreten für einen Narren und Phantasten erklärte! Konnte er mehr erwarten, als dass Melanie zuletzt, wie dies in solchen Fällen zu geschehen pflegt, schwach genug sein würde, auch nur mit einer "Liaison" zwischen ihr und dem Fürsten sich zufrieden zu geben! Sein Scharfblick ahnte diesen Ausgang, der ihn bekümmerte, sogar der Moral wegen. Seine Melanie eine Fürstenmaitresse! Er schauderte. Und nun dieser abenteuerliche, verschuldete, arme Egon! Er wusste, dass seine Güter nur noch geringen Wert hatten, dass sie einem Projektenmacher, für den er Ackermann hielt, überlassen waren; er wusste, dass Egon, in plötzlicher aristokratischer Anwandlung, neue Schulden, ganz wie sein Vater gemacht hatte. Er wusste, wie tiefer sich mit dem Bankier von Reichmeier eingelassen. Was blühte da seiner ehrgeizigen Tochter? Von der strengen puritanischen natur Egon's, der im stand war, Melanie wirklich zu heiraten, hatte er keinen Begriff. Ein junger offenbar im Banne der Phantasie und der Sinne stehender Fürst schien ihm unmöglich die Anwandlungen einer stoischen Selbstkasteiung haben zu können, von denen wir wissen, dass sie Egon wirklich besass. Egon und Schlurck waren zwei diametral entgegengesetzte Charaktere, beide voll Phantasie, beide den Frauen ergeben und beide doch so völlig anders, wie Süd und Nord, wie Flamme und Eisblume.

Der Justizrat fuhr sich über die Stirn, die sich ihm plötzlich runzelte. Hackert's Dreistigkeit, ihn an diese Möglichkeiten und Familienverhältnisse zu erinnern, war ihm peinlich. Er wollte sich anfangs rasch entfernen und brach auch das Gespräch ab, indem er vorschützte, zur Gesellschaft zu müssen. Dennoch blieb er in der Tür stehen und wandte sich noch einmal mit den Worten zurück:

Wirst doch nicht glauben, Hackert, dass Charlotte Ludmer, die dich herbestellt hat, eine hübsche junge Kammerzofe ist? Du Teufelskerl! Warum läuft nur bei dir Alles auf die Weiber hinaus?

Ich denke mir, es ist der alte Drache, der mit Ihnen vorhin sprach.

So hast du von der Kehle doch auf die Visage geschlossen? Ich denke mir immer, dass die alten Hexen, die Fausten in Griechenland begegnet sind, wohin ihn mein göttlicher Goete reisen lässt, so aussahen wie diese Ludmer, und im Vertrauen gesagt, ihre Gebieterin, die Geheimrätin, geht auch schon stark in das Geschlecht der einäugigen Phorkystöchter über. Ich bin nicht neugierig. Was will die Alte von dir?

Soll ich erst hören.

Willst du wissen, was es sein wird?

Ein gestohlner Löffel, den ich bei den Pfandleihern aufsuchen soll.

glaube' ich nicht. Hier im haus weiss man die geheime Polizei besser zu schätzen. Ich denke, die Alte wird die Frage an dich richten, ob es im alten Ratsarchive hier wirklich Gespenster gibt?

Gespenster? fragte Hackert erstaunt und fühlte sich so sonderbar getroffen, dass er Schlurck gross ansah.

Ja, ja! sagte Schlurck, ohne Hackert's Befremden besonders zu bemerken. Diese Menschen sind prosaisch. Sie erfahren von Geistern und rufen nicht den Pfarrer, sondern gleich die Polizei.

Aber ich verstehe nicht

Die Alte hatte mir einen Auftrag gegeben, in den von unserm Stadtarchive aufbewahrten Kirchenregistern einer kleinen zu unserm Weichbilde gehörenden Ortschaft irgend ein Dokument, zu irgend einem namenlosen Zwecke, zu suchen. Ich übertrug diese Aufgabe, mit der einige delikate Rücksichten verbunden waren, dem im Suchen und Spioniren kundigen alten Maulwurfe

Bartusch! ergänzte Hackert gespannt.

Bartusch besucht den genannten Ort, findet den rechten Schrank, das rechte Papier und behauptet, eine Geisterhand hätte es ihm fortgerissen

Das rechte Papier? fragte Hackert.

Ja, so zu sagen, ein alter verfallener Pfandzettel! Genug, es spukt im Archiv und ich wette, die Alte ist ein Rationalist, wie alle Sünder, ehe sie auf dem Todbett liegen. Sie wird wissen wollen, ob die Polizei an Archivgespenster glaubt.

Dass im Ratskeller Geister sind, lernt' ich schon früh an den Weinfässern des alten Kellermeisters kennen

Wie so?

Wissen Sie nicht mehr, als ich